"Systemfrage oder Barbarei"

Psychologie des Wandels Konicz hat psychologisch einen toten Winkel: Zuzugeben, dass man ein Problem hat, kollidiert mit dem Bedürfnis, keine Schwäche zu zeigen in einem System der Gewinner.
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Ich finde den Text von Tomasz Konicz eigentlich großartig: Lupenreiner Materialismus ohne traditionalistischen oder moralistischen Schnickschnack, ohne "ein Teil der Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern", ohne falsche politische Loyalitäten ... schön, dass der Freitag sowas druckt.

Trotzdem habe ich beim Lesen manchmal gestockt; denn ich bin so einer, der systematisch Kontakt hält zu Bevölkerungsschichten, die sicher nicht den Freitag lesen, und die den Konicz-Text auch inhaltlich nicht verstehen würden. Das ist erst mal nicht schlimm - Stichwort Agitation und Propaganda: Man muss nicht alle in gleicher Weise ansprechen. Aber irgendwann muss man auch mal zur Agitation übergehen, die wohlstands- und bildungsfernen Schichten überzeugend ansprechen. Und dabei tut sich noch jenseits von inhaltlichen Begrifflichkeiten oder Konzepten ein großes Problem auf, das Konicz in seiner nüchternen Sachlichkeit vermutlich nicht wahrnimmt (oder ausspart): Das Eingeständnis, ein Problem zu haben, fällt Menschen umso schwerer, je mehr sie in einer wettbewerbsgeprägten Gesellschaft leben - und das ist enorm tief ins Unterbewusste eingegraben.

Man könnte da bis zu den Tieren zurückgreifen: Wer ein Haustier hat, weiß, dass es sehr schwer herauszufinden ist, ob ein Tier Schmerzen hat - weil es das nicht zeigen will, aus Angst, dann dominiert oder verlassen zu werden.
Man könnte Beispiele aus der Ethnologie heranziehen: In Afghanistan ist es nicht unüblich, dass Familien, die keinen ("wehrhaften") männlichen Nachkommen haben, eine Tochter "zum Sohn erklären", woraufhin das Kind quasi fremdbestimmt transsexuell heranwächst, bis sich nichts mehr verbergen lässt.
Soweit muss aber eigentlich gar nicht ausgegriffen werden, wenn man studieren will, was ich meine:
Es reicht schon, mit Menschen aus besagten Schichten regelmäßig zu sprechen, um zu erkennen, dass sie "ums Verrecken" keine Schwäche zeigen wollen - sei es, etwas nicht zu wissen; sei es, von irgendetwas gefährdet zu sein. Selbstkritik ist ein Elysium der gebildeten Mittelschicht, jenseits davon wird jemand, der zugibt ein Problem zu haben, als Schwächling, als Naivling, als "Opfer" wahrgenommen. Das zeigt nicht zuletzt die hartnäckige Haltung, pandemiebezogene persönliche Sicherheitsmaßnahmen zu betrachten als "Angst, sich anzustecken".

Ich möchte auf so eine Einstellung auch nicht als eine "prollige" Verweigerungshaltung herabsehen - die Menschen, von denen ich spreche, sehen sich von vielerlei Seiten einem existenziellen Druck ausgesetzt. Es ist subjektiv nur folgerichtig, dass sie Risiken leugnen und solchen politischen Akteuren zusprechen, die das tun.
Ein Krisenbewusstsein wird dadurch aber ausgebremst, weil die Individuen sich gezwungen sehen, Stärke zu demonstrieren und dagegensprechende Fakten zu verdrängen.

Wer also für die objektiv richtigen ökologischen Entscheidungen eine kritische Masse an Menschen mobilisieren will (und dazu gehört nun einmal sehr viel mehr als die gebildete, geschweige denn progressive Mittelschicht), muss den Individuen dauerhafte soziale Sicherheit signalisieren. Und das ist ein Generationenprojekt, weil Menschen, wenn sie einmal von Wettbewerbsbedingungen geprägt sind, dies nur noch schwer ablegen können. Ob das alles noch rechtzeitig kommen kann, steht natürlich in den Sternen ... aber "schlimmer geht immer".

Darum mein Appell:
Sprecht mit Leuten, die nicht Teil Eurer Blase sind, auch wenn sie Euch nerven - nur so bekommt Ihr eine Vorstellung davon, was "da draußen" los ist.
Wählt keine Partei, die "Wettbewerb" als etwas Positives darstellt - Wettbewerb macht krank, Wettbewerb macht kriminell, Wettbewerb verhindert jede Zukunft.
Und vor allem: Schafft aktiv Netzwerke der gegenseitigen Hilfe, entzieht Lebensbereiche den Marktmechanismen - nur als Beispiel: Wenn jemand davon erzählt umzuziehen, bietet aktiv Eure Hilfe an ... und habt keine Scheu, einen Gegengefallen zu erwarten.

Nur soziale Sicherheit schafft den psychologischen Spielraum, Probleme einzugestehen.
Und nur das Eingeständnis von Problemen schafft den Spielraum für Veränderungen.

20:55 21.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lt. Commander Geordi LaForge

If it works the way I think it will, once the invasive program starts spreading, it'll only be months before the Borg suffer total systems failure.
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