Maigret reloaded

Hörbuch Der Audio Verlag verpflichtet Walter Kreye als Alter Ego für Georges Simenons Ermittler Maigret. Ein Mammutprojekt mit ungewissem Ausgang
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Maigret reloaded
Walter Kreye ist bekennend großer Maigret-Fan

Foto: Thomas Kierok

„Wenn wir mit einem finanziellen blauen Auge davonkommen, haben wir es geschafft“, raunt der Geschäftsführer des Audio Verlags, Amadeus Gerlach. Der Tatort für die Lesung ist das Pfefferberg-Theater in Berlin, die Bühne gebiert sich im Lesungsmodus. Drei Stühle, ein Stehtisch, Mikros. Später wildes Stühlerücken. Erst kurz vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung, betritt Walter Kreye das kleine Theater. Cremefarbener Mantel und diese dunkelwarme Stimme eines Onkels, dem man die leichte Verspätung nicht übelnehmen wird. Die Pressereferentin tupft sich den imaginären Schweiß.

Und dann, dann wird es gar nicht so schlimm. Das von Stuckrad-Barre immer so gefürchtete Abonnement-Publikum ist entweder nicht da, oder hält sich zurück. Eine Diskussion ist gar nicht angedacht, welch´ ein Glück. Nur die Husterinnen und Huster, die erwachen, kurz nachdem sich der Saal ins Dunkle taucht. Ob Dunkelheit Husten forciert – oder eher den Zustand des Wahrnehmens des Zurückgeworfenseins auf sich selbst? Das bleibt unklar, aber alle kommen lebend aus der Veranstaltung.

Zwei Tage pro Hörbuch

350 Hörstunden will der Verlag bis 2020 aufgenommen haben. Alle 75 Maigret-Krimis und 28 ausgewählte Erzählungen. Sämtliche Krimis werden von Kreye eingelesen. Die bisherigen 12 in einem Akkordtempo, sollten sie doch zur letzten Frankfurter Buchmesse im Oktober vorliegen. Sie taten das auch, und keine Dummies. Zwei bis zweieinhalb Tage geben sie sich für ein Buch, Kreye und sein Produzent und Regisseur Wolfgang Stockmann. Sie schafften das, aber es sei harte Arbeit. Morgens um zehn, also quasi noch Nacht im Künstlerrhythmus. Gemeinsam sitzen sie in Berlin und Hamburg im Tonstudio und werden final die 350 Stunden produziert haben. Kreye ist ein Akkordleser. Pause? Mache er erst nach frühstens 100 Seiten, andere Kollegen krächzten schon nach 30 Seiten nach Erholung.

Der Abend im Pfefferberg-Theater ist aber erstmal das Feiern dieses Coups. Denn der Audio Verlag beweist Mut, in Zeiten, in denen CDs doch immer mehr als Fremdkörper wahrgenommen werden, eine solche Reihe -auch- pressen zu lassen. Denn die CDs leben mit von ihrer liebevollen Präsentation mit atmosphärischen Fotos und den von Simenon gerne mitgegebenen Details zur Entstehung des Buches. „Wir saßen in großen Runden zusammen, und haben uns durch die Sprecher gehört. Wir wollten auf jeden Fall jemand reiferen für die Reihe gewinnen“, betont Gerlach. Die Wahl fiel dann begeistert auf Walter Kreye, auch, weil er in einem früheren Interview erwähnte, großer Maigret-Fan zu sein.

Mit Simenon in der Hand beauftragt

Wie denn die Anfrage vonstatten gegangen sei, wird Kreye von der Moderatorin des Abends gefragt. "Ich stand auf meiner Leiter, die ich mir für meine IKEA-Regale extra habe bauen lassen und holte grade den non-Maigret Zum weißen Roß aus dem Regal, als meine Frau mir das Telefon reichte. Klingt unglaubwürdig, oder?“, lacht Kreye sein tiefes, brummiges Lachen, als er nach der Veranstaltung seinen Aperol Sprizz mit dem Journalisten trinkt. Er könne einem das Bild zeigen, links oben, dort ständen alle seine Magraits. "Alles weiß?", fragt der Journalist als Anspielung auf die Tatsache, dass das Werk nun beim Kampa-Verlag beheimatet ist. Anderes Aussehen und Haptik mit inbegriffen. "Ja, die waren schon schön und stimmig, die Maigrets in der typischen Diogenes-Optik. Aber auch bei Kampa erscheinen sie in schöner Form", denkt Kreye laut.

Eingebetteter Medieninhalt

„Ich habe selber viele Kommissare gespielt, einiges war schön, einiges war sehr öde. Bei einem wäre ich fast dem Alkohol verfallen, wenn meine Frau mich nicht gebremst hätte. Die Bücher waren Schrott, die Drehtage kurz und die Abende lang.“ Kreye schaffte den Ausstieg nicht ganz freiwillig, er wurde schwerkrank, dann gekündigt, viel Groll folgte. Aber, er gesundete. Rückwirkend beendete dies sein Leid der unkreativen, wenn auch sicheren Dreharbeit für die traditionsreiche Krimiserie.

Er ist nicht der Alte, er ist fit, wie er daherkommt und sich freut, diesen Auftrag so ausfüllen zu können. Kreye ist der deutsche Maigret. Alle Ausführenden umgibt eine kindliche Freude. An dem Abend liest er sowohl eine Maigret-Passage als auch aus dem Roman "Maigrets Memoiren", der mit ironischer Distanz über den Kommissar resümiert. Und Kreye performt wie auf Knopfdruck. Natürlich, sagt er hinterher, arbeite er sich intensiv ein, mache sich Betonungsmarkierungen. Er blüht auf der Bühne auf, ist sofort in seiner Rolle und auch ein gewisser Habitus setzt ein.

Der liebevolle Vater

„Er war ein liebevoller Vater, er ging mit uns täglich lange spazieren“, parliert der Sohn John Simenon in perfektem Englisch mit französischem Sound von der Bühne. Er versprüht dabei einen solchen Charme, dass das Publikum verzückt klatscht. Dabei gleicht das Ankarren von Nachfahren von Künstlern gerne auch mal eine Bauchlandung auf einem zugefrorenen See. Wortkarg, störrisch, zickig oder einfach nicht bühnentauglich, werden diese armen (aber meistens monetär abgesicherten) Söhne oder Töchter ins Scheinwerferlicht gezerrt und erleiden ein doppeltes Trauma: unweigerlich das Kind von zu sein und das dann auch noch präsentieren zu müssen.

Nicht so John, es wirkt wie ein aufgeräumtes Verhältnis von Vater und Sohn. „Er war sehr präsent und wenn wir von der Schule kamen, hatte er Zeit für uns“. Denn der Vater, der ein unglaubliches Oeuvre hinterließ (ca. 500 Millionen (!) verkaufte Gesamtauflage), war zwar sehr produktiv, aber nicht im exzessiv-versoffenem Sinne der Schriftstellerlegenden. Eher ein nine-to-five-Arbeiter, der penibel darauf achtete, genug Zeit für die Familie zu haben.

Mit den Mythen räumt John Simenon dann in charmanter Weise auf. Die Höflichkeitsaufwartungen der Moderatorin wischt er auf sanfte Weise beiseite. Bescheiden sei sein Vater gewesen, kontert er mit der Erklärung, es käme auf dessen Lebensphase an. Und auch die romantisierte Vorstellung, die Figur Maigret sei spontan mit Alkohol entstanden, entkräftet er auf höfliche Weise. Es sei ein jahrelanger Entstehungsprozess gewesen. Dann aber sei Maigret Teil der Familie geworden; er bezeichnet ihn als seinen imaginären Halbbruder. Die Texte und Themen seien durchaus dunkel, aber dies entspräche nicht seinem Vater als Mensch.

Kampa-Ära revitalisiert alles

Mit dem Fan-sein ist es in dieser Runde kreisschlüssig, denn auch der Chef des Audio Verlags ist es. Amadeus Gerlach war es, der blitzschnell reagierte, als er früh mitbekam, dass die Erben Simenons sich von Diogenes lösten (es wird kolportiert, sie fühlten sich zu wenig betreut) und zu Daniel Kampa und dessen neuem Verlag abwanderten (lesen Sie hierzu das Portrait über Kampa bei der ZEIT). „Wir verkaufen die vielen verschiedenen Hörspiele der Maigret-Reihe sehr gut und pressen sie immer wieder nach, aber die Chance, dieses Werk in einer einzigen Edition zusammenzufassen, war zu verlockend“, so Gerlach über seinen unternehmerischen Mut.

Kreye wird von seiner Ehefrau und seine jüngsten Tochter begleitet, beide auf eine Art stolz auf ihn, die bestärkend wirkt. Vielleicht kann er deswegen so fließend hingebungsvoll performen?
Was begeistert Kreye an Maigret, am Genre des Krimis, der in vielerlei nerviger Art auch daher kommt? „Bei Maigret geht es nicht um die Enttarnung des Täters, sondern um die Interaktion der Figuren im jeweiligen Moment. Simenon lässt sie dem Leser real werden.“ Kreye sieht dabei so beseelt aus, wie Simenon seine Figuren beschreibt: sehr real.
--- Was will man mehr?

Information über die ´Edition Simenon´ bei Der Audio Verlag

14:36 16.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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