Nach der Party ist vor dem Skandal

Hegelplatz 1 Jakob Augstein ist froh, dass ihn ein einst geschätzter Kollege nicht zu seiner Geburtstagsfeier einlud
Ausgabe 11/2019
Früher galt er als gefeierter Journalist, heute feiert er vorrangig sich selbst: Matthias Matussek
Früher galt er als gefeierter Journalist, heute feiert er vorrangig sich selbst: Matthias Matussek

Foto: Imago/Eibner

Wir hier am Hegelplatz sind ein bisschen partyscheu. Wir feiern keine rauschenden Feste. Die Lage der Linken gibt dazu kein Anlass. Und wir werden viel seltener eingeladen, als wir es gerne hätten. Nun aber haben wir ganz viel über den Geburtstag von Matthias Matussek gelesen, der neulich in Hamburg begangen wurde und müssen feststellen: wenn es um die durchschlagende Wirkung geht – und nur darum geht es in diesem Fall – muss man sagen: das war eine tolle Party. Für Leser, die nicht wissen, von wem hier die Rede ist: Matussek war mal ein toller Journalist. Bevor ihm im Internet die Sicherungen durchbrannten. Katholizismus, Alterstrotz, Sarkasmus, Islamhass, Migrantenfurcht und Geltungssucht gehen bei ihm ein destruktiv-peinliches Gemisch ein. Sein Geschäft hat schon lange nichts mehr mit Information oder Analyse zu tun. Es geht nur noch um Öffentlichkeit, die zu immer höheren Kosten hergestellt werden muss. Es hätte ja niemand von diesem Geburtstag erfahren, hätte nicht Matussek als eine Art Baby Schimmerlos in eigener Sache auf Facebook ausfürlich berichtet, samt Fotomaterial.

Wenn Matussek also seinen Geburtstag plant, geht es vor allem um die Party danach. Die lässt sich am besten mit der richtigen Mischung der Gäste rocken. Man muss sich Matussek vorstellen, wie er sich über die Liste beugt: Der Führer? Wäre der Partykracher. Leider tot. Albert Speer? Auch tot. Rudolf Hess! Könnte man, mit Augenzwinkern, als Friedensbotschafter gut vermitteln. Aber ebenfalls tot. Aus dem kulturellen Milieu würden sich Leute wie Ernst Jünger, Ezra Pound oder Gottfried Benn anbieten. Aber auch die …

Für Partyplaner vom Schlage Matussek ist das ein Problem: Der Faschismus pfeift politisch und popkulturell aus dem letzten Loch. Heute schleppen sich vor allem Epigonen durchs rechte Lager: Leute wie Monika Maron oder Erika Steinbach. Die waren bei Matze zwar auch eingeladen. Aber nach denen kräht kein Hahn. Also hatte er neben den üblichen Verdächtigen aus dem rechtsbürgerlichen Lager noch den vorbestraften Fascho-Schläger Mario Müller dabei. Das brachte der Party das Echo: Der musizierende ARD-Moderator Reinhold Beckmann und der Spiegel, der Redakteure unter den Gästen hatte, distanzierten sich.

Wer zu Matussek auf eine Party geht, muss allerdings damit rechnen, benutzt zu werden. Als Teil einer Provokations-Inszenierung, deren Sinn vordergründig wahrscheinlich darin besteht, die „Political Correctness“ des Öffentlichkeitsbetriebes zu entlarven – in Wahrheit aber nur darin, den Gastgeber im Gespräch zu halten. Matusseks Gäste haben das nicht erkannt. Oder in Kauf genommen. Uns kann das nicht passieren. Wir waren nicht eingeladen.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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