Er war Aktionskünstler

Erinnerung Am 14. Mai ist Dieter Kunzelmann gestorben
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Er war Aktionskünstler
Dieter Kunzelmann bei Haftantritt 1999

Foto: Kai Horstmann/Imago

1993 drehte ich für den damaligen Süddeutschen Rundfunk einen Film, „25 Jahre 68“. Dafür wollte ich unbedingt ein Interview mit Dieter Kunzelmann führen. Auf allen möglichen Kanälen suchte ich mit ihm Kontakt. In einer Nacht, nachdem wir Fritz Teufel einen Tag lang mit der Kamera begleitet hatten, rief er mich an. „Der Fritz hat gesagt, Du wärst ein Guter“, meinte er. Wir verabredeten uns für den kommenden Morgen in einem Café am Stuttgarter Platz in Berlin. Im Haus daneben war 1968 die legendäre Kommune beheimatet. Dieter Kunzelmann war ihr PR-Chef. Er stimmte einem Interview zu, wollte dabei seine wichtigsten APO-Stationen mit der S-Bahn anfahren. Bedingung war, das Team musste – wie er – schwarz fahren. Der Dreh war ein Spaß und Profi Kunzelmann erklärte mit viel Sarkasmus seine Sicht auf das Jahr 68.

Im Anschluss an die Dreharbeiten hielten wir engen Kontakt und als ich im Herbst 1993 im Stuttgarter Schauspielhaus zusammen mit Friedrich Schirmer, Werner Schretzmeier und den leider schon verstorbenen Marie Zimmermann und Klaus Harms ein 24 Stunden- Nonstop-Spektakel „68 – Das Jahr“ organisierte, kam er nach Stuttgart. Sein erster Weg führte zum Dornhaldenfriedhof um die Gräber von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe zu besuchen.

Fünf Jahre später, am 3. April 1998, erschien in der „Berliner Zeitung“ eine Todesanzeige die von Kunzelmanns Freitod verkündete. "Dieter Kunzelmann - 1939 -1998". Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod habe er frei bestimmt, lautete die Trauerannonce. Niemand in seiner engeren Umgebung wusste, ob dies den Tatsachen entsprach oder ein makabrer Scherz war. Dieter Kunzelmann wurde damals per Haftbefehl gesucht, wegen Eierwürfen auf den damaligen Berliner Bürgermeister Diepgen war er zu elf Monaten Haft verurteilt worden. Kunzelmann nannte ihn immer liebevoll „Diebchen“ und verwendete nur Brandenburgische Bio-Eier. Eines hatte er auf Diepgens Kopf mit den Worten „Frohe Ostern, du Weihnachtsmann“ zerdrückt.

Ich drehte für das damalige SDR Kulturmagazin „Et Zetera“ einen Nachruf mit sehr vielen Fragezeichen. Nach ein paar Wochen bekam ich einen Telefonanruf. Ob ich Kunzelmann treffen wolle. Ich verabredete mich mit mir unbekannten jungen Autonomen in Berlin. Hoch und Heilig musste ich versprechen niemanden etwas von dem Treffen zu verraten. Wir fuhren stundenlang durch ein mir unbekanntes Brandenburg. Schlussendlich landeten wir auf einem Bauernhof wo uns ein quicklebendiger Kunzelmann erwartete. Nach Kaffee und Kuchen ging es zurück. Der Hof gehörte einer damals ziemlich bekannten Künstlerin. Kunzelmann lud mich ein, an seiner Wiederauferstehung teil zu nehmen.

An seinem 60. Geburtstag, dem 14. Juli (auf dieses Datum war er immer besonders stolz) 1999, tauchte er mit einem rauschenden Fest im Berliner Mehringhof wieder auf. Mehrere Kamerateams begleiteten das Ereignis. Der Höhepunkt war Kunzelmanns Einzug in die Haftanstalt Moabit. Dort trat er seine Haft an. Der Gefängnisleitung erklärte er, er komme um eine Inspektion zur Überprüfung der Haftbedingungen in den Berliner Anstalten durchzuführen. Im Mai 2000 wurde er entlassen, zur Verabschiedung warf er nochmals drei Eier auf die Gefängnismauer.

In seinem tiefsten Herzen war Dieter Kunzelmann immer mehr Aktionskünstler denn Politaktivist. Schon in den 1960er Jahren war er Mitglied der Münchner Künstlergruppe „Spur“ und der Situationistischen Internationale. Später inszenierter er Happenings wie das legendäre Puddingattentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey oder er entstieg bei dem Staatsbegräbnis für den früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe einem Sarg mit der Aufschrift „Berliner Senat“.

Zwei Monate vor seinem 79. Geburtstag ist Dieter Kunzelmann in Berlin gestorben.

19:37 16.05.2018
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Geschrieben von

Goggo Gensch

Festivalleiter ("SWR Doku Festival"), Autor und Regisseur. Lebt in Stuttgart.
Goggo Gensch

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