Die „SZ“ schließt ihre Kommentarfunktion

Frontalunterricht Die Süddeutsche Zeitung will in Zukunft auf ihrem Online-Angebot „direkter“ kommunizieren. Für den Leser heißt das: nur gucken, nicht anfassen
Jan Jasper Kosok | Ausgabe 37/2014 137
Die „SZ“ schließt ihre Kommentarfunktion
... oder lieber nicht
Foto: Screenshot, sueddeutsche.de

Direkter, konzentrierter, besser moderiert“ – mit diesen Worten kündigt die Süddeutsche Zeitung ihre Antwort auf die Gretchenfrage des Journalismus in Deutschland an: Wie soll man im Internet mit dem Leser umgehen, diesem mystischen Wesen, ohne den es gar nicht, mit dem es eben aber auch nicht so recht gehen will?

Die Antwort der Süddeutschen Zeitung lautet: Unter normalen Artikeln darf nicht mehr kommentiert werden. Dies werde in Zukunft nur noch in den sozialen Netzen geschehen. „Direkter“ meint für die SZ also vor allem eines: Nicht mehr im Sichtfeld der Autoren und am besten so weit weg von der Webseite wie möglich. Dazu gibt es täglich zwei bis drei – bislang schwer aufzufindende – Diskussionen auf sueddeutsche.de selbst, in denen sich ein "SZ-Debattenteam" um die Meinungen der Leser kümmert.

Erörtert werden dort Fragen wie: „Das erste deutsche Demenzdorf – weggesperrte Patienten oder gutes Konzept?“, „Sind Ex-Fußballprofis die besseren TV-Experten?“ oder „Sollten Städte fahrradfreundlicher werden?“ Das Resultat: zwischen einem und 20 Kommentaren. „Konzentrierter und besser moderiert“, schreibt die SZ. Man könnte es auch betreutes Schreiben nennen.

Was hier als bahnbrechende Innovation verkauft werden soll, ist in Wahrheit eine Mogelpackung: Journalismus aus den Zeiten eines Baby Schimmerlos, in denen es – außer es wird Sekt gereicht – für den Leser heißt: Nur gucken, nicht anfassen.

Nun sollte man vielleicht von einem Medium, das einst von sich reden machte, weil es nachts die Kommentarfunktion ausschaltete, nicht erwarten, dass es den Umgang mit dem Leser neu erfindet. Aber es ist schon bedenklich, wenn sich mit der Süddeutschen Zeitung ein weiteres großes Haus von der Idee des direkten Austauschs mit dem Nutzer verabschiedet und zum Frontalunterricht zurückkehrt.

Denn allein steht die SZ damit nicht. Es liegt im Trend, Kommentarfunktionen einzuschränken, zu verstecken oder sogar ganz einzustellen. In den meisten Medienhäusern werden sie als störend empfunden. Nach wie vor gilt die alte Online-Weisheit, nach der in vier von fünf Fällen ein Kommentar keinen Mehrwert bringt. Aber jeder fünfte Kommentar ist eine Chance – auf Wissenszuwachs, Ideen oder einen überraschenden Blick. Diese Chance gilt es zu ergreifen – auch wenn das aufwendig und, ja, auch anstrengend sein kann.

Andere Wege, mit dem Leser zu arbeiten, tun sich dort auf, wo Redaktionen bereit sind, Kontrolle an den Leser abzugeben und ihm zu vertrauen. Wo Strukturen geschaffen werden, in denen Nutzer ohne Zentralorgan auskommen. Es geht darum, nicht gegen, sondern mit dem Leser zu arbeiten: Das ist die wahre Herausforderung, vor der der klassische Journalismus steht, wenn er sich einen Teil seiner verloren gegangenen Glaubwürdigkeit zurückerobern möchte.

Gerade in Zeiten, in denen zwischen den Medien und deren Konsumenten die Kluft bei der Berichterstattung über Themen wie Ukraine, Überwachung oder Gaza größer ist denn je, ist es weder angebracht noch pädagogisch wertvoll, sich abzuwenden. Mehr Dialog ist notwendig, nicht weniger. Alles andere ist Propaganda – würde der Leser sagen.

Jan Jasper Kosok ist Online-Chef und Ressortleiter Community beim Freitag

06:00 11.09.2014
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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