Warum ist ein Garten ohne Grenzen nicht denkbar?

Koch oder Gärtner Der Gärtner kehrt aus seiner Winterpause zurück und beantwortet gleich mal ein paar grundsätzliche Fragen - etwa, warum ein Garten einen Zaun braucht

Liebe Gartenfreunde, es ist jetzt Frühling, und das Leben kehrt zurück. Bei uns. Nach langer Dunkelheit hebt der Gärtner den Blick, greift zu Schaufel und Rechen und geht hinaus. Endlich wieder hinaus. Aber wir haben Grund, vorher noch einmal innezuhalten.

Wenn Winter herrscht, sehnt sich der Gärtner nach der Tätigkeit unter freiem Himmel. In der Natur oder im Abbild der Natur, das der Gärtner bei sich geschaffen hat. Mein Garten ist schön. Wenn der Frühling Einzug ge­halten hat, wenn der Sommer gekommen ist, wenn der Herbst hindurchgeht. Ich liebe die Schönheit meines Gartens. Aber die Natur selbst ist nicht schön – und sie ist auch nicht gut. In dem Maße, in dem wir glauben, sie besiegt zu haben, irren wir uns da­rin, die Natur zu beschönigen.

Erst indem wir sie beherrschen, machen wir sie uns schön. Es ist ein Zeichen des menschlichen Fortschritts, die Natur schön zu finden. Wenn man in der Ebene des Vaucluse sein hartes Brot verdient, kommt man nicht auf die Idee, den Mont Ventoux zu besteigen. Das fällt erst Petrarca ein, dem Intellektuellen, der in den großen Städten gelebt hat, in Florenz und Avignon. Wir hören oft den Satz vom „Leben im Einklang mit der Natur“. Aber für den Menschen liegt darin ­keine Hoffnung, sondern eine Bedrohung. Im Einklang mit der Natur herrschen Leid und Tod. Wenn die Natur den Menschen schlägt, erinnert er sich daran.

Der Gartenzaun bedeutet Kultur

"Die Menschheit stammt aus einem Garten", hat Rudolf Borchardt geschrieben. Und die Menschheit versucht, sich die Welt wieder zu dem Garten zu machen, aus dem sie einst vertrieben wurde. Das Erste, was der Mensch tat, als er in seiner Morgendämmerung sesshaft wurde, war, einen Garten anzulegen. Das bedeutet: eine Grenze zu ziehen. Um sein Haus, seine Hütte, seine Höhle: diesseits ist Schutz, Ordnung, Schönheit. Jenseits ist der Rest. Drinnen und draußen. Ein Garten ist ohne Grenze nicht denkbar. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal über Jäger- und Maschendrahtzaun spotten. Der Zaun bedeutet Kultur. Er grenzt eine Fläche ab, er schafft einen Raum der Verantwortung und der Gestaltung. Einen Raum der Ordnung.

Es geht im Garten um Ordnung. Wenn das nicht so wäre, könnte der Gärtner einpacken. Er stemmt sich mit seiner Arbeit gegen die Unordnung, gegen die Auf­lösung, gegen den Zerfall, gegen die gleichmäßige Streuung aller Teile im Raum, im Gartenraum, also gegen die Entropie.

Entropie ist das Maß an Un­ordnung in einem System. Die maximale Entropie bedeutet die gleichmäßige Streuung aller Teile. Das ist der Zustand, den die Dinge einnehmen, wenn man sie sich selbst überlässt. Sie geraten erst in Unordnung und finden dann zu ihrer eigenen Ordnung zurück.

Das ist philosophisch gesehen ganz hübsch, für den Gärtner ist es eine Katastrophe: Die Lysimachia clethroides überwuchert das neben ihr stehende Sedum, das Sedum, das seinem deutschen Namen Fetthenne im Laufe des Gartensommers immer mehr Ehre macht, zerfällt von der Mitte her nach allen Seiten und drückt das Geranium platt, das Geranium wuchert in die Hortensie hinein, der Farn franst an den Rändern aus, die Beete verlieren ihre Konturen, die Rasenkanten verwaschen und so weiter.

Keine Pflanze würde übers Jahr kommen

Außerdem liegen Werk- und Spielzeuge überall herum, der Teich versumpft, und wenn es im August drei Wochen nicht regnet, ist alles vertrocknet und tot, aus und vorbei. Keine einzige meiner Gartenpflanzen würde in unserem Klima von allein übers Jahr kommen. Keine einzige würde ohne mich in meinem Garten überhaupt wachsen.

"Der Garten will den Gärtner", schreibt Borchardt. Und kein ­guter Gärtner wird seinen eigenen Platz im Garten je vergessen.

10:00 19.03.2011
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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