Noch zwei südlichere Tage

Koch oder Gärtner? Der Herbst ist die arbeitsreichste Zeit für den Gärtner. Jetzt pflanzt er, was er im Frühjahr wachsen sehen will. Und genießt noch einmal die stille Pracht der Herbstanemonen

Liebe Gartenfreunde, wenn Sie morgens aufstehen, sehen Sie das milde Licht der Spätsommersonne schon wie einen goldenen Schleier durchs schimmernde Laub der Bäume wehen. In etwa. Der Herbst kommt nun bald. Und mit ihm die Gedanken. Was war, was wird, was sein sollte, was gewesen wäre, was niemals wird. Der Sommer ist ja weitgehend eine gedankenfreie Zeit und bedeutet für die meisten Leute bekanntlich nur Hitze und hemmungslosen Sex am Strand. Aber wenn der Herbst kommt, wird es höchste Zeit, um innezuhalten und – um mit Luther zu sprechen – unsere Augen aufzuheben. Was ja, nebenbei, eine wirklich schöne Formulierung ist: Die Augen aufheben. Im 121. Psalm heißt es: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Unsereinem mag es schon genügen, die Augen aufzuheben zu den Staudenbeeten, wo der Phlox noch blüht und die Rosen sowieso und wo die Herbstanemonen jetzt ihre stille Pracht entfalten.

Wenn wir von Herbstanemonen sprechen, meinen wir fast immer jene der Art Anemone hupehensis. Ich empfehle die Varietäten „September Charme“ und „Andrea Atkinson“, weiß die erste, rosa die zweite, wirklich besonders liebliche offene Blumen mit leicht gewellten Blättern und in der Mitte gefüllt mit kleinen, fransenbekränzten Puscheln.

Herbstanemonen wachsen in der Sonne und im Schatten und sind eigentlich sehr anspruchslos. Nur auf eines sollten Sie achten: Diese wunderschöne Blume will im Frühling gepflanzt werden, weil sie in der Jugend für Staunässe empfindlich ist.

Damit stellt sie eine Ausnahme dar. Denn eigentlich ist der Herbst ja die arbeitsreichste Zeit des Gärtners. Sie pflanzen im Herbst, was Sie im Frühjahr wachsen sehen wollen. Das gilt nicht nur für die Zwiebeln (zu denen ich Ihnen immer noch weitere Erläuterung schulde). Das gilt auch für die Stauden. Es sind ja nur gedankenlose Gartenmärkte, die uns einreden wollen, der Frühling sei die Gartenzeit. Ich rate Ihnen, Ihren Garten im Frühling am besten in Ruhe zu lassen und die Pflanzen nicht beim Wachsen zu stören. Im Herbst müssen Sie arbeiten! Und was Sie im Herbst versäumt haben, können Sie im Frühling nicht nachholen.

Wir haben also, streng genommen, keine Zeit für melancholische Gedanken. Genießen wir die letzten ruhigen Tage des Spätsommers. Bald müssen wir in den Keller, die Zangen schleifen, die Rechen sortieren und die Spaten schärfen. Bald stehen wir wieder mit der Schippe in der Hand knöcheltief im Schlamm des neuen Beetes, das es anzulegen gilt. Neben dem Teich, unter dem neuen Apfelbaum.

Und wenn uns doch die Traurigkeit packt ob der kommenden Finsternis und des drohenden Endes dieses Sommers, dann können wir uns an das Werk der schweizerisch-amerikanischen Psychologin Elisabeth Kübler-Ross klammern.

Kübler-Ross hat sich mit dem Verlust und der gesunden menschlichen Reaktion darauf beschäftigt. Sie hat fünf Stadien benannt, in denen üblicherweise der Mensch seine Verluste verarbeitet. Man leugnet (denial), man zürnt (anger), man bietet dem Schicksal einen Handel an (bargaining), man trauert (depression) und am Ende akzeptiert man es (acceptance) – oder, und das sind dann die ungesunden Fälle, man zerbricht.

Das gilt immer, wenn einer geht, und sei es der Sommer. Denial – „Morgen wird es bestimmt noch mal warm!“ Anger – „Ich hab mein Schlauchboot nur einmal benutzt!“ Bargaining – „Ich höre mit dem Rauchen auf, wenn wir bis Februar frostfrei bleiben!“ Depression – „Bestimmt frieren meine Fische ein!“ Und schließlich acceptance – „Silvester fliege ich auf die Bahamas!“. Aber es kommt ja ein neuer Sommer.

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12:25 03.09.2009
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Ausgabe 37/2021

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sachichma | Community