Bertolt Brecht - Antiquierte Moderne

#TexasText/Jamal Tuschick Bertolt Brecht, „Unsere Hoffnung heute ist die Krise“ - BB empfängt die Journalistin Regina Reicherówna in einer Pilotenjacke. Er ist rasend zeitgenössisch; ein Permanentperformer. Heute müsste er im Astronautenanzug zur Tür eilen.

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Antiquierte Moderne

„Das kontinuierliche Ich ist eine Mythe. Der Mensch ist ein immerwährend zerfallendes und neu sich bildendes Atom.“ Bertolt Brecht

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„Wirkliche Theaterstücke sind überhaupt nur aufgeführt zu verstehen.“ BB

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„Es gibt keine jungen Schauspieler. Die alten sind demoralisiert, und die jungen sind eigentlich auch schon alt. Das neue Theater muss sich eigene Schauspieler und ein eigenes Publikum heranziehen.“ BB

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„Ich versuche, epische Elemente ins Drama einzuführen, mehr Naivität, mehr Primitivismus.“ Brecht in einem von Regina Reicherówna 1926 geführten Interview

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„Die einzige Pietät dem Publikum gegenüber ist, seinen Verstand möglichst hoch einzuschätzen.“ BB

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„Wenn Sie auf ein Auto mit einer alten Droschkenkutscherpeitsche einhauen, dann läuft es noch lange nicht.“ BB über den Zustand des Theaters um 1928

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„Voraussetzung für lebendiges Theater ist ein gewisser Überschuss an krimineller Energie.“ Heiner Müller

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„Werke auszugraben und auszustellen, ohne sie wiederbeleben zu können, ist Leichenschändung, oder, um es höflicher auszudrücken, die Sache von Museen und Hoftheatern.“ Max Reinhardt

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„Es gibt Abende, an denen nicht das Schauspiel, sondern das Publikum durchfällt. MR

Klassisch kalte Weltdarstellung

Regina Reicherówna trifft Brecht in einem Berliner „Maleratelier“. Der aufstrebende Dramatiker empfängt die Journalistin in einer Pilotenjacke. Er ist rasend zeitgenössisch; ein Permanentperformer. Heute müsste er im Astronautenanzug zur Tür eilen.

Brecht nimmt seinen Erfolg nicht auf die leichte Schulter. Er nutzt die erste Gelegenheit, um Reicherówna heimzuleuchten. Indirekt diskreditiert er sie als Repräsentantin einer Clique. Das hauptstädtische Kulturleben bezeichnet Brecht als Klüngelwirtschaft.

Bertolt Brecht, „Unsere Hoffnung heute ist die Krise“, Interviews, herausgegeben von Noah Willumsen, Suhrkamp, 35,-

Der Befragte verortet Warschau in Prag und das Ganze ist für ihn Polen. Reicherówna stellt das Mangelwissen heraus. Sie unterstreicht das Defizit, bevor sie bemerkt:

„Shakespeare war noch schlechter in Geografie.“

Sie führt den Dramatiker ein bisschen vor. Seine Mit-Pauken-und-Trompeten-Argumentation verfängt nicht.

Reicherówna wahrt Distanz, während Brecht das Bollwerk der journalistischen Unabhängigkeit unbedingt einnehmen will. Er zählt Max Reinhardt (1873 - 1943) zum alten Eisen und Arnolt Bronnen (1895 - 1959) zur Avantgarde.

„(Bronnen) war ein Mitläufer, aber von ganz eigener Art: er lief immer mit denen mit, die dagegen waren.“ Günther Rühle, Quelle

Bronnens bizarrer Lebenslauf und seine wilde Publikationstrecke fanden in Brecht einen ausdauernden Fürsprecher. Noch als Staatsdramatiker in Ostberlin hielt er seine Hand über den in der DDR gestrandeten Irrläufer.

„Das Theater muss wieder erreichen, dass sich jeder Zuschauer so gut unterhält, wie er es in einem mittleren amerikanischen Film tut.“ BB

Am 29. Mai 1926 hat Wolfgang Bardach „eine Unterredung mit Bert Brecht“.

Es geht um eine Theaterkrise im Rahmen aller möglichen Krisen. Brecht und Bardach sind eines Sinnes, das bestimmt den Gesprächsverlauf. Brecht skizziert Prozesse der Erosion des revolutionären und experimentellen Elans im Verlauf der 1920er Jahre. Er bricht dem forcierten Dilettantismus eine Lanze.

Das auf die lange Bank geschobene Gespräch für das von Ernst Rowohlt und Willy Haas 1925 gegründete, bis 1933 nach den Vorgaben der Herausgeber kursierende, danach gleichgeschaltete und umbenannte Periodikum Die literarische Welt führt Bernard Guillemin am 30. Juli 1926.

„(Brecht) spricht - ohne den Fluss der Schönrednerei, vielmehr beständig mit dem Ausdruck experimentierend - eine keineswegs geschliffene, aber mit einfachen Gleichnissen durchsetzte und mit solchen Wendungen gesättigte Sprache, die aus dem eigentümlichen, unübersetzbaren Bestand – aus dem Vollen der Sprache selbst genommen sind.“

Brecht betont den „privaten Charakter“ seiner Poesie. Er konstruiert einen Gegensatz zwischen den Stimmungen, die er sich als Dichter gefallen lasse, und der objektiven, klassisch-kalten Weltdarstellung in den Dramen.

Brecht beschwert sich über die Inszenierungen seiner Stücke. Man spiele ihn konsequent falsch.

„Man hat den Lyriker aufgeführt, den man in mir zu sehen wähnte, - etwas, was ich kaum außerhalb, bestimmt nicht innerhalb meiner Dramen bin.“

„Für wen schreiben Sie?“

„Für jene Gattung Leute, die einzig ihres Spaßes wegen kommen und nicht anstehen, im Theater ihre Hüte aufzubehalten.“

Brecht begeistert sich für Sport. Er verehrt Paul Samson-Körner.

„Was mir bei Samson zuerst auffiel, war, dass er nach einem ganz nichtdeutschen sportlichen Prinzip zu boxen schien. Er boxte sachlich. Das hat einen großen plastischen Charme.“

„So kämpfte er 1919 gegen Harry Greb und Jack Johnson, USA, 1920 gegen Gene Tunney und 1921 gegen Tom Gibbons. Er gewann zwar keinen dieser Kämpfe, machte aber immer eine gute Figur.“ Quelle

Der Athlet erwidert die Zuneigung. Der Literarischen Welt vom 30. Juli 1927 meldet er: „Ich arbeite ja mit Herrn Brecht an einem Buch. Ein prächtiger Kerl, der Brecht.“

Zweifellos überragt Samson-Körner seine Gegenwart um mentale Längen.

„Paul Samson-Körner wog nur etwa 80 kg, bei einer Größe von 1.80 m. Er war … ein Halbschwergewichtler, aber er nahm furchtlos die schwersten Gegner an und zeigte in allen seinen Kämpfen viel Herz und Mut.“ Quelle

Unausrottbare Sehnsucht nach lascher Bourgeoisie-Bühnenerotik - Erster Teil meiner Besprechung dieses Titels

Bis zu seinem Tod blieb Bertolt Brecht ein gefragter Mann. Das belegen nicht zuletzt jene - nun in einem Band versammelten - 91 Interviews, die der Dramatiker von 1926 bis 1956 gab. Das Zeitungsgespräch war eine junge journalistische Form, als Brecht 1926 von der „Literarischen Welt“ um eine publizistische Unterredung gebeten wurde. Zunächst sollte er dem Journalisten Frank Warschauer Rede und Antwort stand. Es kam anders. Warschauer sagte ab. Für ihn sprang - am 30. Juli 1926 - Bernard Guillemin ein.

Vor der Befragung probte Brecht in einem „hypothetischen Interview … die neue Technik“.

„Das Interview selbst: Neumodisch und rätselhaft bricht es als publizistische Zumutung in den Schriftstelleralltag hinein.“

Die Simulation mündete einem „komödiantischen Schlagabtausch“. Brecht erwog, wie er an den Fragen vorbei, Pointen für das Publikum am besten platzierte. Er fürchtete eine - dem Genre geschuldete - Banalisierung seiner Thesen.

Im Präsens von Damals

Das erste Interview gewährt Brecht dem Journalisten Raimondo Collino Pansa. Brecht äußert sich abfällig über den „Italiener“, der für eine Zeitung arbeitet, die Mussolini mit „enthusiastische(m) Konformismus“ dient. In einem Artikel stilisiert Pansa den deutschen Shootingstar zum Antipoden einer antiquierten Moderne. Er mach Brecht zum Duellgegner des renommiertesten Theatermannes Deutschlands.

Max Reinhardt steht in der Schusslinie. Pansa findet seine Inszenierungen pompös, „zwar überreich an Farben, doch nicht reich an Leben und Dynamik“.

Im Pelz stört die weibliche Bourgeoise die von Pansa besuchte Baal-Aufführung im Deutschen Theater (wo Brecht gerade Dramaturg ist) mit einem Trillerpfeifkonzert. Es kommt zum Handgemenge. Die Polizei muss einschreiten.

„Theaterschlachten“ (Carl Zuckmayer) sind en vogue.

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Regina Reicherówna trifft Brecht in einem hochgelegenen Maleratelier. Der Dramatiker tritt in „lederne(r) Aeronautenjacke“ auf. Die Journalistin skizziert eine Scherenschnittszene; Brechts Silhouette in dem „von Sonne durchflutete(n) Atelier“.

Mediterrane Hotspots

Ich springe in die Exilzeit. Ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung besucht der beinah mittellose Walter Benjamin den im dänischen Exil noch saturierten Brecht. Der Gastgeber tritt als Hauseigentümer in einer Idylle nahe der Hafenstadt Svendborg auf.

„Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei.“ Walter Benjamin

Brechts Stücke werden diskutiert und gespielt. Der Dramatiker bezieht Tantiemen. Mit Helene Weigel und Margarete Steffin führt er eine „Ehe zu dritt“.

„Die Welt der Kanzleien und Registraturen, der muffigen verwohnten dunklen Zimmer ist Kafkas Welt.“ Walter Benjamin

Benjamin verstimmt Brechts harsche Kritik an seinem Essay über Kafka - „Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages“. In Verkennung von Benjamins Präzision urteilt Brecht: „Die Bilder sind ja gut. Der Rest ist Geheimniskrämerei.“ Quelle

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Von April 1940 bis Mai 1941 lebt Brecht in Finnland. Wichtige Werke entstehen da. Siehe „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, „Flüchtlingsgespräche“ und „Der Aufstieg des Arturo Ui“. Der Journalist Jarno Pennanen porträtiert den Edelexilanten für ein sozialdemokratisches Periodikum. Pennanen trifft „einen Mann … voller angestauter Kraft“ in einem vom Christlichen Verein Junger Menschen betriebenen Hospiz in Helsinki. Brecht verkündet: „Ich kann nicht sein ohne Arbeit“.

„Flüchtlingsgespräche“

„Der Pass“, so heißt es in einem fragmentarischen Ertrag des Brecht’schen Nachlasses, „ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

„Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Pass wird ihm in die Brusttasche gesteckt, wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.“

Aus der Ankündigung

»Unsere Hoffnung heute ist die Krise« Interviews 1926-1956

Bertolt Brecht besaß die Gabe, wie ein Zeitgenosse einmal bemerkte, in einem »Gespräch mit präzisen, drastischen Formulierungen« zu brillieren. Wie bekämpft man die Dummheit? Ist deutsche Kultur möglich? Gehört George Orwell an die Wand gestellt? Egal welche Fragen man an Brecht hat: In diesem Buch findet man seine überraschenden Antworten. In 75 hier erstmals versammelten, größtenteils unbekannten Interviews, die sich über 15 Länder und eine ganze Karriere erstrecken, zeigt sich der große Klassiker der Moderne als wortmächtiger Medienkünstler. Sie rücken sein Werk nicht nur in ein neues Licht - sie bilden einen unkartierten Teil dieses Werkes selber.

Zum Autor

Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Von 1917 bis 1918 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Naturwissenschaften, Medizin und Literatur. Sein Studium musste er allerdings bereits im Jahr 1918 unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde. Bereits während seines Studiums begann Brecht Theaterstücke zu schreiben. Ab 1922 arbeitete er als Dramaturg an den Münchener Kammerspielen. Von 1924 bis 1926 war er Regisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. 1933 verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete über Prag, Wien und Zürich nach Dänemark, später nach Schweden, Finnland und in die USA. Neben Dramen schrieb Brecht auch Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. 1948 kehrte er aus dem Exil nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod als Autor und Regisseur tätig war.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino

Jamal Tuschick