Can Dündar und das Wetter im Exil

Leo Orlando/Can Dündar Zu den Beschwerlichkeiten des Exils zählt die Beschaffung neuer Papiere, einschließlich eines neuen Parkscheinausweises.
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Can Dündar im Gespräch mit Deniz Utlu

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Der Bürgermeister von Palermo

Die Römerin Maria Gazetti führte in Frankfurt ein großes Haus. Es lag an der Bockenheimer Landstraße, man kannte es gemeinhin als das Literaturhaus. Die Eingeweihten gingen aber zum Franz. Franz war einer jener Ex-Spontis, die aus der Revolte von Achtundsechzig bürgerliche Profite gezogen hatten. Im Restaurant des Literaturhauses bewirtete er Leute, die wussten, wie man zu Prisen kommt. In diesem Milieu begegnete mir Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo.

Die Mafia hatte Leoluca Orlando den Tod versprochen, er sollte sich fühlen wie ein Gast kurz vor Ende der Feierlichkeiten. Leoluca Orlando fühlte sich wie er wollte. Er pfiff auf die Drohungen, er sang sein eigenes Lied.

Ich habe viele beeindruckende Frauen und Männer getroffen, aber nicht drei in all den Jahrzehnten der Jagd nach Gesichtern und Geschichten vom Kaliber eines Leoluca Orlando. Er kam mir selbst wie ein Killer vor. Er hatte nicht nur keine Angst. Die ständige Gefahr, in der er schwebte, verlieh ihn eine Aura.

Leoluca Orlando lächelte wie bearbeiteter Marmor. Er kam direkt aus der Renaissance, doch der Maler, den ich mit ihm assoziiere, ist eine Gestalt des Barock – Caravaggio.

Leoluca Orlando verbreitete die Sorglosigkeit eines Menschen, der anders lebt als die meisten. Aus sich selbst heraus, der Umstände wegen, warum auch immer. Manche haben ein Schicksal. Sie können den Schatten eines Verhängnisses zum Leuchten bringen. So einer ist auch Can Dündar. Ich sah ihn vor zwei Tagen auf der Studio Я Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters im Gespräch mit Deniz Utlu und bewacht von vier Leibwächtern. Auch er hat diese Leoluca-Orlando-Aureole. Dündars Feind ist noch gefährlicher als die Mafia.

Erdoğan ist die Staat gewordene Selbstermächtigung. Er liefert ein Beispiel für ins Kraut schießende Hybris. Seine Schwäche zwingt ihn zu martialischen Gesten und Anordnungen.

So lächerlich er in Westeuropa wirkt, wo man im Gegenlicht der Merkel’schen Performance nur den Potentaten als Popanz sieht, in anderen Weltgegenden besitzt Erdoğan die Statur eines Herrschers. Trotzdem kann er Dündars Licht nicht löschen.

Fania Oz-Salzberger, eine Tochter von Amos Oz, sagte gestern im Deutschen Theater:

„Wie wollen Sie denn Bücher stoppen?“

Fania Oz-Salzberger sprach von Menschen, die ihr Vater erleuchtete.

Amos Oz ist auch so einer. Can Dündar, Amos Oz, Leoluca Orlando: ihre Namen sind Musik in meinen Ohren. Dündar sagte heiter, zu den Beschwerlichkeiten des Exils zähle die Beschaffung neuer Papiere, einschließlich eines neuen Parkscheinausweises. Im Subtext schwamm die Sehnsucht nach einer neuen Normalität.

Der Parkschein als Symbol der Normalität

Der Parkschein symbolisiert das Glück einer nachbarschaftlichen Existenz. Kein Wort fiel häufiger im Gespräch als „Familie“.

Dündar gehöre nun zur Familie der Gefängnisautor*innen und der Menschrechtsaktivist*innen. Die Türkei solle unbedingt in der „europäischen Familie“ verbleiben. Es ginge ihm viel besser als jenen Exilanten, die der deutsche Faschismus vor die Türen ihres Lebens gekehrt hatte, und die oft keine Verbindungen zu ihren Familien aufrechterhalten konnten.

Dündar nannte ein weites Problem des Exils: das Wetter. Als Kind des Mittelmeers mit von der Sonne geküssten Augen fehlen ihm in Berlin die Möwen; während ihn die Mauerreste zu der optimistischen Einsicht gelangen lassen, dass keine Diktatur ewig währt.

Wird fortgesetzt.

08:02 06.05.2019
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