Die Ruhe vor dem Sturm?

Moskau In der kommenden Woche fällt eine wichtige Entscheidung über die Auswirkungen der Zeitenwende vom 24. Februar.
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Der Titel dieses Blogbeitrags endet mit einem Fragezeichen. Andrew Marr, ein bekannter britischer Journalist, hat sich in seinem satirischen Brexit-Roman “Head of State” (deutsch: “Der Premierminister”) über Zeitungsartikel dieser Art geäußert. Er lässt einen der Romanhelden sagen, dass diese Titelfragen immer die gleiche Antwort hätten: “Nee, kann man so nicht sagen.” Ich weiß das und kann das Fragezeichen dennoch nicht vermeiden, denn ich weiß nicht, wie die russische Führung sich entscheiden wird.

Recht sicher erscheint mir die folgende Einschätzung. Wenn die russische Seite nicht bis etwa Mitte Mai eine große Offensive startet, wird ihre Angriffskrieg so sehr an Schwung verloren haben, dass Russland sich mit dem Einfrieren des Konflikts ungefähr entlang der derzeitigen Frontlinien zufrieden geben muss.Die Strategie eines Abnutzungskrieges gegen die Ukraine ist nicht länger erfolgversprechend, nachdem der Westen demLand praktisch einen Blankoscheck ausgestellt hat und seinerseits schrittweise den Wirtschaftskrieg mit Russland eskaliert. Ein solcher Abnutzungskrieg würde zwar immer noch der Ukraine, auf deren Territorium er sich abspielt, mehr schaden als Russland. Er würde auch immer noch im Westen höhere Kosten verursachen als in Russland. Es bestünde jedoch keine Aussicht mehr auf einen Sieg Russlands in absehbarer Zeit. Wenn Putin ebenfalls zu dieser Schlussfolgerung gelangt, wird er den Sieg durch eine Eskalation suchen.

Zunächst mag es allerdings taktlos erscheinen, wenn ich von einer Ruhe an den ukrainischen Fronten rede. An einigen Stellen wird heftig gekämpft. In der vergangenen Woche hat die ukrainische Seite in der Oblast Charkiw einige Dörfer zurückerobert, während in den Oblasten Luhansk und Donezk die russischen Truppen Dörfer in der Nähe von Sloviansk einnahmen und den Bahnknotenpunkt Popasna inzwischen nahezu vollständig unter ihre Kontrolle brachten. Die ukrainische Seite hat Mariupol nun auch offiziell aufgegeben. Selenskyj spricht von diplomatischen Bemühungen zur Evakuierung der restlichen, auf dem Asowstahl-Gelände verbliebenen Kämpfer. Russland greift in der gesamten Ukraine Ziele mit Raketen und Marschflugkörpern an. Dabei wurde gegen Odessa auch die strategische Luftwaffe eingesetzt.Der Begriff “Ruhe vor dem Sturm” ist also eher im Sinne des Buchs “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque zu verstehen. Der Krieg läuft weiter. Menschen sterben. Die Änderungen im Frontverlauf sind jedoch so gering, dass es aus strategischer Sicht nichts Neues gibt. Nach der Rücknahme der russischen Truppen vor Kiew hatten der Westen und die Ukraine eine russische Großoffensive im Donbass erwartet. Dazu ist es bisher nicht gekommen, obwohl die russischen Truppen umgruppiert und verstärkt worden sind.

Wird es eine russische Großoffensive geben?

Für das bisherige Ausbleiben der Großoffensive kommen drei Gründe in Betracht. Erstens könnte der russische Generalstab die Erfolgsaussichten der Offensive als zu gering eingeschätzt haben. Zweitens könnte der Generalstab zu dem Schluss gekommen sein, dass eine längere Vorbereitung die Erfolgsaussichten verbessert oder die zu erwartenden eigenen Verluste verringert. Drittens könnte die politische Führung gehofft haben, durch den Aufbau der Drohkulisse ein günstiges Verhandlungsergebnis zu erreichen, ohne die Offensive tatsächlich ausführen zu müssen. Im Folgenden diskutiere ich diese möglichen Gründe etwas näher.

Der russische Generalstab hat erheblich detailliertere Informationen über Truppenstärken, verbliebene Kampfstärken, verbliebene Ausrüstung und Stellungen der ukrainischen Truppen als sie öffentlich verfügbar sind. Ich kann also nicht ausschließen, dass man dort zu dem Schluss gekommen ist, die nötigen Durchbrüche in der Front seien nicht zu erreichen oder doch nur unter zu hohen eigenen Verlusten. Allerdings ist die Zahl der derzeit im Kampf stehenden russischen Truppen sehr viel kleiner alsdie Zahl der bereitgestellten Truppen. Die Luft- und Raketenangriffe sind derzeit zumeist auf Ziele ausgerichtet, die weit von der Front entfernt sind. Russland scheint also erhebliche Reserven zu haben, die in einer Donbass-Offensive eingesetzt werden könnten. Daher erscheint es mir wenig plausibel, dass der russische Generalstab die Erfolgsaussichten als zu klein einschätzt. Wahrscheinlicher ist, dass der Beginn der Offensive nur hinausgezögert wurde.

Was eine Verzögerung aus militärischen Gründen betrifft, so spricht dagegen, dass die Ukraine während dieser Zeit Verteidigungsstellungen ausbauen und ihre bisherigen Verluste an Ausrüstung und Bewaffnung teilweise ersetzen kann. Die Verzögerung ergibt also nur dann militärischen Sinn, wenn Russland in der gleichen Zeit die eigenen Truppen noch mehr verstärken und ihre Position noch stärker verbessern konnte als die ukrainische Seite.Alternativ könnte es sein, dass russische Aktionen die Möglichkeiten der ukrainischen Seite zur Reaktion auf die Offensive netto verschlechtert haben. Es gibt Hinweise auf eine solche Strategie. In den vergangenen Wochen hat die russische Seite an der Donbassfront und zum Teil auch an anderen Fronten die Verlustrate unter den ukrainischen Truppen durch starke Artillerieaktivität und gelegentliche Angriffe hoch gehalten. Gleichzeitig hat sie im Donbass bei Popasna und Yampil wichtige ukrainische Bahnlinien unterbrochen. Sie hat sich in die Position gebracht, eine weitere für den Nachschub nach Sloviansk und Kramatorsk sehr wichtige Bahnlinie im Raum von Barvinkove und Pashkove mit Artillerie zu beschiessen. Bei Bedarf kann sie diese mit einem massiven Angriff sehr schnell ganz unterbrechen. Den Luftangriffen auf die Treibstoffversorgung der Ukraine folgten solche auf die Bahninfrastruktur. Die ukrainischen Nachschublinien in den Donbass sind durch all das nicht völlig unterbrochen worden, aber ihre Kapazität hat sich deutlich verringert. Insbesondere sind die Linien für schnelle ukrainische Truppenverlegungen zwischen Punkten im Donbass nunmehr weitgehend blockiert. Durch punktuelle, aber vehemente Angriffe hat die russische Seite erzwingen können, dass die Ukraine an den angegriffenen Punkten Kontingente massieren musste. Diese Lage ist nun seit etwa einer Woche stabil. Die russische Seite kann daher recht gut vorhersagen, wie die ukrainische Seite versuchen würde, auf bestimmte russische Offensivoperationen zu reagieren. Aus meiner Sicht ist die russische Kriegsführung der letzten drei Wochen als Vorbereitung auf eine Großoffensive interpretierbar.

Eine Verzögerung der Großoffensive aus politischen Gründen ist etwas weniger wahrscheinlich. Bereits in den ersten Tagen nach dem russischen Rückzug vor Kiew hat die ukrainische Seite deutlich gemacht, dass sie kein Interesse mehr an ernsthaften Verhandlungen hatte. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es ist insofern verständlich, als sich die ukrainische Seite im Vergleich zu ihren Ansprüchen in einer ausgesprochen schwachen Verhandlungsposition befindet. Freilich ist nicht zu erwarten, dass sich diese Verhandlungsposition verbessert, sofern die russischen Kontingente tatsächlich zur Großoffensive antreten. Die Ukraine und der Westen scheinen zu spekulieren, dass entweder diese Großoffensive ausbleibt oder die ukrainischen Truppen den Donbass langsam zurückweichend räumen können, ohne eingeschlossen zu werden. Dass Russland eine derart massive Großoffensive gern vermieden hätte, ist sicher richtig. Insofern zwingen die Ukraine und der Westen Russland einen Strategiewechsel auf. Man kann daraus aber nicht ohne Weiteres schließen, dass ein solcher Strategiewechsel für die Ukraine und den Westen vorteilhaft wäre. Er würde für beide Konfliktseiten mit erheblichen Verlusten behaftet sein, vermutlich aber für die Ukraine und den Westen größeren als für Russland, selbst wenn man von territorialen Verlusten absieht.

Wenn all dem so ist, wird die russische Seite demnächst die Großoffensive beginnen. Es stellt sich die Frage, ob der Zeitpunkt in etwa vorhersagbar ist. An diesem Punkt gerät der 9. Mai als Tag des Sieges im 2. Weltkrieg in Sicht. Dieser Tag istim russischen Narrativ ungemein wichtig. Morgen wird sich Putin zum Krieg in der Ukraine erklären müssen. Er wird sich dabei insbesondere entscheiden müssen, ob er ihn weiter als Spezialoperation oder nun doch als Krieg bezeichnen will. Hier ist ein Exkurs zu den unterschiedlichen Gepflogenheiten Putins und westlicher Politiker bezüglich der Erklärung von Politik nötig. Es geht dabei nicht darum, ob Politiker lügen – das tun sie habituell. Es geht eher darum, ob sie sich um eine kohärente Argumentation bemühen, die man jemandem auf Augenhöhe erklären kann, der auch Rückfragen stellen darf.

Im Westen hat sich ein Politikstil herausgebildet, der konsequent auf kohärente Argumentationen verzichtet. Spätestens seit der Corona-Krise verzichtet er sogar auf eine kohärente Rechtsordnung. Durch Abschirmung der Politiker gegen kritische Geister werden Gegenfragen immer mehr ausgeschlossen. Wo das noch nicht möglich ist, reagieren die Politiker standardmäßig durch Ausweichen. Dieser Politikstil ist pervasiv. Er ist also nicht nur auf hohen Ebenen zu finden, auch wenn er dort am Besten beherrscht wird. Zwischen dem Kohärenzverlust der Erklärungen und dem Kohärenzverlust der Politik selbst besteht ein Wechselverhältnis. Einerseits lässt sich eine inkohärente Politik nicht auf Augenhöhe erklären und gegen Rückfragen verteidigen. Andererseits erleichtert ein erklärungsfreier Politikstil das Handeln, indem man nun auch bei den Entscheidungen auf Kohärenz verzichtet. Das ist eine Schwäche, die auf Dauer tödlich ist.

Putin und Lawrow glauben nicht an diesen Politikstil. Sie verachten vielmehr westliche Politiker dafür. Natürlich sind gerade in Russland auch nicht beliebige Gegenfragen zugelassen. Auch dort hat das Narrativ abenteuerliche Züge und die Kohärenz kann nicht immer gewahrt werden. Der entscheidende Unterschied ist, dass man dort das Streben um Kohärenz in den Entscheidungen und der Erklärung derselben für unabdingbar hält. Putin und Lawrow glauben, dass ein System zerfällt, wenn man dieses Streben aufgibt. Sie halten jedes auch nur punktuelle Scheitern in diesem Streben für eine Niederlage. Ich kann nicht behaupten, dass ich in dieser Frage anderer Meinung wäre als Putin und Lawrow. Für Putins Rede am 9. Mai ergibt sich daraus eine Erwartung, die er nicht enttäuschen darf. Er wird erklären müssen, wie er die Auseinandersetzung mit der Ukraine weiterführen will.

Eine Möglichkeit wäre eine formelle Kriegserklärung, die Russland bisher vermieden hat. Die USA haben ihre zahlreichen Kriege nach dem 2. Weltkrieg allesamt ohne formelle Kriegserklärungen geführt. Eine Kriegserklärung erfordert ein Narrativ, das dem Gegner die Schuld daran gibt, dass es so weit gekommen ist. Das ist im gegenwärtigen Fall schwierig, denn schließlich hat Russland am 24. Februar die Ukraine massiv angegriffen. Diesen Punkt könnte auch der beste Propagandist nicht völlig wegdiskutieren. Die Argumentationslinie würde wohl sein, dass ursprünglich nur eine Spezialoperation zum Schutz der Bevölkerung der Donbass-”Volksrepubliken” und zur Sicherung der Krim geplant war. Die ukrainische Seite habe die Ausweitung zu einem regelrechten Krieg zu verantworten. Als Beleg würde Putin wohl die nadelstichartigen Angriffe der Ukraine auf russisches Territorium heranziehen sowie eventuell die Angriffe auf russische Kriegsschiffe im Schwarzen Meer. Diese Schiffe waren zu den jeweiligen Zeitpunkten nicht in Kampfhandlungen verwickelt. Auf der internationalen Bühne gäbe eine derartige Argumentation nicht viel her. Jedoch sind Kriege in der Geschichte häufig mit noch unlogischeren Auslassungen überdie angebliche Schuld des Gegners erklärt worden. Das Zielpublikum ist in diesem Fall nicht die Weltöffentlichkeit, sondern die eigene Bevölkerung. Der russischen Bevölkerung könnte der Krieg, gerade am 9. Mai, nach der westlichen Sanktionswelle und den westlichen Waffenlieferungen als Schicksalskampf verkauft werden.

Die formelle Kriegserklärung würde fast mit Notwendigkeit mit dem Beginn der Großoffensive zusammenfallen. Sie könnte diesem Beginn auch nach einigen Stunden folgen oder diesem Beginn einige Stunden oder sogar Tage vorausgehen. Kaum denkbar ist jedoch, dass nach einer Kriegserklärung am 9. Mai eine Woche lang gar nichts von militärischem Belang geschähe. Wenn die Großoffensive nicht in der kommenden Woche gestartet werden soll, ergibt auch eine Kriegserklärung keinen Sinn.

Wie könnte eine russische Großoffensive verlaufen?

Das wesentliche Ziel einer russischen Großoffensive ist leicht zu benennen, auch wenn es in russischen Verlautbarungen kaum auftaucht. Die russischen Truppen haben im Süden erhebliche Erfolge erzielt. Aus russischer Sicht hat sich die strategische Lage der Krim erheblich verbessert. Das vor dem 24. Februar aus russischer Sicht bestehende Hauptproblem blieb jedoch ungelöst. Es bestehtin der Massierung ukrainischer Truppen am westlichen Stadtrand von Donezk. Diese Truppen haben die wichtigste Stadt des Donbass seit 2014 immer wieder beschossen. Eine vorteilhafte Entwicklung der “Volksrepublik” Donezk ist kaum denkbar, wenn sie nicht vertrieben werden.

Das zweitwichtigste strategische Ziel ist Sjewerodonezk in der Oblast Luhansk, wo die russischen Truppen bereits am Stadtrand stehen. Aus strategischen Gründen nicht unbedingt notwendig ist die Eroberung von Sloviansk und Kramatorsk. Die derzeitigen russischen Angriffskeile sind allerdings klar darauf ausgerichtet, diese beiden Städte zu nehmen.Der Grund ist neben dem Prestige und einer Revanche für 2014 auch die notwendige wirtschaftliche Konsolidierung der “Volksrepublik” Donezk. Diese ließe sich nur schwer ohne die Eroberung von Sloviansk und Kramatorsk erreichen. Wenn es der russischen Seite gelingt, all diese Zentren zu nehmen, wird sie die Linie an den Westgrenzen der Oblaste Luhansk und Donezk ziehen wollen.

Diese russischen Ziele waren auch für die ukrainische Seite so offensichtlich erkennbar, dass sie ihre Verteidigung entsprechend aufgestellt hat. Daher sieht sich die russische Seite zu Finten genötigt. Die wirkungsvollste davon ist der Aufbau einer Drohkulisse gegen Odessa. Ein Verlust von Odessa und allgemein des Seezugangs würde die Ukraine wirtschaftlich anhaltend verkrüppeln. Diese Stadt muss daher unter allen Umständen verteidigt werden. Eine plausible Drohung mit einem Angriff auf Odessa bindet deshalb starke ukrainische Truppenkontingente weit entfernt von der Donbass-Front. Dass Russland Odessa tatsächlich angreift, ist aus verschiedenen Gründen eher unwahrscheinlich. Die ukrainischen Truppen dürften inzwischen stark genug und gut genug aufgestellt sein, um eine Landung östlich von Odessa zurückzuschlagen. In Transnistrien verfügt Russland nicht über genügend starke Kontingente, um plausibel auch nur Druck auszuüben, geschweige denn, Odessa von Nordwesten aus anzugreifen. In Betracht kämen nur ein Vorstoß auf dem Landweg über den Raum Mykolaiv, das dabei zunächst nördlich umgangen würde oder eine Landung südwestlich des Dnjestr zwischen Odessa und der Donaugrenze zu Rumänien. Russland hat unzweifelhaft Aufklärungsoperationen durchgeführt, die solche Planungen nahelegen. Sie können aber eben auch nur darauf gerichtet gewesen sein, die Finte glaubhafter zu machen. Eine Landung westlich des Dnjestr erscheint strategisch unvorteilhaft. Das Gelände ist nicht sonderlich wegsam und der Nachschub wäre nur auf dem Seeweg möglich, ohne dass ein großer Hafen zur Verfügung stünde. Zudem ist Odessa auf dieser Seite durch ein natürliches Hindernis geschützt. Dessen Umgehung ginge nicht ohne Verletzung der territorialen Integrität Moldawiens ab. Ein Durchbruch nördlich von Mykolaiv erschiene aussichtsreicher.

Aus meiner Sicht sprechen politische Erwägungen dafür, dass der auf Odessagerichtete Druck nur eine Finte ist. Über eine dauerhafte Schwächung der Ukraine hinaus hat Russland hier kein strategisches Interesse. Wenn russische Truppen Odessa einmal eingenommen hätten, was vermutlich nur unter erheblichen eigenen Verlusten möglich wäre, könntees in einer Verhandlungslösung kaum wieder aufgegeben werden. Russland gewänne damit also kein Faustpfand für Verhandlungen. Es verlöre vielmehr das Faustpfand der Seeblockade der Ukraine, deren Beendingung man im Rahmen von Verhandlungen anbieten könnte. Zudem würde die Ukraine durch den Verlust Odessas in eine objektiv unerträgliche Situation gebracht. Das würde einen nächsten Krieg vorprogrammieren, an dem Russland kein Interesse mehr hätte.

Wenn es also in der Anfangsphase der Offensive russische Operationen in Richtung Odessa geben sollte, dürfte deren eigentliches Ziel die Ablenkung und Zersplitterung der ukrainischen Kräfte sein. Nur wenn die ukrainische Seite dort so wenige Kräfte einsetzt, dass die russische Seite Odessa mit geringem Aufwand einschliessen kann, wird diese das vermutlich auch tun. Sie wird jedoch kaum einen Versuch unternehmen, die Stadt tatsächlich zu stürmen.

Zu erwarten ist eher, dass die Kräfte der Südfront versuchen werden, etwa entlang der Westgrenze der Oblast Donezk nach Norden vorzustoßen, um einen Abzug ukrainischer Kontingente aus dem Donbass zu erzwingen. Da diese voraussichtliche Stoßrichtung sehr leicht ausrechenbar ist,wäre aber auch damit zu rechnen, dass die russische Seite versucht, die zum Schutz von Saporischschja angelegten Stellungen des Asow-Regiments nördlich zu umgehen, diese Kräfte einzuschließen und Saporischschja zu bedrohen.

Neben der militärischen Komponente wäre wohl auch mit Cyberangriffen und der Störung der ukrainischen Energieversorgung zu rechnen. Aus russischer politischer Sicht spricht gegen eine Eskalation, dass mehrere westeuropäische Länder nach wie vor viel Geld für Gaslieferungen an Russland zahlen. Ein erheblicherTeil dieser Lieferung läuft über die Ukraine, die dafür auch Transitgebühren bekommt. Ein Stopp würde zwar einerseits die Finanzierung der Ukraine durch den Westen verteuern, andererseits würde er aber auch zu großen wirtschaftlichen Verlusten in Russland führen. Falls Putin nun aber zu der Ansicht gelangt, dass die russischen Ziele ohne eine neue Großoffensive nicht mehr zu erreichen sind, könnte Putin er folgern, dass das Gasgeschäft jetzt aufgegeben werden muss. Die Kosten einer solchen Entscheidung wären begrenzt, die Bemühungen des Westens, russische Energieträger so schnell wie möglich zu ersetzen, aller Voraussicht nach unwiderruflich sind. Das gilt umso mehr, als der Westen auf eine Großoffensive ohnehin irgendwie reagieren müsste. Nach Lage der Dinge hat er nicht mehr viele Optionen, die unterhalb eines völligen Abbruchs der Wirtschaftsbeziehungen liegen. Wenn Putin die Entscheidung zu einem sofortigen vollkommenen wirtschaftlichen Bruch mit dem Westen trifft, so hätte das erhebliche Auswirkungen für die Ukraine. Bisherige Rücksichten auf bestimmte Teile der ukrainischen Wirtschaft würden sofort entfallen. Soweit mir bekannt ist, produziert das Kernkraftwerk in Energodar bisher uneingeschränkt und liefert uneingeschränkt Strom in die Ukraine. Russland hat dem Vernehmen nach Vorbereitungen getroffen, die operative Kontrolle über das Kernkraftwerk zu übernehmen. Das daneben gelegene große Kohlekraftwerk wurde bereits heruntergefahren. Es käme nicht unerwartet, wenn die russische Seite zu Beginn einer Großoffensive die Elektroenergieversorgung der Ukraine in massive Schwierigkeiten brächte. Diese Schwierigkeiten wären für die Ukraine zumindest mit westlicher Hilfe lösbar und das sogar recht kurzfristig. Sie würden aber in den ersten Stunden und Tagen die Organisation der ukrainischen Verteidigung erschweren. Das ist die Zeit, in der die russische Seite Frontdurchbrüche erzielen müsste.

Was wären die wahrscheinlichen Ergebnisse?

Auch wenn sich die russische Seite zu einer Großoffensive entschließt, kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass diese steckenbleibt. Angesichts der Kräfteverhältnisse ist das jedoch unwahrscheinlich. Die Verluste der russischen Seite während der Offensive wären vermutlich deutlich höher als bisher, die Verluste der ukrainischen Seite wären extrem hoch. Zu erwarten wären nahezu gleichzeitige Frontdurchbrüche im Norden, Osten und Süden und Schwierigkeiten der ukrainischen Seite beim Aufbau einer neuen Front infolge von Schwierigkeiten beim Nachschub. Der ukrainische Plan eines langsamen, kämpfenden Rückzugs aus dem Donbass könnte sich als illusorisch erweisen. So, wie die ukrainischen Truppen derzeit stehen, riskieren sie die Bildung zweier, nicht miteinander verbundenen Kessel im Raum Sjewerodonezk/Lysytschansk und im Raum Sloviansk/Kramatorsk. Die Bildung eines dritten Kessels im Raum Donezk ist zumindest denkbar. Die ukrainische Seite müsste dann, umwenigstens Zeit zu gewinnen, die gleiche Strategie verfolgen wie in Mariupol. Diese Strategie ist ein möglichst langes Ausharren der Verteidiger im Kessel. Ich brauche hier nicht zu erwähnen, mit welcher russischen Stadt ich diese Strategie assoziiere.Eigentlich müsste die Ukraine in einer solchen Situation aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln. Ich denke aber nicht, dass sie dazu politisch in der Lage sein würde. Desgleichen glaube ich nicht, dass die ukrainische politische und militärische Führung in der Lage und willens sein würden, einen hinreichend schnellen Rückzug zu organisieren, um eine Bildung von Kesseln zu vermeiden.

Das wahrscheinlichste Ergebnis wäre dann, dass die russischen Truppen bis etwa Mitte Sommer zur Westgrenze der Oblaste Donezk und Luhansk vorstoßen und dort haltmachen, wie sie an den Grenzen der Oblast Cherson haltgemacht haben. Die Kessel wären anfangs relativ groß und gut mit Lebensmitteln und Munition bestückt. Sie könnten länger ausharren, die darin befindlichen ukrainischen Truppen wären dann allerdings ein russisches Faustpfand für Verhandlungen.

Die wesentliche Frage ist diejenige nach der Reaktion des Westens, von dessen Entscheidungen die Ukraine völlig abhängt. Westlichen Politikern dürfte das Schicksal ukrainischer Truppen weitgehend gleichgültig sein. Für sie stellt sich nur die Frage, ob diese Truppen in Zukunft das russische Militär beschäftigen und ihm Verluste zufügen können. Falls eine russische Großoffensive weitgehend erfolgreich verläuft, wird sich der Westen die Frage stellen müssen, welche militärischen Optionen ihm in diesem Stellvertreterkrieg noch bleiben. Sobald die russischen Truppen entlang der Frontlinie Verteidigungsstellungen aufgebaut haben werden, beschränken sich diese Optionen wohl darauf, einen niederschwelligen Krieg zu führen, wie er zwischen 2015 und dem 24. Februar 2022 an der damaligen Frontlinie zu den Separatistengebieten stattfand. Das Ergebnis wäre dann ein ähnliches wie 2014/15. Die Ukraine hätte Gebiete verloren, Russland und die mit ihm verbündeten Separatisten hätten welche gewonnen. Der Westen und die Ukraine würden diese Grenzverschiebungen nicht formell anerkennen. Sie wären aber nicht in einer Position, dagegen erfolgreich vorzugehen.

Auf der größeren Weltbühne käme es zu einer Entflechtung von Wirtschaftsblöcken, die aufgrund bestehender Trends ohnehin zu erwarten ist. Sie würde erheblich beschleunigt. Der Wirtschaftsblock, zu dem der Westen nicht gehört, wird nach dieser Entflechtung über die bei weitem bessere Basis an Energieträgern und Rohstoffen verfügen. Das betrifft auf die Grundstoffbasis der chemischen Industrie. Zum Teil kann das durch eine Umlenkung der Handelsströme bei Energieträgern und Rohstoffen kompensiert werden. Bei den Energieträgern lässt sich ein weiterer Teil durch den Ausbau erneuerbarer Energien kompensieren. Eine Energieautarkie Deutschlands auf dieser Basis ist jedoch auf absehbare Zeit illusorisch. In jedem Fall werden die Energie- und Rohstoffkosten der europäischen Wirtschaft erheblich steigen, während zumindest relativ gesehen diejenigen der chinesischen und indischen Wirtschaft sinken werden.

Und was, wenn nicht?

Zum Schluss muss ich auf den Fall zurückkommen, dass sich Putin gegen eine Großoffensive entschließt oder dass die Großoffensive steckenbleibt. In diesem Fall würden beide Seiten Reputation verlieren. Für den Westen und der Ukraine wäre das der Fall, weil es Grenzverschiebungen zugunsten Russlands gibt, die auch beim Ausbleiben oder Scheitern einer Großoffensive nicht rückgängig zu machen sein werden. Der russische Reputationsverlust würde daraus resultieren, dass die Lage von Donezk prekär bleibt, so dass der Sieg nur als Teilsieg gelten kann. Es wird dann die Frage aufkommen, ob die doch erheblichen Kosten aus russischer Sicht überhaupt gerechtfertigt waren. Im Fall einer steckengebliebenen russischen Offensive wäre zudem die Ukraine versucht, nach umfangreichen westlichen Waffenlieferungen ihrerseits zur Offensive überzugehen. Der Krieg würde sich dann aufgrund des Kräfteverhältnisses mit Angriffen und Gegenangriffen über Jahre hinziehen. Insbesondere würde Russland die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen nicht beenden. Das würde wiederum die westlichen Kriegskosten auf Dauer so in die Höhe treiben, dass es wohl mittelfristig zu einer Konfrontation zwischen der NATO und Russland im Schwarzen Meer führen würde.

Ich kann das Fazitziehen, dass sich morgen und in den Tagen danach entscheiden wird, welche Optionen die Ukraine und der Westen für den Rest dieses Jahres noch haben werden. Diese Entscheidung trifft wieder einmal Putin.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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