„Die Geschichte wiederholt sich jedes Mal“

Interview Muslime müssen sich dem gewalttätigen Islam stellen, sagt der Islamforscher Muhammad Sameer Murtaza
Jan Pfaff | Ausgabe 03/2015 68

Der Freitag: Herr Murtaza, Sie widersprechen der Meinung, dass die Mörder von Paris keine richtigen Muslime seien. Wie begründen Sie das?

Muhammad Sameer Murtaza: Es gibt im Umgang mit islamisch motivierter Gewalt zwei Reflexe bei Muslimen. Zum einen sagt man: Die Täter sind überhaupt keine Muslime. Die Menschen, die im Namen Gottes Hass predigen und Anschläge begehen, sind aber oft in einer muslimischen Community sozialisiert, sprechen täglich ihre fünf Gebete und begehen die Taten aus ihrem Islamverständnis heraus. Und jeder, der das islamische Glaubensbekenntnis ausspricht, ist ein Muslim. Ich habe gar nicht das Recht, ihm das abzusprechen. Ich kann aber sagen: Es gibt Muslime, die Gutes tun – und solche, die abgrundtief Böses tun.

Und der zweite Reflex?

Sofort zu sagen: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Wir haben aber eine Reihe von muslimischen Ideologen und Denkern, die einen gewalttätigen Islam in ihren Schriften herausgearbeitet haben. Auf diesen können sich jene beziehen, die diese Attentate verüben. Natürlich ist es wichtig, dass die große Mehrheit der Muslime sagt: „Nicht in unserem Namen!“ Aber der zweite Schritt fehlt dann. Nämlich sich damit auseinanderzusetzen, wie diese Attentäter auf ein solches Islamverständnis kommen.

Die Muslime müssen sich dazu verhalten ...

Ja, wenn wir uns nicht mit der gewalttätigen Seite beschäftigen, wiederholt sich die Geschichte jedes Mal wieder. Es gibt auch zunehmend muslimische Gelehrte, die versuchen, ein Ethos der Gewaltlosigkeit zu entwickeln. Das erfordert aber mehr Selbstkritik in der muslimischen Community und eine kritische Reflexion bestimmter Aussagen des Korans.

Sie widersprechen also auch der These, der Terror von Paris sei vor allem ein soziales Problem aufgrund der gescheiterten Integration der Täter?

Sowohl gesellschaftliche als auch religiöse Gründe spielen eine große Rolle. Wir beschäftigen uns immer noch zu wenig mit den Täterbiografien und der Frage, was junge Menschen dazu bringt, diesen Weg einzuschlagen. Und es wird zu wenig thematisiert, dass es nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund geht. In der deutschen Salafistenszene sind die führenden Köpfe – Pierre Vogel, Sven Lau – ja deutsche Konvertiten. Es wäre aber eine unzulässige Verkürzung auszublenden, dass es eine Ideologie gibt, an die diese jungen Männer andocken können. Eine Ideologie, die im vergangenen Jahrhundert entstanden ist.

Muhammad Sameer Murtaza, Jahrgang 1981, ist pakistanisch-deutscher Islamwissenschaftler. Er ist Mitarbeiter der Stiftung Weltethos des Schweizer Theologen Hans Küng. 2014 erschien sein Buch: Islam. Eine philosophische Einführung und mehr ...

Können Sie diese Entstehung kurz beschreiben?

In der muslimischen Welt gab es lange die Kopplung von politischer Macht und Glaubensgemeinschaft. Mit dem Einsetzen der Kolonialisierung ist diese Vorstellung tief erschüttert worden. Die Gelehrten hatten auf die Frage „Wie konnte das christliche Abendland uns überflügeln?“ keine Antworten. Deshalb gaben zunehmend nicht mehr Gelehrte den Gläubigen Antworten, sondern Laien bestimmten die Koranauslegung. Ein führender Kopf war Sayyid Qutb, ein Muslimbruder, der in den 1950ern in Ägypten im Gefängnis gefoltert wurde und sich unter diesen Eindrücken radikalisierte.

Mit welchen Folgen?

Er entwarf einen Staat, in dem der Souverän Gott ist, nicht der Mensch. Damit schuf er aber eine Utopie, die dem glich, was er selbst erlebt hatte: eine totalitäre Diktatur, nur jetzt religiös gefärbt. Und diesen Staat wollte er mit Gewalt schaffen. Qutb wurde 1966 hingerichtet und gilt vielen als Märtyrer. Es ist deshalb heute nicht einfach, in der Community gegen ihn anzusprechen.

Er wird auch weiter viel gelesen.

Wir haben noch in etlichen deutschen Moscheen die gewaltverherrlichende und antisemitische Koranexegese von Qutb verfügbar, die Bücher stehen da ganz selbstverständlich neben anderen. Ich war vor Kurzem in Hamburg, weil die Schura Hamburg als erster islamischer Verband zu einer Salafismus-Tagung eingeladen hatte. Bei meinem Vortrag gab es auch Zuhörer, die sagten: „Wir sollten Qutb lieber wegen seines Todes nicht kritisieren.“

Was antworten Sie darauf?

Ich sage dann: „Vergossenes Blut sagt nichts über den Wahrheitsgehalt einer Koranauslegung aus.“ Wir müssen uns fragen: Stimmt diese Exegese? Welche Folgen hat sie? Sind diese Folgen mit dem Islam vereinbar? Dieses kritische Bewusstsein fehlt in der muslimischen Community noch. Genauso wie die Auseinandersetzung mit Gruppierungen wie Hamas und Hisbollah. Was ist etwa mit Selbstmordattentaten? Zu wenige Muslime in Deutschland sagen: „Selbstmordattentate sind mit dem Islam nicht vereinbar.“

Terroristen, die sich auf Allah berufen, stehen oft dem Wahhabismus nahe – einer extrem intoleranten Variante des Islam, die von Saudi-Arabien aggressiv verbreitet wird.

Die Wahhabisten waren eine sektiererische Bewegung, bis sie nach dem Ersten Weltkrieg das Königreich Saudi-Arabien gründeten und auf Öl stießen. Damit war Geld da, und sie konnten ihr Islamverständnis exportieren, indem sie in allen möglichen Ländern Moscheen bauten und Schulen finanzierten. Im Westen wurden sie hofiert. Damit kam es zu einer Verschiebung. Kaum einer sagt heute: Das ist eine sektiererische Bewegung. In deutschen Moscheen nimmt man die saudischen Bücherspenden gern und setzt dem wenig entgegen.

Al Qaida sei eine „hyperradikalisierte Version des Wahhabismus“, schreiben Sie.

Ja, wobei das Islamverständnis der Al Qaida nihilistisch ist. Der Wahhabismus hat ein klares Ziel. Er will eine Gesellschaft, die der des 7. Jahrhunderts gleicht. Die Al Qaida hat nie einen solchen Gesellschaftsentwurf vorgelegt. Wir sehen, dass sie ihre Attentate durchführt, es aber kein finales Ziel gibt, jedenfalls nicht im Diesseits. Man will die Welt reinigen, indem man sie zerstört. Das Ziel liegt als Märtyrer im Jenseits.

Sie vertreten eine ethisch-rationalistische Koranauslegung und haben sich mit der Vereinbarkeit von Koran und Grundgesetz beschäftigt. Gibt es da nicht eine unauflösbare Spannung, etwa bei der Gleichberechtigung der Geschlechter?

Im islamischen Recht ist es so: Wenn ich in einem nicht muslimischen Land lebe, gelten die Gesetze dieses Landes. Wer das nicht mit seiner Auslegung des Korans vereinbaren kann, soll das Land verlassen. Wenn Sie in die jüdische Halacha schauen oder ins Kirchenrecht, finden Sie auch Punkte, die sich mit den Grundrechten stoßen – genauso im Koran. Nehmen wir das Gebot, dass eine muslimische Frau keinen Nicht-Muslim heiraten darf. Als Gläubige kann ich das privat ja so praktizieren, aber ich kann nicht dazu aufrufen, es in der Gesellschaft zur sozialen Norm zu erheben. Hier gilt das Primat des Grundgesetzes.

Was ist mit den Karikaturen?

Bei vielen Muslimen, die sich darüber aufregen, frage ich mich schon, wieso sie weiter hier leben. Wieso sind sie nicht so konsequent und ziehen in ein Land, in dem Zensur geübt wird?

Was macht für Sie den Kern Ihres Glaubens aus?

Nicht jedes Mal, aber immer wieder wenn ich den Koran lese oder meine Gebete spreche, habe ich eine transzendente Erfahrung. Ich spüre: Da ist etwas Höheres. Und das gibt mir einen Sinn für das Leben, eine Antwort auf die Frage, warum ich hier bin. Ich habe mich oft auch kritisch in der Auseinandersetzung mit Nietzsche gefragt: Gibt es etwas, das im Islam nicht stimmt? Gibt es ein Argument, das meinen Glauben zusammenbrechen lässt? Ich habe keines gefunden.

11:25 16.01.2015

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