Printed Cinema

USA Michael von Graffenried legt einen 16:9-artigen Bildband über eine US-amerikanische Kleinstadt vor mit der Frage: To whom it may concern?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Menschen, die frisch aus New York oder LA zurückkommen, muss man in ihrer Tonalität der erlebten Vollkommenheit immer wieder etwas ins Gewissen rufen: das waren nicht die USA, die ihr erlebt habt. Das Land mit rund 330 Millionnen Einwohner:innen ist so sehr viel komplexer als das, was man als sehr komprimierte Ballung von Kapital, Bildung und Multinationalität in den typischen von Europäern rezipierten Großstädten erleben kann.

New Bern ist eine Kleinstadt in North Carolina, rund 30.000 Einwohner:innen leben dort. 55% sind weißer, 35% sind schwarzer Hautfarbe. Und man wohnt, so lassen es die Bilder vermuten, konsequent aneinander vorbei. Über 15 Jahre erstrecken sich die Aufnahmen von Michael von Graffenried, von dessen Name man vermuten kann, dass seine Vorfahren 1710 das erste Haus New Berns gebaut haben. Bezug wird darauf im Buch aber nicht genommen.

1999 lebte ich selbst in genauso einer Art Kleinstadt in den USA: Olympia im Staat Washington (das ist ganz im Nordwesten, nähe Seattle). Eine Stadt, die mit ihren nur 30.000 Einwohner:innen die gleiche Fläche einnahm, wie meine damalige Heimatstadt Hannover mit über 500.000 Einwohner:innen. Entsprechend weit waren die Wege. Für mich als jungem Schüler, war das eine ganz andere Welt. Die ganzen Klischees, sie stimmten. Große Autos mit Automatikgetriebe, jeder Weg wurde mit dem Auto bewältigt, die Malls, die man in Deutschland noch gar nicht kannte, waren wirklich so riesig, Cola gab es allerorten und immer eiskalt und ich lernte, was ein Starbucks überhaupt ist. Diese Liebe zu Kaffeeläden ist bis heute geblieben.

Der Lauf des Lebens in Bildern

Wenn ich in Our Town blättere ist es wie ein Kinobesuch meiner USA-Zeit. Es ist eine Reise durch diese so weite Welt, diese vielen Menschen mit ihrer vielerlei Herkunft. Diese Größe von Autos oder auch der Wegplatten. Dieser Patriotismus, der in Deutschland zu recht undenkbar ist. Diese Lebenswege von jungen Menschen im Schulbus, dann als Cheerleader, dann auf dem Wege zur Hochzeit mit dem/der Richtigen. Die Veteranen, denen man die Versehrtheit aus Krieg und Alter nur zu gut ansieht. Und dann sieht man die Armut. Die Trennung von Menschen verschiedener Hautfarben. Das Leben und Darben auf hölzernen Terrassen, das Totschlagen von Zeit, die Perspektivlosigkeit. Denn im weiten Land zwischen New York und LA spielen sich die wahren Verhältnisse der USA ab. Dort werden die Wahlen entschieden, dort kann man das Land wahrhaft erleben und das ist eben nicht das, was auf eine Postkarte passt.

Sichtbare Trennung

Nach George Floyds Tod fanden auch in New Bern große Proteste statt. Denn es ist immer noch ein Problem und dann eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass schwarze Menschen als krimineller deklariert, schlechter behandelt und dann in einen Strudel nach unten gerissen werden. Sie fallen unfreiwillig und unverschuldet in das fremdgeschaffene Narrativ des kriminellen Armen. Bodycams haben hier eine große Chance auf Gerechtigkeit geschaffen. Auf Youtube-Kanälen wie „Police Activity“ können nun Einsätze mit Gewaltanwendung seitens der Polizei durch die Öffentlichkeit nachverfolgt werden. Man denke sich nicht aus, was ohne dieses technische Zwangskorrektiv früher seitens der Polizei alles schiefgelaufen ist. Viele weiße als Cops, dazu die typische Psychostruktur von Polizisten, eine nur kurze Ausbildung (und keine Verbeamtung), das Gewaltmonopol und die durch vielerlei Einflüsse gesetzten Denkschemata, haben viel Leid und Unruhe ausgelöst. Es lässt einen unfassbar zurück, wie eine Festnahme von George Floyd einen so katastrophalen Verlauf hat haben können.

Die Druckqualität aus dem Hause Steidl muss nicht weiter besprochen werden. Sie ist, wie immer, grandios.

Von Graffenried lässt alle Lebens- und Alterswelten in New Bern zum optischen Wort kommen und zeigt zurückhaltend die Situation in einer Stadt die separiert wirkt. Die Aufmachung des Buches mit großen Bildern, die sich teilweise über beide Buchseiten erstrecken, wirkt wie ein Kinobesuch, der einem die Fragen ohne Fragen stellt. Denn auch das Vorwort ist angenehm kurz. Es ist wie ein Dokumentarfilm ohne Off-Sprecher:in. Der Rezipierende muss oder sollte selber die Fragen und die Antworten finden. Und wenn man das Buch zuklappt, hat man das Gefühl, eine Reise durch die Welt der zwei Welten unternommen zu haben.

Michael von Graffenried: Our Town. Steidl Verlag. 45€
steidl.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden