Senioren als "Performer"?

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Das Buch, das ich gerade lese, heißt "Senioren in sachsen-anhaltischen Bürgermedien" und hat den etwas umständlichen Untertitel "Eine empirische Untersuchung, wissenschaftliche Analyse und medienpolitische Evaluation der Partizipation älterer Menschen an den Bürgermedien in Sachsen-Anhalt". Die Autorinnen Cornelia Bogen, Madlen Domaschke und Sabine Pabst sind hoffnungsvolle junge Medien- und Kommunikations-Wissenschaftlerinnen. Reinhold Viehoff ist ihr Professor und in diesem Falle wohl auch Ideengeber. In Sachsen-Anhalt gibt es acht Offene Kanäle und zwei Nichtkommerzielle Lokalradios, technisch relativ gut ausgestattet, einigermaßen zugangsoffen, für eventuelle Zuhörer und Zuseher allerdings weitgehend ungenießbar. Im Grunde Alibi-Veranstaltungen, begleitend zur Privatisierung und Kommerzialisierung der Medien in der Kohlära. Der demografische Wandel kommt noch strafverschärfend hinzu: die Leute wollen einfach nicht sterben, dann sollen sie auch Bürger-Radio und -Fernsehen machen! Die Autorinnen der Studie meinen, Bürgermedien seien als "Orte der Begegnung und des Lernens" geeignet, die Rolle von Seniorinnen und Senioren im lokalen Kommunikationsprozess positiv zu beeinflussen und ihnen Kompetenz im Umgang mit den Medien zu vermitteln.

Damit die Seniorinnen und Senioren überhaupt in die "Lern- und Produktionsprozesse der sachsen-anhaltischen Bürgermedien" passen, müssten sie erst einmal zu "Performerinnen und Performern" umerzogen werden. Letzte Illusionen über einen gleichberechtigten und herrschaftsfreien Diskurs müssten der Nutzergruppe ausgetrieben werden. Ideal seien ältere Marktschreierinnen und Marktschreier, Pro-Lifestye-Selbstanpreiserinnen und Anti-Aging-Selbstdarsteller - jedoch nur in ihrer Nische, den altersspezifischen Beiträgen im Programm. Aber vielleicht bin ich auch noch zu nah an der Misere dran und andere Leser lesen etwas ganz anderes aus dieser umfangreichen Studie heraus? Mensch erfährt z. B., dass ein großer Teil der über 55-jährigen Bürgermedien-Nutzer Abitur hat, auch andere Weiterbildungs-Angebote nutzt, Funktionen und Ehrenämter sammelt, keine Scheu vor dem Internet hat usw. Nur mit dem "Performertum" hapert es noch. Aber da greift jetzt das Konzept der "Aktivierenden Medienarbeit mit älteren Menschen" gnadenlos durch. Aktivierend! Fördern und Fordern! Würg! Ich bin jetzt aktiviert genug, die Schwarte bei Booklooker zu vertickern - auch ein Stück angewandter Medienkompetenz! Das Buch "Senioren in sachsen-anhaltischen Bürgermedien" hat 230 Seiten, es kostet 15,- Euro und ist 2008 im Vistas-Verlag Berlin erschienen.

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13:58 19.12.2010
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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