Pfefferkuchen fein

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Pfefferkuchen-Hökerin trug das Neue Testament "als einen Brunnen aller Wahrheit am Busen" mit sich herum. Das berichtete zumindest Johannes Cochläus und so beginnen Herrschaftserzählungen. Die Pfefferkuchen-Verkäuferin hieß Gesine und sie hatte lesen gelernt, um kontrollieren zu können, was die Zuckerbäcker - die versauten Kerle - so alles auf ihre Lebkuchenherzen schrieben. Nun las sie am Marktstand "mit höchster Begierde" Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. Und illustrierte damit noch Jahrhunderte später, dass die "sprachliche Einheit Deutschlands" nicht durch eine (ohnehin abwesende) weltliche Zentralmacht, sondern durch einen religiösen Text bewirkt wurde. Das färbte freilich auf die Sprache ab.

Bloggen vom allerersten "MitteldeutschenKirchentagskongress" dient auch der (meiner) Stressabfuhr. Ringsum kompromisslose Sprachpuristen, hauptamtlichste Frauenbeauftragtinnen, Rock- und Popwissenschaftler, Stasijägerinnen, Bischöfinnen, Kultusministerinnen und Kultur-Chefredakteure - aber das Netbook ist mein Freund und mein häusliches WLAN reicht fast bis in die Frankeschen Stiftungen. "Luthers Deutsch und unser Beitrag" ist das Tagungsthema. Am Anfang war das Wort, hier der Luthertext "Von weltlicher Obrigkeit", dann Diskussion und Gebet. Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, denn die Gedanken sind frei, kein Jäger kann sie erschießen usw. Doch Frühkapitalismus und Postdemokratie lassen sich nicht vergleichen, uns bleibt nur das Wort, die als Scheidungswaise in Franckens Waisenhause übrig gebliebene Schönheit der deutschen Sprache. Besonders das endständige Verb samt Spannungsbogen im Gliedsatz, das haben der Brit und der Franzos nicht! Die drei Artikel sind Informationsplus und Zugangshürde gleichzeitig. Schön für sie. Dazu die Langmut des Deutschen gegen Manipulation und Fälschung.

Herrschaftserzählungen an sich sind legitim,problematisch wird es nur, wenn der rhetorischen Rede komplett die Gegenrede fehlt, den Armseligen und Beladenen nicht einmal mehr der Trost bleibt. Wenn alle Politiker nur noch Verkäufer und Steigbügelhalter einer komplett lobbygenerierten Politik sein wollen, "Sozialworte" auf Sarrazin-Niveau schreiben und danach in der Pharmalobby oder bei Gazprom unterkriechen. Ein Hobbydichter und Hobby-Kommunistenjäger fragt misstrauisch, ob ich vielleicht Kommunist sei? "Noch nicht!", möchte ich da mit Arno Schmidt antworten, aber das würde er nicht verstehen. Und außerdem geht der "Mitteldeutsche Kirchentagskongress" gleich noch weiter. Die Kultusministerin wartet und morgen der "Mega-Event" in der Lutherkirche.

20:52 25.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

Kommentare 4

Avatar
gill-bost | Community
Avatar