Wer sich auf Bahn-App verlässt, ist verlassen

DB/App. Das Abenteuer einer Bahnfahrt von Venedig nach München. Oder: Apps und andere Unzulänglichkeiten.
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Was war passiert? Wir hatten eine Bahnrückfahrkarte München – Venedig – München erworben. Die Rückfahrt erfolgte am 4. August. Bereits auf dem Ticket war ein Hinweis aufgedruckt, dass der Zug 43 Minuten früher als geplant vom Bahnhof Venezia Santa Lucia abfährt. Grund seien Bauarbeiten in der Stadt Mestre. Die reguläre Abfahrtszeit auf Gleis 11 um 13.35 Uhr sollte also auf 12.52 Uhr vorgezogen werden. Soweit so gut.

Öfter in Italien mit der Bahn unterwegs, beschlossen wir aufgrund der Erfahrungen auf chaotischen italienischen Bahnhöfen, die angepriesene Bahn-App auf unserem Handy zu installieren. Sicher ist sicher. Die Deutsche Bahn wirbt für ihre App: „Bei Verspätung und Zug- oder Halteausfällen erhalten Sie für Ihre hinterlegte Verbindung automatisch eine Information per Push-Nachricht oder E-Mail“. Verbindung hinterlegt – alles gut.

Als wir vormittags am Bahnhof Venezia Santa Lucia eintreffen, entnehmen wir der Anzeigetafel, dass unser Zug nach München nicht 43 Minuten, sondern nun sogar 60 Minuten früher abfährt, also bereits um 12.35 Uhr anstatt um 13.35. Ein Blick auf unsere Bahn-App sagt uns: Nichts. Alles beim Alten, Abfahrt 13.35 bzw. 43 Minuten früher auf Gleis 11.

Wir sind ja rechtzeitig da, also nichts passiert. Wir setzen uns auf eine Bank nahe Gleis 11 und warten. Zug ist allerdings noch keiner da und die Anschlagtafel am Bahnhof sagt auch nichts über das Gleis aus. Eine Nachfrage bei der Bahn-Information ergibt: Das Gleis erfahre man erst zehn Minuten vor Abfahrt. Das Gleis, ein bis zum Schluss gut gehütetes Geheimnis?

Zehn Minuten vor Abfahrt: Keine Gleisangabe auf der Anschlagtafel und die Dame am Infoschalter hat ihren Platz geräumt. Wahrscheinlich Mittagspause. Wir warten immer noch in Nähe von Gleis 11. Ein Blick auf die Bahn-App: Gleis 11.

Fünf Minuten vor Abfahrt: Wieder machen wir uns auf den Weg zur Anschlagtafel und jetzt endlich steht dort angeschlagen: Abfahrt Gleis 4!

Jetzt wird’s brenzlig! Wir hetzen mit Gepäck zum Bahnsteig 4, müssen uns noch von Bahnhofsangestellten die Temperatur messen lassen, bevor wir auf den letzten Drücker keuchend unseren Waggon besteigen. Hinter uns noch eine Handvoll anderer Reisender, die ebenso wie wir zum Zug hecheln.

Der Zug fährt auf die Minute pünktlich ab, sieht man davon ab, dass er eine Stunde zu früh fährt. Wir suchen unsere reservierten Plätze auf und stellen fest, dass wir die einzigen Fahrgäste im Waggon sind. Wie wir später feststellen, befinden sich im ganzen Zug nur etwa dreißig Passagiere. Wo mögen die Restlichen geblieben sein?

Jetzt wird’s noch mal abenteuerlich: Der Zug sollte über Vicenza - Verona – Innsbruck - Brenner fahren. Tatsächlich nimmt er die Strecke über Udine – Tauern Tunnel - Zell am See – Kitzbühel.

Eine surreale Bahnfahrt durch die Alpen in einem leeren Waggon und einem fast leeren Zug. Dafür mit ungereinigten Toiletten. Wir sind übrigens mit einem Zug der Österreichischen Bundesbahn unterwegs und zumindest dessen Personal verdient ein dickes Lob. Es klärt uns auf, dass wir sozusagen mit einem Sonderzug unterwegs sind, der wegen Bauarbeiten eine völlig andere Strecke fährt. Endlich nähern wir uns Kufstein, der deutschen Grenze. Hier fährt der Zug einfach durch. Erster Halt in Deutschland ist Rosenheim, Ankunft in München: eine Stunde Verspätung. Dafür sind wir ja auch eine Stunde früher abgefahren.

Ein Blick auf die Bahn-App sagt uns: Nichts. Hier wird immer noch angezeigt: Zug fährt 43 Minuten verfrüht auf Gleis 11.

An was liegt’s? Gilt die Bahn-App nur für den innerdeutschen Zugverkehr, nicht für Züge der ÖBB oder Züge, die von italienischen Bahnhöfen abfahren? Dies sollte zumindest mitgeteilt werden.

Oder funktioniert die Bahn-App nicht und man wiegt sich in einer völlig falschen, vorgegaukelten Sicherheit ob der Abfahrtszeiten und Gleisangaben? Oder zeigt die App nur an, wenn der Zug zu spät, nicht aber, wenn er zu früh fährt? Die Werbung ließe anderes hoffen: „Meine Reise: Echtzeit-Informationen mit aktuellen Abfahrts- und Ankunftszeiten.“[1]

Übrigens dürfte die Bahn-App da keine Ausnahme sein. Alles, was man über die sogenannte Corona-Warn-App liest, die fast 32 Millionen mal heruntergeladen wurde. Bis November 2020 wurden 13 Millionen Euro von der Bundesregierung ausgegeben, um sie zu bewerben. Keiner weiß allerdings, wie oft sie doppelt heruntergeladen wurde, wie oft sie wieder gelöscht wurde, wie oft sie aktiviert oder deaktiviert wurde. Dafür weiß Deutschlandfunk Kultur: „... kann die Bluetooth-Technik nicht unterscheiden, ob eine Person durch eine FFP2-Maske geschützt ist oder nicht. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlalarmen. Solche Effekte haben dazu beigetragen, dass der Nutzen der App bei der Unterbrechung von Infektionsketten relativ gering ist.“ Und gerade die vulnerable Gruppe der Senioren wird dadurch am wenigstens geschützt, denn es „nutzt die Hälfte der über 65-Jährigen überhaupt kein Smartphone.“[2]

Auch das neue Frühwarnsystem Cell Broadcasting, bei dem künftig besser vor drohenden Katastrophen gewarnt werden soll, lässt wohl einiges zu wünschen übrig. Gefährdete sollen per Text-Nachricht informiert werden. Ach ja? Die Oma hat bestimmt nachts ihr i-Phone neben sich liegen, damit sie auch mitbekommt, dass Hochwasser droht. Nur leider, das Hörgerät hat sie auch neben sich liegen. Ach so, sie besitzt gar kein i-Phone? Dann ist es auch egal, dass der Telefonapparat des analogen Festnetzanschlusses im Wohnzimmer steht oder das uralt Seniorenhandy seit vierzehn Tagen vergessen in der Handtasche liegt. Und wen stört es, dass „in extremen Situationen wie den jüngsten Hochwasserkatastrophen in Rheinland-Pfalz oder NRW die Zellen auch ausfallen können, weil die Stromversorgung zusammengebrochen ist oder der Funkmast weggespült wurde.“[3] Und vielleicht die Oma gleich mit?

Wie es sich mit dem digitalen Lernen verhält, weiß man seit den Lockdowns. Man hätte die Kinder lieber gleich zum Spielen rauslassen sollen, daraus hätten sie mit Sicherheit einen größeren Erkenntnisgewinn gezogen.

Frage: Ist der Mensch nicht für die digitale Zukunft oder die digitale Zukunft nicht für den Menschen geeignet? Um die Kompatibilität scheint es jedenfalls nicht gut bestellt.

[1] https://bahnauskunft.info/db-navigator/
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1125951/umfrage/downloads-der-corona-warn-app/
https://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-jahr-corona-warn-app-die-grosse-bevormundung-durch.1005.de.html?dram:article_id=498854
[3] https://www.tagesschau.de/inland/warnsystem-cell-broadcasting-101.html

18:02 11.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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