Kindesmisshandlungen

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neuerdings sind sie regelmäßig in den schlagzeilen, vor allem die mit todesfolge. eine lösung des problems aber ist nicht in sicht.
der juristische terminus hat einen eng gefassten gehalt: das gesellschaftliche umfeld mit seinen speziellen besitz- und verkehrsverhältnissen z.b. ist ausgeblendet, die handlungen der personen in unmittelbarer nähe der potentiellen opfer befinden sich im fokus. folglich sind etwa 90% der täter die eltern und andere nahe familien-mitglieder.
die gesellschaft, genauer: der staat, der die richter beruft und bezahlt, tut so, als stünde er unbeteiligt und abgehoben über dem privaten familienbezirk. aber erst vor wenigen jahren bewies er einmal mehr das gegenteil, als er massiv in die familienverhältnisse eingriff: er verordnete die gewaltfreie erziehung und stellt die jahrtausendealte prügelpraxis unter strafe.
hinkte die neuerung auch um jahrzehnte hinter dem schwedischen strafrecht her, so ist es doch kein wunder, dass die schweren züchtigungen nicht mit inkrafttreten des gesetzes aufhörten, sondern vielfach weitergehen. alte traditionen haben ein zähes leben.
dessen vielleicht eingedenk, lässt vater staat milde walten. oft greift er überforderten eltern sozialpädagogisch unter die arme statt zu verurteilen und zu strafen.
anders als in den usa gibt es hierzulande keine meldepflicht. die anzahl der anzeigen ist extrem niedrig. sie belaufen sich auf gerademal ein zehntel der "Inobhutnahmen". das sind maßnahmen der jugendämter zum schutz der kinder und jugendlichen, an die 30 000 fälle im jahr. sie holen die opfer aus dem schädlichen milieu.
auf deutschen straßen kommen mehr kinder ums leben als durch misshandlungen im haus. aber letztere werden in der sensationspresse etc. ausgeschlachtet und scharf verurteilt, erstere nicht.
alle zahlen zum problem sind mit einem großen fragezeichen zu versehen. das wahre ausmaß der verletzungen und vernachlässigungen ist unbekannt. über dem land liegt ein dichter schleier des verschweigens. wo lediglich drei- bis viertausend anzeigen landesweit bei der polizei eingehen, müssen die meisten nachbarn und mitwisser sehr gut weghören und wegsehen können, müssen ärzte ihre berufliche schweigepflicht äußerst ernstnehmen.

das betrifft die sichtbaren folgen der misshandlung, die blauen flecken, hautverletzungen und knochenbrüche; noch größer ist das dunkelfeld der sexuellen, emotionalen und mentalen verletzungen.

kindesmisshandlungen finden meist hinter verschlossenen türen im engsten familienkreis statt. im staatlich geschützten und kirchlich gesegneten raum der familie.
historisch wirkt nach, dass kinder im alten rom zum frei verfügbaren besitz des hausherrn gehörten wie sklaven und vieh. irgendwo zwischen den altrömischen verhältnissen und den proklamierten rechten der kinder ist der historische stand der kinder heute.
seit jahrtausenden gilt die familie als keimzelle des staates. bis vor wenigen jahrzehnten war analog zur fürstlichen obrigkeit vom familienoberhaupt die rede. frau und kinder waren ihm untergeordnet. nicht von ungefähr sprach herbart in seiner pädagogik denn auch wörtlich von der "Regierung der Kinder", von ihrer "Unterwerfung" durch "Gewalt".
die "elterliche Gewalt" gibt es formal und juristisch noch immer. aber diese gewalt ist mittlerweile doch sehr fragwürdig geworden, nicht nur durch die entwaffnende vorschrift der gewaltfreien erziehung, sondern auch und vor allem aufgrund der schrumpfung der familie auf überstrapazierte reste.
noch vor einem jahrhundert leistete die großfamilie durch den beitrag der mitglieder der verschiedenen generationen und weiterer hausbewohner wesentlich mehr, auch eine art selbstkontrolle. heute sind die eltern oder nur die alleinerziehenden übriggeblieben. hilfe-stellung und austausch innerhalb der elterngeneration und über die generationsgrenzen hinweg sind praktisch weggebrochen oder allenfalls noch rudimentär vorhanden. die allein gelassenen eltern und erst recht die alleinerziehenden sind überfordert und müssen massenhaft versagen. kindesmisshandlungen sind unter diesen bedingungen nicht die folge krimineller ernergien, sondern zeugnis der hilflosigkeit.
dass staat und kirche nicht nachlassen, die erwachsenen zu bedrängen und zu verleiten, trotzdem wie vordem kinder in die welt zu setzen, ist ein wesentlicher teil des problems. die potentiellen eltern reagieren zum glück genau richtig, wenn sie die problematische reproduktion verweigern. der vorwurf der eigensucht fällt auf die ankläger aus staat und kirche zurück, die ja nur auf ihren machterhalt schielen und nicht das wohl der kinder, nicht die rechte der kinder ganz oben auf die tagesordnung setzen.
"Kinder sind Zukunft" behauptet eine themenwoche der rundfunkanstalten, die sich damit der propaganda von staat und kirche anschließen.
was für eine zukunft erwartet denn aber die kinder von heute?!
rücksichtslose konkurrenzkämpfe der weltüberbevölkerung bei versiegenden rohstoffquellen. den kampf zu bestehen sind die kinder in den überforderten restfamilien und untauglichen ausleseschulen hierzulande denkbar schlecht vorbereitet.
es ist kein trost, im gegenteil, dass die verhältnisse für die kinder in anderen weltregionen großenteils noch schlimmer sind. der partikularismus von staat und kirche sowie ihren familiären keimzellen hat ausgedient. endlich. mensch und erde befinden sich in der größten krise ihrer geschichte. mit dem "Weiter so!" ist keine zukunft zu haben.

http://www.weltwissen.com/pix/trans.gif

20:50 26.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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