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Am Karfreitag predigte der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, in seinem himmelhohen Haus, dem Kölner Dom. Außer den zur Zeit unumgänglichen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche thematisierte er die "abgehängten" Kruzifixe in den Gerichten, insbesondere in Düsseldorf.

Nun verhält es sich so, dass in den neuen Räumen des Justizzentrums nach der Entscheidung der Präsidentin des Oberlandesgerichts keine Kreuze aufgehängt werden sollen. Frau Paulsen hat ihren Beschluss mit der Neutralitätspflicht des Staates in Weltanschauungsfragen begründet, nicht von ungefähr in Übereinstimmung mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995.

Kruzifixe hin oder her, der Gottesmann fühlt sich in der Sache abgehängt. Darum verweilte er beim Thema und nannte, unbeeindruckt von der eindeutigen Haltung der Jurisprudenz, das Abhängen der Kruzifixe eine "Ungeheuerlichkeit". Er mahnte, wo man im vergangenen Jahrhundert die Kreuze abgehängt habe wie in zahlreichen Ländern Europas, dort habe der Mensch seine Unantastbarkeit verloren und oft auch das Leben.

Der ehemalige Bischof von Berlin dachte wahrscheinlich an die osteuropäischen Länder im Ostblock, nicht an die Naziherrschaft; denn mit der damaligen Reichsregierung in Berlin schloss der Vatikan ja das Reichskonkordat ab, das bis heute in Kraft ist. Bislang war der hohe Repräsentant der römischen Kirche eher mit Nazivergleichen aufgefallen und hatte mit dem Wort "entartete Kultur" den dritten Platz beim Unwort des Jahres erobert.

Vielleicht fühlt der Kölner Kardinal sich aber auch europäisch abgehängt nach dem Urteil des EuGH, des Europäischen Gerichtshofs in Straßburg, der im vergangenen Jahr einer Italienerin Recht gab, nachdem sie in Italien in allen Instanzen gescheitert war mit ihrer Forderung, die Kreuze aus dem Unterrichtsraum ihres Kindes zu entfernen.

Offensichtlich will niemand verstehen, dass es für den vom Vatikan promovierten Theologen Meisner ungemein schwer ist, sein altehrwürdiges Staats- und Gesellschaftsverständnis in Einklang zu bringen mit der europäischen Gegenwart, mit dem Zeitalter des world wide web. Muss mensch den Mann wirklich allein lassen in seinem Gefühl des Abgehängtseins?
Nein, muss mensch nicht; ich höre, im Gespräch zwischen Justiz und Kirche sei ein Kompromiss gefunden worden: Ein altes Kruzifix wird wieder aufgehängt im neuen Justizgebäude, allerdings nicht in einem Gerichtssaal.
So ist denn zu hoffen, dass dem Kölner Kardinal das unangenehme Gefühl erspart bleibt, total von der Welt abgehängt zu sein.

22:35 07.04.2010
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
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