Das Lachen der Steine

Amos Oz Ihr Vater konnte Menschen erleuchten. Daran erinnerte Fania Oz-Salzberger gestern im Berliner Deutschen Theater in einer ergreifenden Rede zum Andenken an Amos Oz.
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Ulla Berkéwicz über Amos Oz

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Amos Oz ist der Erzähler Israels

Sie schildert ihn als einen typischen und zugleich überragenden Vertreter der israelischen Aufbaugeneration. Fania Oz erinnert sich an einen „auf alles Neue versessenen“ Vater in einer Gemeinschaft vom Grauen beflügelter, so leidensfähiger wie lebensfroher Frontiers. Aber natürlich lebte Oz über seine Kohorte hinaus. Er wusste vom Lachen der Steine in der Negev, und „mein Vater konnte sogar die Wüste lachen hören“.

„Mein Vater verstand etwas vom Schmerz, kannte aber auch die Kraft der Hoffnung.“

Hoffnung dürfe man nicht mit Optimismus verwechseln.

„Hoffnung ist Aktion.“

Als Trump Präsident wurde, sagte Oz zu Merkel:

„Now you are the responsible adult.“

Nach Fania Oz sprach der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff. Er betonte die Bedeutung des Geehrten für das junge, sich in leidenschaftlichen Improvisationen entwickelnde Land. Jeden Freitag habe Oz mit Shimon Peres Tee getrunken und die Lage der Nation besprochen.

„Das Gespräch mit Oz über Israel geht weiter“, verkündete Issacharoff. „Es wird nie enden.“

„Amos is watching us.“

Shira Hadad antwortete Thomas Sparr, als Oz‘ Lektorin (dem Sinn nach) sagte:

Überall auf der Welt gab es bei Oz-Lesungen emotionale Entladungen.

Shira Hadad beschrieb Oz als eine Kreuzung aus Warmherzigkeit und Schüchternheit.

„Er konnte komplizierte Sachen in Geschichten packen.“ – Wenn auch mit einem leicht fatalistischen Fazit. Jedes Buch sei ein Kompromiss zwischen dem Buch, dass der Autor im Kopf hat, der Fassung, die sich aus der Lektüre ergibt, und dem beim Lektor abgegebenen Buch.

Sparr sagte: „Oz war Moralist, ohne moralisierend zu sein.“

Mit sechszehn las Oz das Neue Testament, um die Renaissance besser zu verstehen. Er betrachtete Bilder, auf denen die Jünger wie Musterarier erscheinen, mit einer Ausnahme. Judas sah „vierhundert Jahre von Goebbels schon aus wie eine Stürmer-Karikatur“. Oz begriff, dass die jüdische Katastrophe einen Ankerpunkt an der Stelle hat, wo man nicht in der Lage gewesen war, „Jesus als jüdischen Reformer“ gleichsam laufen zu lassen. Oz kürzt den Zusammenhang in der Ableitung: Ohne die Vergöttlichung Jesus‘ kein Christentum, ohne Christentum keine Kirche und keine Verfolgung der Juden.

Er beschreibt Judas als wohlhabenden Gesandten der Jerusalemer Priesterschaft, der ursprünglich einen „affektierten Schwindler“ entlarven sollte, und für den Gegenwert eines Sklaven keinen Verrat nötig hatte.

Das gelobte Land war ein Eldorado des Wahnsinns. Es wimmelten von Charismatikern aller Schattierungen.

Oz verweist darauf, dass Jesus überall bekannt war und deshalb nicht mit einem Kuss identifiziert werden musste.

Es war alles ganz anders

Judas war der erste, der Jesus für göttlich hielt.

Judas war der größte Fan von diesem Rockstar aus Nazareth, der Heilungen aus dem Handgelenk schütteln konnte. Judas sagte, so Oz, in der Manier eines Impresario (Ich produzier dich. Ich mach dich groß): Jesus, hör mal, if you can make it in old Jerusalem, you‘ll make it everywhere. Danach ist New York nen Klacks.

Das Himmelreich auf Erden sollte in Jerusalem seinen Anfang nehmen. Judas wollte die Auferstehung seines Idols live erleben und ihn vom Kreuz springen sehen.

Ulla Berkéwicz‘ Rede werde ich gesondert betrachten. Jetzt nur vier Bemerkungen. Berkéwicz sagte:

„Der alte Resonanzboden schwingt wieder.“

Der Faschismus ist da.

„Die Verbrechen der Wehrmacht sind im deutschen Schuldbewusstsein noch nicht angekommen.“

„Der Kampf zwischen Israel und Palästina ist ein Kampf zwischen zwei Opfern Europas.“

Berkéwicz fand die Formulierung: „Der Traum von einem pogromfreien Leben“.

11:03 06.05.2019
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