Heinrich von Kleist/Jamal Tuschick - Historischer Wimpernschlag

#TexasText/Jamal Tuschick In einem Augenblick politischer Folgenlosigkeit erleidet das Individuum sein Schicksal, ohne sich mit einer geschichtsmächtigen Marke schmücken zu können. Die von Kleist heraufbeschworene Szene wird ...

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Historischer Wimpernschlag

Heinrich von Kleist wählte zur Unterhaltung des Publikums ein historisches Wimpernschlagereignis. Die zaristische Streitmacht marschiert ihrer Verdrängung entgegen. Kleist wollte genau den Punkt setzen. In einem Augenblick politischer Folgenlosigkeit erleidet das Individuum sein Schicksal, ohne sich mit einer geschichtsmächtigen Marke schmücken zu können. Die von Kleist heraufbeschworene Szene wird von einer grotesken Unterströmung im Fluss gehalten. Die Verlierer räumen das Feld.

Was zuvor geschah

Juliettas Vater, Oberst Lorenzo G… (drei Punkte nach Kleist), zieht als Chefverteidiger der Zitadelle von M. den Kürzeren. Julietta sucht mit ihren Kindern an verschiedenen Orten im Fort vergeblich Schutz. Schließlich begegnet (Julietta) ein Trupp feindlicher Scharfschützen, der, bei ihrem Anblick … die Gewehre über die Schultern (hängt), und sie, unter abscheulichen Gebärden, mit sich (fortführt)“. Ein russischer Offizier fährt machtvoll dazwischen. Er zerstreut „die Hunde“. Julietta erkennt in ihm einen Engel.

So geht es weiter

Die Kommandantenfamilie muss einem Warlord weichen. Der Oberst könnte sich auf seine Güter zurückziehen. Das Landleben liegt ihm nicht. Also richtet man sich in M. ein; in Verhältnissen, die räumlich unter der Zitadelle liegen. Das ist überhaupt nicht realistisch, wird aber so geschildert. Der Gescheiterte zieht sich in die Bescheidenheit zurück. Jeden Tag zieht er den Hut vor dem russischen Sieger. Er weicht den russischen Patrouillen in den Kot aus. Vielleicht steht er auch noch mit Informationen zur Verfügung.

Lassen Sie uns das nicht vergessen: Juliettas Vater absolviert das demütigende Programm ohne Not. Er könnte sich sonst wohin abseilen und den Privatmann mimen, anstatt sich die Niederlage ständig vor Augen zu führen. Gleichviel. Julietta unterrichtet ihre Blagen. „Für die Feierstunden (hält sie) ihre Staffelei und Bücher bereit.“ Sie wundert sich, dass ihr nie ganz wohl ist. Sie kennt sich als gesunde, kräftige Person. Das stimmt was nicht.

Wir wissen jetzt schon, wo der Hase im Pfeffer liegt, und sein Lied pfeift. Eines Morgens reibt sich Julietta den Sand aus den Augen und dreht für ihre Mutter eine Girlande der Umständlichkeit. Im Kern der Ausschweifung steckt die Annahme einer Schwangerschaft im Sinne von würde mir eine Freundin erzählen, dass es ihr so erginge wie es mir zurzeit ergeht, käme ich nicht umhin sie in gesegnetem Zustande zu wähnen.

Die Mutter gibt sich harthörig. Sie zeigt sich steifnackig. Die Tochter nimmt noch einen Anlauf. Peinlich berührt, zieht Frau von G… die Angelegenheit ins Scherzhafte; da sie doch bloß von Morpheus in die Arme genommen würde. Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino

Jamal Tuschick