Vorsicht Facebook!

Libyen. Zur Diskriminierung unliebsamer Personen existiert auf Facebook ein kriminelles Netzwerk, das massenhaft gefälschte Seiten verbreitet.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das libysche Online-Magazin AlMarsad hat eine Menge dieser Fälle aufgedeckt und dokumentiert.

Die gefälschten Facebook-Seiten, die insbesondere Frauen betreffen, tauchten mit Beginn des Libyschen Forums für politischen Dialog (LPDF) vermehrt auf, um das Ansehen und die Reputation libyscher Persönlichkeiten, die im Focus des öffentlichen Lebens stehen, massiv zu schädigen und zu verleumden. Daneben existieren Seiten von frei erfundenen Personen und Institutionen wie zum Beispiel einem Tarhouna Displaced Persons Committee oder The Emirates Center for Studies and Media. Etliche dieser Fake-Seiten werden auf AlMarsad dokumentiert.

AlMarsad vermutet, dass hinter diesen gefälschten Seiten, die vorgeben zu bekannten Persönlichkeiten aus der Politik, dem Medienbereich, dem Militär oder auch der Kunst zu gehören, ein im Dunkeln agierendes Netzwerk steht, das der Moslembruderschaft zugehörig ist.

Die gefakten Seiten werden auf vielen Seiten geteilt und so findet die unter falschen Namen veröffentlichte Propaganda weite Verbreitung. Beispielsweise zählte der Journalist Hamza at-Tohami auf seiner gefälschten Seite 92.000 Followers. Die fälschlich ihm zugeschriebenen provokanten Aussagen forderten den Widerspruch anderer Facebook-Benutzer heraus, die sich ihrerseits zum Teil als gefälschte Seiten entpuppten, die wieder mit gefälschten Posts antworteten. Merkwürdigerweise hatten diese Seiten denselben Administrator.

Die Opfer von Fake-Angriffen sind vor allem Frauen, Politikerinnen, Abgeordnete, Diplomatinnen, Schauspielerinnen. Auch die erfundenen Figuren sind meist weiblich.

Insgesamt folgen fast eine Million Libyer diesen Fake-Seiten, die sie für echt halten. Die auf diesen Seiten verbreiteten Inhalte sind häufig moralisch fragwürdig oder sie richten sich gegen den Propheten; damit zielen sie auf einen Rufmord der betroffenen realen Person ab und sind als krimineller Akt zu werten. Die Facebook-Nutzer werden vorsätzlich in die Irre geführt und die betroffenen Personen nicht nur in ihrer Integrität verletzt, sondern auch deren Leib und Leben in der gegenwärtig aufgeheizten politischen Situation gefährdet.

Man erinnere sich an die Ermordung der Anwältin und Aktivistin Hanan al-Barasi, die vor wenigen Tagen am helllichten Tag in Bengasi erschossen wurde. Auch al-Barasi spielte auf gefälschten Facebook-Seiten eine Rolle und wurde dort mit Teilnehmern des LPDF (Libysches Forum für politischen Dialog) in Verbindung gebracht.

Weitere der von AlMarsad angeführten Beispiele: Eine Diplomatin bekennt sich auf der gefälschten Seite auf eine Art und Weise zu Frankreich und gegen den Islam, die suggeriert, die Türkei habe gegenüber Frankreich die richtige Haltung eingenommen. Eine andere Fake-Seite unterstellt der hochqualifizierten Leiterin der Organisation Lawyers for Justice in Libya, sie sei eine Stewardess, die über Politik diskutiere. Auf anderen Seiten werden Forderungen der Moslembruderschaft unterstützt.

Die Fälscher gehen äußerst raffiniert vor, vermischen häufig wahre mit falschen Behauptungen und lassen die Moslembrüder immer in einem glanzvollen, heldenhaft Licht erscheinen, die zum Beispiel verhinderen, dass Ungerechtigkeiten passieren. Die Seite des im wahren Leben nicht existenten Tarhouna Displaced Persons Committee vermittelt den Eindruck, dass die Armee die um Hilfe bettelnden Bewohner von Tarhouna im Stich gelassen hat. Die ebenfalls gefälschte Seite eines Parlamentariers aus Tarhouna teilt diese Seite, die dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Auf der Fake-Seite eines Parlamentsabgeordneten werden sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Kyrenaika unterstellt mit dem Ziel, Unruhen zwischen den verunglimpften Bürgern der Kyrenaika und Tarhouna zu stiften.

Eine andere gefälschte Seite unterstellt, dass die LNA den Tod ihres Generalmajors Wanis Buchhamada befördert hat und dass Attentate von der LNA selbst verübt würden. Krebserkrankungen werden als Strafe Gottes für die Unterstützung der LNA dargestellt. Daneben werden niemals gemachte, politisch brisante Aussagen prominenten Politkern auf deren gefakten Facebook-Seiten untergeschoben, um diese öffentlich in ein schlechtes Licht zu rücken.

In allen Fällen werden Sichtweisen, Lügengeschichten und Unterstellungen der Moslembruderschaft auf gefälschten Facebook-Seiten prominent dargestellt und verbreitet, von Personen, die davon nicht die geringste Ahnung haben oder erst gar nicht existieren.

Selbstredend werden auf diesen Fake-Seiten neben den gefälschten Inhalten auch gefälschte Fotos verwendet. Die meisten dieser gefälschten Seiten werden von Libyen aus betrieben, einige andere von der Türkei und der Schweiz aus, wo viele Mitglieder der Muslimbruderschaft aktiv sind.

Die große Frage bleibt, wie sich die Betroffenen vor solchen unter ihrem Namen eingerichteten Facebook-Seiten schützen können und wie Facebook den Schutz seiner Benutzer vor solchen betrügerischen Machenschaften krimineller Netzwerke gewährleisten kann.

https://almarsad.co/en/2020/11/11/report-al-marsad-exposes-dangerous-network-creating-fake-facebook-pages-to-target-libyans/

10:33 15.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

Kommentare 2