Heinrich von Kleist/Jamal Tuschick - A Porous Line of Defense

#TexasText/Jamal Tuschick Es folgte eine wundersame Wiederherstellung. Wir wissen alle, wie es ist, wenn die Toten nicht zur Ruhe kommen, und unter uns geistern.

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Oberitalienische Tristesse

Julietta versucht ihrer Mutter klarzumachen, dass sie schwanger ist, ohne eine Ahnung, wie das passieren konnte. Die schöne junge Witwe hatte schon seit Ewigkeiten keinen Sex mehr. Kleist verdreht die verkrampfte Zwiesprache. Den gründlich düpierten Hausherrn macht er zum ahnungslosen Schlusspunktsetzer. Der Alte kreuzt auf. Schon hüllt sich die Mutter in den Brokat der Belanglosigkeit. Die Tochter verstummt als beinah rechtlose Person. Das Elternhaus ist eine kalte Klause: eine Herberge der Deklassierten.

Kleist übersieht das. Er suggeriert einen soweit intakten Familienbetrieb, zu dem auch Juliettas Bruder, der Forstmeister von G... zählt. Kleist stellt ihn so vor. Ich übernehme die Förmlichkeit, obwohl ich Ihnen nicht verhehlen möchte, dass ich einen halben Tag gewiss mit der Idee gespielt habe, dem Forstmeister einen Vornamen zu geben. Warum auch nicht? Das ist die Freiheit, die ich meine. Ich könnte mit Julietta spazieren gehen und sie ihrer oberitalienischen Tristesse entfremden. Ich sehe uns in Florenz. Julietta in einem jadegrünen Kostüm, so ein bisschen ingeborgig-bachmannisch. Wir nippen an unserem Caffè doppio in einem Meraner Arkadencafé. Die Hitze brütet uns noch einmal anders aus vor einer schlecht nachgemachten 1950er-Jahreschickkulisse.

Ich habe eben für unsere englischsprachigen Leser:innen ein Wort zu Ingeborg Bachmann geschrieben:

*Ingeborg Bachmann (1926 - 1973) was an Austrian writer who had an iconic impact on German-language post-war literature. She burned to death in her bed.

1958 begegnet Ingeborg Bachmann dem Kollegen Max Frisch, den sie zunächst nur bewundert, der dann aber Paul Celan in der Rolle des Geliebten folgt. 1963 endet das Verhältnis. Die Trennung legalisiert eine frische Verbindung des Schriftstellers. Frisch beteiligt Bachmann am neuen Glück. Er verlangt geradezu ihr Einverständnis. Seine Beschreibungen der Verlassenen in Mein Name sei Gantenbein erleidet Bachmann als Entblößung, obwohl ihre tätige Aufmerksamkeit das Manuskript bis zur Publikation begleitete. Bachmann wehrt sich mit Revenge-Text. Das nicht fertig gewordene Buch Goldmann befestigt eine poröse Verteidigungslinie.

Der Forstmeister vernimmt vom Kammerdiener den Wunsch des totgewähnten Grafen F..., empfangen zu werden. Kleists Punktepolitik kann niemandem einleuchten. Der Forstmeister von G… kriegt drei Punkte ohne Leerzeichen. Beim Grafen setzt der Autor das F von den Punkten ab. Ich schätze, niemand geht so weit, Kleist Nachlässigkeit zu unterstellen.

„Das Erstaunen (macht) alle sprachlos.“

Der herbeiinformierte Hausherr lässt es sich nicht nehmen, persönlich die Tür zu öffnen. „Schön, wie ein junger Gott, (wenn auch) ein wenig bleich im Gesicht“, tritt der Graf auf. In ihrer Verwirrung überhäufen ihn die Gastgeber:innen mit Vorwürfen. Ihr Verhalten verkehrt sich bald. Nun bricht die Familie in Jubel aus.

Die Marquise hält den Gast für ihren persönlichen Jesus. Ein Wiederauferstandener erkundigt sich nach ihrem Befinden … er nimmt „seltsame Mattigkeit“ wahr … bevor er ihr einen Antrag macht.

Da bittet ihn Juliettas Vater in drängendem Ton, Platz zu nehmen.

„Die Obristin (spricht): in der Tat, wir werden glauben, dass Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden eröffnet haben, wie Sie aus dem Grabe, in welches man Sie zu P... gelegt hatte, erstanden sind.“

Der Graf schickt sich an, seine Krankengeschichte zum Besten zu geben. Er war so gut wie totgeschossen. Niemand zweifelte an seiner vollendeten Jenseitigkeit. So aufgegeben schaffte man ihn im Leichentross nach P... Der gute Mann offenbart, „dass währenddessen (und im Weiteren) die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre; dass er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könne, die sich in dieser Vorstellung (umarmten)“.

Es folgte eine wundersame Wiederherstellung. Wir wissen alle, wie es ist, wenn die Toten nicht zur Ruhe kommen, und unter uns geistern. Der Graf ging gleich wieder zur Armee, um sein Schicksal in Schwung zu halten. Er schrieb Briefe an die Frau Marquise, um seinem Herzen Luft zu machen. Die Briefe lösten sich in Luft auf.

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino

Jamal Tuschick