Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

der krieg hatte den hanseaten ins westfälische kaff verschlagen, wo er die leitung der evangelischen zwergschule übernahm, als ich 9 war. er löste den älteren pauker ab, der uns im zweiten schuljahr das kleine einmaleins eingehämmert hatte. wortwörtlich, mit einem lineal, zeigestock oder griffelkastendeckel traktierte der alte, durch die bankreihe gehend, unser oberstübchen, ehe er die aufgabe ganz ausgesprochen hatte. zum glück verschwand der mann bald nach der kopfnussdressur für immer.

der neue jüngere lehrer war anders: drahtige gestalt, blond, möwenaugen und hamburger schnabel. er galt als streng. für mich vaterlosen jungen eine ernstzunehmende mannsperson. ich fühlte mich in keiner weise unter druck gesetzt, bekam den rohrstock nie zu spüren. die einzige herausforderung waren für mich die botengänge zum rektor der größten schule am ort. der adressat der botschaften meines lehrers war ein dunkler wortkarger mann mit hitlerschnäuzer. erst später begriff ich, dass meine botengänge zum leiter der zentralen anstalt eine auszeichnung und zugleich eine fördermaßnahme waren (es gab genug ältere mitschüler/innen, die den job hätten übernehmen können).

in größere not geriet ich beim zweiten diktat, dessen titel sich ins gedächtnis brannte: Die Lerche. im text schwang und sang sich der singvogel natürlich überm freien feld in die lüfte, höher und höher, bis er nur noch als punkt am himmel zu erkennen war.
parallel zum diktat-text über die den augen entschwindende lerche konnte ich die ersten zeilen mit meinem neu erworbenen füller noch gut lesbar (schriftnote 1) zu papier bringen; dann aber versiegte der tintenfluss; es wollte nur noch ein von klecksen unterbrochenes kratzen ins weiche papier gelingen. manchmal schöpfte ich hoffnung, wenn zwei buchstaben sich schreiben ließen. das meiste aber blieb unsichtbar in meinem diktat. nur wenn man das heft schräg ins licht hielt, konnte man die schrift mühsam entziffern, ihr folgen wie dem lerchenflug in großer höhe. mein lehrer aber setzte die note "gut" unter das verzweifelte gekleckse.

er verstand es, sieben, acht jahrgänge simultan zu unterrichten. wie ein dirigent rief er vom äußerst heterogen besetzten orchester die einsätze der verschiedenen abteilungen nacheinander oder gleichzeitig ab. während z.b. die unteren jahrgänge schriftliche aufgaben lösten, deklamierten die älteren "Herr von Ribbek auf Ribbek im Havelland". nach erledigung der kettenrechnung lauschte ich als stiller beobachter und lernte unversehens von und mit den 'großen'.

es war durchgesickert, dass mein lehrer aus einer hamburger seemannsfamilie stammte und auch schon selbst zur see gefahren war. so gelang es, meinen lehrer an seinem geburtstag zu drängen, von seinen fahrten zu erzählen. besonderen eindruck machte auf mich die äquatortaufe und die schilderung des sturms, der im golf von biscaya über das segelschiff hereinbrach. ich vermochte nicht zu beurteilen, wieviel seemannsgarn dabei im spiel war.

mein lehrer kannte seine pappenheimer im kaff, nicht nur seine schüler/innen und deren eltern (durch regelmäßige hausbesuche), sondern auch die stadt- und schulverwalter. als im winter wieder die heizung ausfiel und der unterricht im kalten raum mit steinfußboden nur mit mänteln und mützen möglich war, gab's den einzigen schulstreik, den ich erlebt habe. er wurde natürlich zum stadtgespräch genauso wie die holzschuhparade meines lehrers. während der großen pause marschierte er demonstrativ in neuen strohgepolsterten klumpen gut sichtbar an der zur straße offenen seite des schulhofs auf und ab. das goldene stroh im schulleiterschuh aus grobem holz stach den passanten, die zum teil aus neugier zum gaffen langskamen, wirksam in die augen. die heizung wurde rasch repariert und fiel nie wieder aus.

allein den religionsunterricht gab nicht mein lehrer, sondern der gemeindediakon. er setzte ohne vorwarnung die note 'mangelhaft' auf mein zeugnis am ende der vierten klasse. es war das übergangszeugnis, mit dem ich zum gymnasium wechselte. mein lehrer ließ die zensur nicht gelten. als schulleiter nahm er sich das recht, die völlig aus dem rahmen des im übrigen guten zeugnisses fallende note abzuändern in ein 'genügend'.
der gute diakon hatte meine durchgängige abwesenheit in seinem kindergottesdienst bewertet, wohl wissend, dass der denkzettel mein übergangszeugnis zur weiterführenden schule in diesem bigotten kaff nicht nur verunziert, sondern deutlich markiert hätte. doch mein lehrer hielt die hand über mich 10-jährigen, nach dem motto: In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht ...

länger als ein gutes jahrzehnt hielt es den hamburger nicht im westfälischen. als ich kurz vor dem abi war, tauschte mein (ehemaliger) lehrer die zwergschule gegen die bremer kapitänsschmiede und war schon bald auf großer fahrt. später nahm er als nordseelotse mit viel freizeit (um nicht unnötig für den staat steuern zu zahlen, wie er sagte) wieder regelmäßig kurs aufs westfälische kaff, wo wir uns manchmal trafen.

22:21 04.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

Kommentare 12