Suter reloaded

Relaunch Der schweizerische Schriftsteller Martin Suter will ins Internet. Die Website kommt aber nicht gut an. Nun ist alles neu – und besser?
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Suter reloaded
Man könnte meinen, Martin Suter sei ein Banker. Ist er aber nicht

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

„Martin Suter hat eine neue Website“, sage ich.
„Wer ist'n das nochmal?“, fragt ein Freund im Café mir gegenüber sitzend. Ich zeige ihm ein Bild auf Google.
„Ach, der“, nickt er, „dachte, der sei Banker!“

Das könnte man auch meinen, wenn man Martin Suter sieht. Meistens im Dreiteiler. Krawatte. Haar gegelt. Die Schuhe geputzt, die Ärmelknöpfe sind als Kissing Buttons angelegt.

Martin Suter ist ein Spätkarrierist im Literaturbetrieb. 1997, mit knapp fünfzig, landet der Schweizer beim altehrwürdigen Diogenes Verlag in der Sprecherstraße in Zürich. Daniel Kehl, der inzwischen verstorbene Gründungsverleger, will sich für sein Debüt Small World einsetzen.
Suter sitzt damals auf seinem Anwesen in Guatemala, als ihn der Anruf erreicht. Er hat in seiner ersten Lebenshälfte Karriere gemacht. In der Werbung. Er schrieb eine Bank-Kampagne, über die sich Max Frisch aufregte, er schrieb Texte für Geo, er reiste um die Welt.

Und doch, es reichte ihm nicht. Dieses Motiv des Seins eines Martin Suters wirkt bis heute. Denn Suter ist, obgleich in den Siebzigern, nicht vom alten Eisen. Er ist alert und merkt genau, dass sich seine Branche wandelt. Das zeichnet ihn als ehemaligen Werber mit Gespür aus. Er wolle auch auf diesen Bildschirmen gelesen werden, sagt er in einem Interview. Er meint damit Smartphones, auf denen er die Menschen vielleicht sogar mehr lesen sieht als früher. Nur eben nicht mehr so oft seine Bücher.

Lesende wandern ab

Was macht Suter? Er grämt sich nicht, er handelt. Für seinen Verlag mit vergoldetem Briefschlitz vielleicht etwas zu agil. Seinen Twitteraccount, auf dem er sich ausschließlich reimend auf 280 Zeichen äußert, lässt der Verlag kurzzeitig sperren, weil er denkt, dass kann nicht Suter sein.

War er aber, genauso als er mit seiner Website martin-suter.com live geht. Mit einem Bezahlmodell. Man denkt kurz nach, welcher ähnlich situierte Literat paid content auf einer eigenen Website hat, und es fällt einem keiner ein. Websites seien ein kostspieliges Unterfangen, sagte Suter bei Willkommen Österreich. Seinem Verlag, der ihm die Karriere mit ermöglichte, möchte er nicht in die Quere kommen. Nur neue Wege betreten.
Die erste Version der Website allerdings enttäuscht. Nach wenigen Klicks merkt man: hier wurde ambitioniert gehandelt, aber schlecht geplant. Schwer lesbare Schrift auf hellem Blau, keine wiedererkennbare Marke, keine Bildwelten. Schlicht kein digitales Zuhause für Suter-Lesende.

Es ist nur Text, Fotos sind so eingebunden, dass man sie großklicken muss. Die Neunziger wehen durch den Browser. Die Navigation ist eher wie ein Navi aus den Anfangstagen. Aber das schlimmste: die Seite versprüht nichts von dem so klassischen Esprit Suters. „Ja, manche Seiten wurden gar nicht gefunden in der Navigation“, sagt Johannes Zeller, der die Seite nun technisch betreut.

Suter trägt nicht nur den Look eines Geschäftsmanns. Er ist einer. Jeder erfolgreiche Literat ist das, auch wenn sie nicht so wirken – wirken wollen. Verleger Unseld war ganz verwundert, als er in Peter Handkes Haus in Chaville die ausgeschnittenen Spiegel-Bestsellerlisten in der Küche sah. Handke rechnete Absatzzahlen mit dem spitzen Bleistift nach.

Handeln statt hadern

So machte Suter nun den Cut. Technische und gestalterische Betreuung wurden ausgetauscht, aus einer Websiteoptimierung wurde eine gänzlich neuer Auftritt. Für das Design steht ein alter Bekannter Suters, Beat Keusch. Er gestaltete ein Design, was Suter und seine Figurenwelten endlich abzubilden vermag. Pastelltöne in Kontrast zu schwarzer Menüführung und Schrift mit Serifen. Die Optik kann Suter endlich einen Weg zu einer digitalen Markenwelt ebnen. Wann gibt es den ersten Suter-Merch?

Die Rubriken haben nun Farben, es ist klar konturiert und in einem ganz subtilen Maße animiert. So blinkt seitlich das Poesiepingpong, in der Mobilversion sind es nur zwei blinkend Punkte, auf die man klicken müsste. Das versteht der Journalist dann erst nicht, denn er besucht die Website nur per mobile device. Da besteht kreatives Einordnungspotential: er dachte, dass sei eine Hommage an die beiden grün blinkenden Punkte auf der Abflugtafel in Hinblick auf Suters Business Class-Kolumnen und den weltgewandten Allmen.

„Das animierte Poesiepingpong ist mein Baby,“ schmunzelt Johannes Zeller, „es ließ sich aber in der mobilen Version nicht in der Art animieren, wie in der Desktopvariante. Aber Martin wird sich sicher über die Interpretation freuen.“

"Mobile first!"

Generell liegt Zeller an der weiteren Optimierung der mobilen Anzeige: „Die Menschen tauchen in Martin Suters digitale Welt nicht zuhause am PC, sondern in der Bahn oder im Café an ihren mobilen Geräten ein. Wir müssen daher alles daransetzen, die mobile Anzeigeversion so erlebnisreich wie möglich zu gestalten.“

Wenn man nun auf der Website des Schriftstellers vorbeisurft, merkt man ein heimeliges Gefühl, man will viel eher verweilen. „Ja“, sagt Zeller, „das haben wir in der Analyse gemerkt, die Leute sprangen einfach zu früh ab oder verirrten sich. Das wollten wir ändern.“ Die Website ist nun eine Woche in neuem Gewand online. Hat sich etwas geändert? Zeller nickt merklich am Telefon: „Wir haben viermal mehr Besucher als beim alten Design.“

Wenn man Suter etwas raten wollte, was sich nicht designen und nicht coden lässt, dann das: bewusst direkter mit seiner Base zu kommunzieren. Er sollte ihr Gastgeber, quasi ein persönlicher Allmen werden. Die Redaktion kann redaktionieren (wie man in der Schweiz ja auch nicht lapidar parkt, sondern parkiert), aber Suter sollte den Menschen näher wirken, obgleich seine Distinktion das stille Distanzwahren ist und auch bleiben soll.

Vielleicht ist es wie bei der ganzen Karriere Suters: second try, full success?

21:36 11.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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