hadie
09.09.2015 | 19:25 9

Luhmann lesen

Massenmedien Niklas Luhmanns "Die Realität der Massenmedien" von 1995 ist keine leichte Kost. Denn unser Wissen über die Welt haben wir fast ausschließlich aus den Massenmedien.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied hadie

Der Bielefelder Systemtheoretiker meinte, Massenmedien konstruieren ihre eigene Realität und erklärte das am Beispiel des 1. Golfkriegs und dessen "eingebetteten Journalisten":

"Da der Krieg von vornherein als Medienereignis mitinszeniert war und die Parallelaktion des Filmens oder Interpretierens von Daten zugleich militärischen und nachrichtenmäßigen Zwecken diente, wäre eine Entkoppelung ohnehin mit fast totalem Informationsausfall verbunden gewesen. Für eine Zensur war daher nicht vielmehr erforderlich als, dem chronischen Informationsbedarf der Medien Rechnung zu tragen und sie für den nötigen Fortgang der Sendungen mit Neuigkeiten zu versorgen. So wurde vor allem die Militärmaschinerie im Einsatz gezeigt." (N. L.)

http://666kb.com/i/d1y8vh24sa2aondds.jpgDie Maschinerien im Einsatz und die Zuschauer in der Schmollecke ihres Manipulationsverdachts, aber wie entsteht die mediale Parallel-Realität? Massenmedien beobachten die Realität, bilden sie aber nicht einfach ab, sondern verdoppeln sie. Die Komplexität des Beobachteten wird so lange verringert, bis es in ein bereits verfertigtes Konstrukt passt. Dabei entziehen sich die Massenmedien der klassischen Wahrheitsprüfung, Realität ist für sie nichts weiter als ein Indikator für erfolgreiche Konsistenzprüfungen im eigenen System.

Irritationen innerhalb des Systems erzeugen eingebettete "Querdenker", eher Kreuz- und Querdenker. „Kritische" Intellektuelle und Therapeuten dürfen Korrektur-Vorbehalte einbringen, die sich schnell wieder "versenden". Realereignisse und Meinungsereignisse werden fast ständig vermischt und bilden für das Publikum eine zähflüssige Masse, in der man noch Themen, aber nicht mehr die Herkunft des Berichteten unterscheiden kann.

Den Unterschied macht die Information, die Neuigkeit, die ihren eigenen Nachrichtenwert mitbringt. Das Auswahl-Kriterium für eine gesendete Information ist nicht ihr Wahrheitsgehalt, sondern ihre Passfähigkeit im bereits bestehenden Konstrukt. Der Nachrichtenstrom wird immer wieder unterbrochen, um danach systemkonform repetieren zu können, "was bisher geschah". Regelverstöße und Skandale sind beliebte Einstiegspunkte, Unruhe lässt das professionelle Können der Mediengestalter besser zur Geltung kommen. "Action" ist gefordert, sie bietet „Probleme" dar und liefert die „Lösungen" gleich dazu. Die Zuschauer fiebern mit und werden so einer Fernsozialisation unterzogen.

Unterhaltung und Werbung generieren zusätzliche Unterbrechungen, nicht nur als retardierende Momente der Realitätserzählung. Spielhandlungen fungieren als scripted activities, in denen letztlich immer erkennbar bleiben muss, wer die Guten und wer die Bösen sind. Das, was als Medien-Realität nicht ausreichend zur Geltung kommt, wird als Moral eingefordert.

Während in der real existierenden Gesellschaft wieder eine quasi-feudale Klassenstruktur herrscht, werden in der Realität der Massenmedien Herkunftsschichten durch fraktionierte Prominenz ersetzt; „dahinter" wird das Wirken unsichtbarer Mächte suggeriert, der sich die Zuschauer wahlweise bedingungslos unterwerfen oder ihnen widerstehen können; was nur für die Repressionsorgane einen Unterschied macht. Für das Individuum liegen in beiden Fällen vorgefertigte Scripte bereit: wahlweise als Macher, Erfolgsmensch, Medienprofi oder "Verschwörungstheoretiker", geborener Verlierer oder "Opfer".

Auch wer schweigt, macht sich verdächtig, hat etwas zu verbergen, über das er nicht reden könne. Wie in tribalen Gesellschaften muss das Individuum kommunizieren, um den ständig laufenden Solidaritätstest des Stammes zu bestehen, Zugehörigkeit und guten Willen zu zeigen. Vertreter von Minderheitsmeinungen werden so zuverlässig in die Noelle-Neumannsche „Schweigespirale" geschickt, was eine Verbannung ins stille Kämmerlein oder in andere Weltgegenden bedeutet.

In den digitalen Medien codiert Kommunikation sich zunehmend selbst binär: ist eine Meinung akzeptabel oder nichtakzeptabel, systemkompatibel oder deviant, ist der Sprechende Til-Schweiger-Fan oder Krypto-Nazi? Besonders Nutzer sozialer Medien werden ständig nach Kriterien abgetastet, die in ihrer alltäglichen Umwelt gar nicht oder völlig anders bewertet werden.

Luhmann selbst relativiert den Repressions-Aspekt gegenwärtiger Massenmedien und rettet sich mit der Aussage, dass die Stabilität des Gesellschaftssystems immer weniger auf Konsens beruhe (Gesellschaftsvertrag, Religion, Wertekanon): Sich auf Verträge oder Normen zu verlassen, wäre viel zu riskant, wenn es um die Reproduktionsfähigkeit einer Gesellschaft gehe. Die Kunst bestehe darin, gerade auch bei Dissens weiter zu kommunizieren.

"Unter modernen Bedingungen wird dieses Riskieren von Dissens, dies Testen von Kommunikation durch Kommunikation geradezu enthemmt. Eben deshalb muss Kommunikation an durch sie selbst konstituierten Objekten, die als Themen behandelt werden können, entlanggeführt werden. Den Massenmedien obliegt es denn auch in erster Linie, Bekanntsein zu erzeugen und von Moment zu Moment zu variieren, so dass man in der anschließenden Kommunikation es riskieren kann, Akzeptanz oder Ablehnung zu provozieren." (N. L.)

Man sollte sich selbst nicht außerhalb dieser Doppelherrschaft denken: Luhmann benennt als Beispiel kausale Skripts im Bereich der ökologischen Kommunikation. Medienmacher wie Medienkonsumenten stimmen denselben normativen Sätzen zu, wie: Das Meer darf nicht als Müllkippe benutzt werden! Die ökologische Metaphorik, ihre Schemata, ihre Skripts wurden in den 1970er und 1980er Jahren gleichsam auf der grünen Wiese entwickelt, was die Soziologen fasziniert beobachteten und zugleich innerlich mit vollzogen. Ihre kausalen Skripts und „distilled ideologies" wie „Wertewandel" und "Ökologisches Bewusstsein" führten zu einer echten Umorientierung. Die neu empfohlenen Werte diffundierten langsam in die reale Lebenswelt - was möglicherweise ein Vorbild für heutige Veränderungen sein könnte?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

hadie 10.09.2015 | 21:57

Stabilität des Gesellschaftssystems immer weniger auf Konsens beruhesteht auch da, was als Ersatz herhält?

Da wird Luhmann plötzlich seltsam unscharf. Die ganze Zeit hat er die Konflikte messerscharf mit dem spitzen Messerchen der Systemtheorie herausgeschält, plötzlich säuselt er etwas von Objekten und Pseudo-Objekten, die einer verständnislosen Umgebung kommuniziert werden müssten.

Erst seine Mitstreiter werden da wieder deutlicher und sehen das Erfolgsrezept in einer Art Entropieexport: "castles of order" (Boulding), "entropiesenkende Komplexitätssteigerung aufgrund von Entropieexport" (Trinn) Die Bundesrepublik exportiert ihre Entropie wirtschaftlich, die USA militärisch.

Auch dass fast alle menschlichen Aktivitäten durch von-Neumann-Maschinen gejagt werden, erhöht die Unordnung außerhalb des Systems, allein schon durch den Ressourcenverbrauch und die Wärmeproduktion.

w.endemann 12.09.2015 | 19:13

Das Schlimme ist, daß Luhmann viel mehr recht hat, als sich die Meisten bewußt machen (wollen). Denn schon das Konstrukt: hier Wahrheit, da ideologisches Wahngebäude, das unter geeigneten Maßnahmen wie ein Kartenhaus zusammenfällt, ist reines Wunschdenken. Wir sehen die Realität immer durch die Brille unserer gesellschaftlichen Praxis. Hier treffen sich der strukturelle Funktionalist und Antiontologe Luhmann und sein sozialwissenschaftlicher und erkenntnistheoretischer Antipode Adorno; der eine sagt, wir können nicht jenseits unserer reduktionistischen Gedankenkonstrukte die Welt denken, der andere sagt, ein richtiges Leben ist im Falschen nicht möglich. Sie unterscheiden sich dann allerdings fundamental darin, daß der eine die Konsequenz zieht, affirmativ nur noch das (sozial-)technologisch Machbare zu bedenken, während der andere verzweifelt kritisch bleibt und eine Revolution des Ganzen fordert.

w.endemann 12.09.2015 | 22:45

Schade, daß Sie meinen Kommentar mißverstanden haben. Und auch Luhmann, denn es gibt bei ihm durchaus ein Subsystem, das für die „Wahrheit“ zuständig ist, die selbstreferentielle Wissenschaft, aber eben nicht die Massenmedien. Und dem kann ich als Beschreibung der systematischen Funktionsweise voll zustimmen. Ich habe nun die Autoren Luhmann und Adorno auf zwei Kernaussagen kondensiert. Wenn es eine Binse wäre, daß das kapitalistisch-bürgerliche Leben ein falsches ist, gäbe es diese Gesellschaft nicht mehr. Daß und wie es falsches Leben ist, dafür steht das Lebenswerk Adornos, das als trivial abzutun ist schon ausgesprochen dreist. Aber gut, wenn Sie damit nur meine zitierte Zusammenfassung meinen, kann ich das akzeptieren.