Neukonfiguration des politischen Raums

Didier Eribon betreibt eine Neukonfiguration des politischen Raums mit antikem Klassenkampfvokabular
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3499

Am Ende des algerischen Unabhängigkeitskrieges standen die Pied-noirs vor der Wahl: la valise ou le cercueil – Koffer oder Sarg. Heute liest man so was anders adressiert zwischen den Zeilen einer extremen Rechten, die sich von Marine Le Pen verstanden fühlt. Ihre Front-National füllt Repräsentationslücken. Die Partei ist zum Hafen für Milieus geworden, die Jahrzehnte in Feindschaft verbunden waren. Wie konnte es dahin kommen, dass Stammtischschlachtrufe (vermeintlich) abgehängter Restaurationsvereine zum Sirenengesang für jene Klasse wurden, die Jahrzehnte in Lateineuropa eine rigorose Linke stärkte? Wir kennen Didier Eribons Antwort, siehe Rückkehr nach Reims. Der Titel scheint eine psychotrope Wirkung zu haben. Eribon bewältigte nach dem Erscheinen der deutschen Übersetzung einen Veranstaltungsmarathon hierzulande. Der Soziologe geht in der Ich-Erzählung von bloß Akzidentellem aus: einer proletarischen, ihn abweisenden und bis zum Bruch mit der Familie provozierenden Herkunft - und seiner in den befreiten Zonen von Paris erst lebbar gewordenen Homosexualität. Eribon überliefert die Überwindung einer doppelten Scham. Der Tod des Vaters nötigt ihn zu einer Pflichtübung in ursprünglicher Enge und setzt ihn kaum gewollt neben die Mutter. Die Frau zählt zu den traditionell linken (links geborenen) Arbeiterinnen, die ihre Richtung änderten.

Eribon hält sich mit dem Kultivierungsvorgang auf, der ihn seiner Klasse entfremdete. Zugleich kehrt er zum Begriff der Klasse zurück. Er jongliert mit antikem Vokabular, um es wiederzubeleben. Eribon sagt: Die Linke hat sich von ihrer Hauptaufgabe gelöst und die Arbeiter:innen den Feind:innen in die Arme getrieben. ArbeiterIn ist für Eribon ein Sammelbegriff für gesellschaftlich unterrepräsentierte Gruppen, Arbeitslose und Migrant:innen inklusive. Er will sie weltweit einfangen - von Occupy bis zu den Indignados espana, als Beispiele für parteifernen Protest.

Eribon beschreibt, was passiert, wenn nationaler/religiöser Fundamentalismus und Feminismus temporär zu einer Allianz verschmilzt. Er bilanziert: Solche Konvergenzen lassen die Divergenzen zwar nicht verschwinden, doch bieten sie sich zur Neukonfiguration des politischen Raums an.

14:01 29.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare