Klangraum der Angst

Essay Der Autor wuchs mit Homosexuellen auf. Im Alter muss er lernen, dass Heterosexuelle an ihrem imperativen Normalsein mehr leiden als gedacht
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Meine Mutter hat in einem wichtigen Punkt etwas Gutes getan, ohne es zu wissen: sie umgab sich fast ausschließlich mit homosexuellen Männern, meist Flugbegleitern. Ohne Vater aufwachsend, waren das also meine fast einzigen männlichen Kontaktpersonen. Weltgewandt, immer mit einem Hauch Stuyvesant in der Luft, grad vom letzten Umlauf von der Langstrecken zurückkommend, waren sie allesamt sanftmütige, herzliche und stilvolle Menschen. Männer mit Contenance, mit Feingefühl und Weitblick. Vielleicht, sagen Sie, hatte ich bei genau diesen homosexuellen Männern Glück? Vielleicht, ja. Aber in meinem bisherigen Leben habe ich noch viele homosexuelle Männer kennengelernt (ersparen Sie sich und mir den Witz, den Sie grade im Kopf formulierten - dazu später im Text mehr), und viele Verhaltensweisen bemerkt, die bei Heterosexuellen manchmal fehlen, oder aber unterentwickelt sind.

Bürde des Normalseins

Das wahrscheinlich größte Problem ist die Bürde des vermeintlich Richtigen, was Heteros auf den Schultern wie ein Gewicht lastet. Ihnen wurde suggeriert, ihre Partei, das sei das Wahre, die anderen, das sei die Abweichung. Nun kommen wir ja aus einer Entwicklung, wo die angebliche Abweichung zuerst sogar ernsthaft als Krankheit galt, dann noch als verboten und dann als „wenigstens“ geächtet. Wenn man schon nicht mehr mit ICD-Diagnosen und §175 StGB gegen diese „Abarten“ ankam (siehe dazu den Film "Der Staat gegen Fritz Bauer").

Das alles nur eine Frage der Sozialisation ist, sehen Sie an mir: ich finde Heterosexuelle bis heute eher gewöhnungsbedürftig, obgleich ich es selber bin. Genauso beim Fremdsein. Wer welchen Pass, welche Herkunft hatte, galt bei uns zuhause als irrellevant. Daher verstehe ich auch keinen Fremdenhass oder den Drang zu wissen, woher denn nun wohl jemand "eigentlich" kommt. Ich fühle auf diesen Feldern, die ich rational verstehe, nichts. Da wären wir auch bei dem, was die „Abweichung“ so ungerecht macht: man kann sie sich nicht aussuchen. Daher ist die Unterstellung der angeblichen Mehrheit, es sei eine Abweichung gleichgeschlechtlich zu leben, eine Farce. Es ist wohl reiner Zufall, eine Laune der Natur. Und wer würde einem Orkan einen Vorwurf seiner Existenz wegen machen?

Die stille Neigung

Minoritäten herabzuwürdigen ist ein Sport der Masse. Es stählt dieselbige und hilft über die eigenen Selbstzweifel hinwegzublenden. Über die anderen reden, sonst müsste man ja Nabelschau betreiben - was da aber bitte nicht bei rauskäme! Ach, aprospos: die Nabelschau der Heterosexuellen würde so einige Abgründe zutage kommen lassen. Merklich daran, wie viele Heterosexuelle ungefragt mitteilen, sie hätten an Männern gar kein Interesse. Und „Homos“ seien ja schon ok, aber nur "wenn sie einem nicht an den Arsch gingen". Das ist der Punkt an der man an die Verblödung der Masse glauben und nach deren heimlichen Neigungen fragen sollte. Es ist kein Geheimnis, das Menschen, die etwas partout negieren und verdammen insgeheim genau dieser Sache zugetan sind. Vielleicht würden die grölenden Herren gerne selber mal im Saunaclub nette Erfahrungen sammeln, in ihren heimlichen Träumen, die noch verbotener sind, als die allgemeine Steuervermeidung. Wenn man hierzu auch nur ein wenig insistiert, entlädt sich der ganze gelernte Macho-Hass eines Vorzeigeheteros. Sollte man da am Tisch nicht rufen: "Bingo!"?

Mitmachhass

Stramme Heterosexuelle können einem fast leidtun, leiden sie doch mehr als alle anderen - und das obgleich sie im Kreise der angeblich Richtigen sind. Aber so wie eine große Stadt immer aus einzelnen, individuellen Stadtteilen besteht, so besteht auch die angeblich homogene Masse aus viel mehr Heterogenität, als dem vermeintlich führenden Genital lieb ist. Und so wird gebellt, gehasst und ausgegrenzt. Folgt man als Mann nicht den immer in Gruppen mit innerem Zerrzwang angelegten Verhaltensweisen, blüht einem die Ächtung (denken Sie an Fußballer-Outings). Da das einzelne Indidviduum aber in der Regel nichts mehr fürchtet als die Bloßstellung und Ausgrenzung, wird so gut wie alles mitgemacht.

Mangold hat Angst

Ich habe einen sich als sehr heterosexuell gerierenden Freund, nennen wir ihn Mangold. An ihm statuiere ich gern das Exempel, und berühre ihn im Café sitzend am Knie. Dann blickt er sich panisch um, schaut, ob die Menschen schauen und hat ernsthaft schon zu den dann sehr irritierten Sitznachbarn gesagt: "Es ist nicht so wie es aussieht! Ich bin nicht schwul! Und er (auf mich zeigend) auch nicht, er tut nur so." Ach, Mangold. Sie sehen, da möchte jemand mal etwas aus tiefem Herzen tun.

Eine Bekannte hingegen ließ es auch an unterschwelliger Angst nicht vermissen. In den sozialen Medien postete sie eine Erinnerung von vor ein paar Jahren, als ihr damals noch junger Sohn mit Make-Up spielte und sich gern schminkte. Das Bild dieser Situation untertitelte sie mit dem Hinweis, dass der Sohn inzwischen auch Fußball spielte. Ergo: er hatte glücklicherweise auf den "richtigen" Weg zurückgefunden. Mehr Gendershame geht kaum, insbesondere wenn man die darunter liegenden, zustimmenden Kommentare berücksichtigt. Dass meine Mutter von einer Verkäuferin unfreiwillig im Sinne der Verkaufsberatung aufgeklärt wurde, wenn ihr Junge mit Puppen spielte, würde er schwul, lassen wir mal als Anekdote der grauen Achtziger gelten.

Rinnsale zur Ausagitation

Das Traurige ist daran, wenn man diese Gruppen mal in zufällig versprengter Form antrifft. Nach ein, zwei, drei Gläsern Alkohol wird so einiges zum schmachtenden Konjunktiv. Viele Jobs finden nur deshalb Nachwuchs, weil die Menschen etwas Vernünftiges meinen ergreifen zu müssen, statt ihren Neigungen zu folgen. Und so ist es auch mit den tieferliegenden Bedürfnissen. Sie werden unterdrückt, sie kochen und sind dabei aber nicht elemninierbar. Sie suchen sich Rinnsale. Werden atypisch ausagiert oder in einer heimlichen Weise ausgelebt.

Homosexuellen Männern wird von Heterosexuellen gerne abattestiert, sich um Kinder kümmern zu können, Angst vor Pädophilie bricht sich Bahn. So ein Quark! Sie sehen wie sehr sich die selbst ernannten Richtigen um die Deutungshoheit fürchten, wenn sie so einen niederträchtigen Vorwurf einwerfen. Wie eingangs erwähnt, haben mich meine ganze Kindheit und Jugend schwule Männer geprägt. Sie haben mir gezeigt, was Stil ist, Geschmack für Mode, den herzlichen Umgang miteinander - ja, und auch das probate Mittel des Zickens. Ich profitiere von allem noch heute jeden Tag. Ich kichere lieber mit meinem schwulen Friseur herum (dem ich seit 15 Jahren die komplett asexuelle Treue halte) als den Macho in der Fussballgruppe zu mimen.

Sicher hat mich die Zeit zwischen Schwulen zu einem besseren Heterosexuellen gemacht.
Glück gehabt.

11:53 21.04.2020
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