Hier sehe ich etwas, das mich vorantreibt

Im Straflager Slavoj Žižek hat sich mit dem inhaftierten Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa Briefe geschrieben. Er zweifelt an der Revolutionierung der Ordnung – sie nicht
Jana Hensel | Ausgabe 47/2013 78

Es liest sich anmaßend und verquirlt. Es ärgert einen ziemlich schnell ziemlich sehr: Der Philosoph Slavoj Žižek hat sich mit der Pussy-Riot-Frau Nadeschda Tolokonnikowa von Januar bis Juli 2013 insgesamt sechs Briefe geschrieben. Das Philosophie-Magazin hat diesen Scoop nun in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht. Žižek saß dabei irgendwo, bei sich zuhause oder in einem Hotelzimmer. Tolokonnikowa in ihrer Zelle in einem mordwinischen Arbeitslager, rund 500 Kilometer südöstlich von Moskau. Inzwischen wurde die 23-Jährige, die, als sei sie in Wahrheit eine Figur aus dem Märchen, ausgerechnet am 7. November 1989, mithin zwei Tage vor dem Ende einer Epoche, geboren wurde, inzwischen also wurde die junge Frau in ein Arbeitslager nach Sibirien gebracht. Sie hatte in einem offenen Brief gegen die Lagerbedingungen protestiert.

Der Lacan-Schüler Žižek doziert, grob gesagt, von der Unmöglichkeit, in der heutigen Zeit aufständisch und rebellisch zu sein. Ein Lieblingsthema vieler Linker ist das, by the way. In dieser „irrsinnigen kapitalistischen Dynamik ohne Maß und Gespür“ läge unsere Hauptaufgabe darin, „die Orientierung zu behalten“. Žižek fragt weiter: „Wie können wir eine Ordnung revolutionieren, deren Prinzip die ständige Selbstrevolutionierung ist?“ Und kommt nicht auf die naheliegende Idee, seine Briefpartnerin zu fragen: Mädel, wie habt ihr das gemacht, wie seid ihr eigentlich zu Aufständischen geworden?

Nadja Tolokonnikowa bleibt gelassen. Sie weiß, wovon sie spricht: „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen darüber, dass Sie in theoretischen Gedanken schwelgen, während ich ‚reale Entbehrungen‘ zu ertragen habe. Ich habe ein lebhaftes Interesse daran, wie ich mit alldem fertig werde. Mehr noch: Ich sehe schon hier Quellen der Begeisterung für mich; und ich sehe etwas, was mich in der Entwicklung vorantreibt.“ Man glaubt es sofort. Schnörkellos radikal und offen, ohne Mitleid und falschen Selbstbezug zeigt Tolokonnikowa Žižeks Irrtum auf.

Es geht, man kann gegen Systeme aufstehen und rebellieren. Man darf nur nicht denken, das sei einfach. Man darf nur nicht glauben, das könnten viele, das könnten unter Umständen alle. Viele Linke glauben das, by the way. Die Wenigsten dürfen denken: Ich könnte das. Um aufständisch zu sein braucht es wahrscheinlich eher Demut und Verletzlichkeit, keinen Größenwahn. Ich weiß das nicht so genau, ich war das nie. Aber wahrscheinlich eher Sprachlosigkeit als Rhetorik. Der Philosoph schreibt in einem Brief: „Ihr tut nicht so, als hättet ihr feste und einfache Antworten“. Und die Aktivistin antwortet sinngemäß: Nein, Herr Žižek, wir haben Fragen.

Zum Glück steht Nadeschda Tolokonnikowa nicht mehr allein. Es sind ein paar mehr geworden in der letzten Zeit: Die Whistleblower Chelsea Manning und Edward Snowden, das pakistanische Mädchen Malala Yousafzai und die anderen Pussy-Riot-Mitglieder natürlich auch. Sie alle haben feste Ordnungen, unterschiedliche, aber immer übermächtige Gegner in scheinbar stabilen Systemen ordentlich durcheinandergebracht, gelinde gesagt. Mit einfachen Mitteln, mit schnellen, direkten und sehr unmittelbaren Entscheidungen. Ohne große Worte. Sie alle wurden und werden dafür anders als Slavoj Žižek verfolgt.

In Deutschland geht das nicht? Doch, das geht. Alte Ordnungen und feste Systeme gibt es auch hier. Die Stern-Journalistin Laura Himmelreich hat es in ihrem Sexismus-Text über Rainer Brüderle vorgemacht. Aber klar, das passiert selten. Eigentlich passiert es so gut wie nie.

06:00 23.11.2013
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