Nachhaltigkeitskommunikation

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„Wenn man locker lässt, scheißt derHund auf die Leine“, sagt unser Maßnahmeleiter und kontrolliert schon kurz nach 7.00 Uhr die Anwesenheit. (Regelverstoß ermöglicht Machtausübung.) Morgen steht eine Präsentation bei einem Abteilungsleiter des Bildungswerks an. Die Aufgabenverteilung zieht sich hin und klingt ein wenig kurios. Danach gehe ich auf Recherchetour, mit der selbst gekauften Monatskarte fahre ich zum Universitätscampus Heide-Süd. Die neue Zweigbibliothek am Dankelmann-Platz ist riesengroß. Gegen 9.00 Uhr bin ich der einzige Benutzer. Eine einsame Bibliothekarin weist mir den Weg: „In der vierten Etage vom Fahrstuhl aus immer geradeaus und dann ganz hinten links zu den Rollregalen.“

Das Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation wiegt fast zwei Kilo. Wieder im Eingangsbereich zieht die Bibliothekarin den Wälzer über ein Lesegerät, nennt mir den Abgabetermin und hastet sofort weiter zu ihrem nächsten Arbeitsplatz. Die Nachhaltigkeitskommunikation ist eine Erfindung machtbewusster olivgrüner PsychologInnen und sie hat den Begriff der Umweltkommunikation weitgehend abgelöst. Alles ist sustainable und developt sich, alles wird mit jedem vernetzt. Politikberatung im Face-to-Face-Kontakt mit den Mächtigen verstetigt Machtlosigkeit und Unterwerfung unter Evaluierungsrituale. Zielgruppenbeeinflussung geschieht über „Soziales Marketing“, klassische Sozialkampagnen verschmelzen mit neuen Instrumenten kommerziellen Marketings. „Supervisorenvolk ohne Raum“ wird zur westlich-therapeutischen Wertegemeinschaft ohne Platz an der Rohstoffsonne, huldigt globaler Good Governance und Regimechange auf Zuruf, präsidial geadelt durch mörderische Friedensnobelpreistäger und andere B-Promis. Meinungsführerschaft wird durch Dauerwiederholung brutalstmöglicher Oberbegiffe auf 944 Seiten verstetigt. „Multiplikatoren und Kommunikationsunterstützer“ stehen in Kompaniestärke Gewehr bei Fuß bereit am Point of Sale. Es ist trostlos.

Eine ehemalige Kollegin hat es noch schlimmer getroffen, beim selben (Un-)Bildungsträger ist sie in einer Arbeitsgruppe für das Reideburger Genscherhaus gelandet und soll nun eine Ausstellung zum Ruhme des segelohrigen Kriegstreibers konzipieren. Am Telefon erzählt sie bizarre Details aus dem Inneren eines finsteren Personenkults. Auch Genscher selbst soll dort deutlich Einfluss nehmen. So etwas lebt - und Roy Black musste sterben.

In der Mittagspause zeigt ein Leidensgenosse eine bunte Blümchen-Postkarte herum. Auf der Rückseite steht in krakeliger Schrift: „Falls Sie weiter von mir Arbeitsangebote bekommen wollen, senden Sie mir bitte (dies und das) zu.“ Das schreibt ein privater Arbeitsvermittler, ein besonderer Liebling der ARGE. Wegen eines lästigen Reizhustens gehe ich nach Feierabend zur Ärztin. Ja klar, die bekannten schlechten Arbeitsbedingungen in der „Maßnahme“. Die Ärztin verschreibt mir Codeintabletten. Aber eigentlich brauche ich jetzt weniger ein Rauschmittel, eher einen Revolutionsaufruf ...

18:21 18.03.2010
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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