Vor der "Aufklärung"

Geistesgeschichte. zeitalter und sternbilder sind grobe orientierungshilfen. ihr nutzen für geschichts- bzw. weltraumwissenschaften hält sich in grenzen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

richtige schulhistoriker halten auf ordnung. die schubläden der geschichte sind für sie ganz wichtig, wenn nicht die hauptsache. sie wollen es genau wissen. etwa so:
“Die Aufklärung war eine geistesgeschichtliche Epoche, die sich von ungefähr 1680 bis etwa 1780 erstreckte.” (Schüler Duden Pädagogik)

die mehrheit der schematiker gibt sich etwas großzügiger. nach ihrer einteilung ist die “Aufklärung … eine europäische Kulturbewegung des 17. und 18. Jahrhunderts.” (Schüler Duden Geschichte)
comenius und huygens, petty und pascal, descartes und spinoza schließen sie aus. auch galilei und bacon, die bereits über die hälfte ihres lebens vor der jahrhundertwende (11 600 jahre nach der dorfkultur und der eiszeit, vulgo anno 1600) hinter sich hatten, werden mit ins boot genommen. doch kopernikus und columbus, leonardo und colombo, valla und gutenberg bleiben definitiv draußen.


nicht jedoch bei historikern, die das geschichtliche werden betonen und dabei die schöne ordnung der schematiker etwas durcheinander bringen. sie sagen etwa wie im brockhaus der 50er jahre, dass “die Anfänge der Aufklärung” bis in die “Renaissance” zurückgehen. ähnlich der ploetz vor 14 jahren:
“Die im 18. Jh. in ganz Europa zum dominierenden Faktor werdende Aufklärung ist Ergebnis und Höhepunkt eines jahrhundertelangen Säkularisierungs- und Rationalisierungsprozesses.”
der früheste aufklärer ist nach der rechnung kopernikus. das heliozentrische weltbild befindet sich diesseits der demarkationslinie.


wenn aber columbus ein aufklärer war, warum dann nicht auch marco polo? der ging ja doch weiter nach osten als jener nach westen und entdeckte das ‘reich der mitte’ für europa.
wenn harvey vor ca. 400 jahren den doppelten blutkreislauf erkannte und damit sein scherflein zur “aufklärung” beitrug, warum dann nicht auch colombo, der den kleinen blutkreislauf 60 jahre früher entdeckte (in italien, wo harvey studierte)? und warum dann nicht auch ibn annafis, dem das gleiche 300 jahre vor colombo gelang?

wenn galilei der "aufklärung" diente, warum dann nicht auch nicole oresme? der forschende kleriker formulierte 250 jahre vor galilei das fallgesetz.

wenn kopernikus wenigstens als "anfänger" in den club der aufklärer aufgenommen wird, warum dann nicht auch al battani und ibn junis mit ihren genauen berechnungen des sonnensystems 600 bzw. 500 jahre vor kopernikus?

gutenberg eröffnete eine neue ära, sagt man. der buchdruck brachte bücher in höherer auflage und zu reduzierten preisen auf den markt. er beschleunigte die wissensexplosion und vergrößerte die europäische öffentlichkeit, voraussetzungen für den erfolg der "aufklärung".

pi-scheng erfand den buchdruck mit beweglichen elementen 400 jahre vor gutenberg. warum sind sein name und beitrag zur "aufklärung" im westen so gut wie unbekannt?

kurz: der versuch, die "aufklärung" in 1 oder 2, auch 3 oder 4 jahrhunderte und ein paar ländchen in westeuropa zu sperren, erweist sich bei näherer betrachtung als willkürlich und nicht haltbar. es ist der gleiche schreckliche schematismus wie bei der eigennützigen einteilung der einen unteilbaren menschheit in rassische, religiöse, sprachliche und nazionale divisionen.

nach arno peters' verständnis ist der zeitrahmen der "aufklärung" nicht auf 500 jahre und wenige länder zu begrenzen. in seiner Synchronoptischen Weltgeschichte ist denn auch der erste aufklärer ein arzt aus ägypten, der vor ca. 4 500 jahren lebte.

seiner etwa 300 namen und titel langen liste zum stichwort "Aufklärung" schickt peters die knappe begriffsbestimmung voraus: "Befreiung des Menschen aus überkommenen Vorurteilen und geistiger Unmündigkeit, insbesondere die Überwindung religiöser Vorstellungen durch sachgemäße, naturgesetzlich begründete, vernünftige Erkenntnis, meist verbunden mit der Zuversicht eines unaufhaltsamen Fortschreitens der Menschheit zu Freiheit, Würde und Glück."

im gegensatz zur tonangebenden tradition geht peters offensichtlich nicht auf distanz zur "Aufklärung". auch verzichtet er auf alle schulüblichen schablonen. mit seinem zivilisationsweiten begriff geht er über alles hinaus, was gewöhnlich unter "Aufklärung" verstanden wird.

dass arno peters die zeitalter vor der staatlichen ära ganz traditionell marginalisiert, entschuldigt er mit dem hinweis auf den stand "unserer noch sehr lückenhaften Forschung". im ergebnis bleibt er bei der hegelschen teilung der geschichte in 2 hauptstücke: "die Epoche der menschlichen Zivilisation" und die "Vorzeit".

gegen alle logik der sprache (vgl. vorspeise, vorwort, vorschule, vorort) werden annähernd 100 prozent der menschheitsgeschichte oder 2 millionen jahre (peters nahm 2 mio. jahre für die gesamtheit der universalgeschichte an) zur nebensache abgewertet, das nichts von 0,25 prozent oder 5000 jahre aber zur hauptsache aufgewertet.

allerdings sind peters die negativposten der zivilisation bewusst, und er nennt sie beim namen: "Dienstbarmachung des Menschen durch den Mitmenschen", "Befehl und Gehorsam zwischen Herr und Knecht", "der Krieg kommt in die Welt", "Reichtum und Armut steigen gleichzeitig ins Unermeßliche", "Klassenspaltung", "Käuflichkeit aller Güter und Werte".

sein fazit: "So wird jeder Sieg auf dem Weg des Fortschritts zu einer Niederlage. Die Epoche der höchsten Schöpfungen des Menschen wird zur Epoche seiner tiefsten Erniedrigung."

und wieder stellt sich die frage: wenn peters die "Aufklärung" auf die ganze epoche der "Zivilisation" ausdehnt, warum dann nicht auch auf die ebenso lange epoche der domestikation? die erfindung des garten-und ackerbaus sowie der tierhaltung und -zucht werden inzwischen allgemein als welthistorische wende von der konsumtion zur produktion gesehen.

in der Synchronoptischen Weltgeschichte wäre für den fall freilich die breiteste rubrik leer geblieben, die nämlich für "Weltgeschichtliche Persönlichkeiten". die vips hat es in den jahrtausenden vor den ersten schriftlichen zeugnissen natürlich auch schon gegeben, nur erinnert kein bericht, kein name an sie. das ändert sich erst nach der erfindung der schrift. peters hätte an den anfang seiner auflistung aufklärerischer fortschritte die schrift stellen müssen.

was kann den aufklärerischen historiker peters bewogen haben, der weltneuheit der aufgezeichneten worte so wenig raum in seiner weltgeschichte zu geben, ist sie doch eine unentbehrliche bedingung sowohl der zivilisation als auch der "aufklärung". hat den historiker etwa gestört, dass als erfinder der schrift keine weltgeschichtliche persönlichkeit greifbar ist?

oder war sein motiv für die auffallende zurückhaltung, die schaffung der schrift gebührend zu würdigen, die tatsache, dass die gesprochene sprache nicht nur einmal in lesbare zeichen übertragen wurde? sumerer, ägypter, inder, chinesen, maya etc. haben aus vergleichbarer notwendigkeit und mit vergleichbarer fähigkeit vergleichbare zeichensysteme für vergleichbare zwecke entwickelt. naturwissenschaftler dürften von den parallelen problemlösungen in gesellschaften mit unterschiedlicher geschichte nicht überrascht sein. sie sind daran gewöhnt, ihre forschungsobjekte auf gesetzlichkeiten abzuklopfen. sie erwarten nichts anderes als einsicht in prinzipiell wiederholbare prozesse. geisteswissenschaftlich operierende historiker sehen hingegen womöglich das dogma der einmaligkeit menschlicher handlungen bedroht.

das zeug zur schaffung der schrift hatten die menschen schon mindestens 10 000 jahre vor den sumerern. die eindrucksvolle kunst der cro-magnons zeigt, dass sie die anfangsgründe der schrift, die bildzeichen, mit leichtigkeit hätten entwerfen können. aber die gesellschaftliche notwendigkeit ergab sich erst jahrtausende später in mesopotamien und anderswo.

also noch einmal: wenn die schrift unleugbar von größter bedeutung für die "aufklärung" war und ist, warum sind es dann nicht auch die zeichen auf geweihstücken und knochen sowie die fels- und höhenmalereien?

genforscher wollen in neuesten untersuchungen homo sapiens 200 000 jahre zurückverfolgt haben. aus den ältesten zeiten sind die archäologischen funde spärlich. unabhängig von einer exakten zeitbestimmung ist aber klar, dass die bedingung der sozialen und mentalen "fortschritte" der menscheit und somit der "aufklärung" im umfassendsten sinn die entwicklung der sprache ist. dabei wird "aufklärung" zum synonym für das, was "aufklärung" welthistorisch bedeutet: menschwerdung.

15:02 26.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

Kommentare 51

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community