Jürgen Buxbaum

Jürgen Buxbaum ist Soziologe und lebt in Frankreich
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RE: Westeuropa und Resteuropa | 01.07.2015 | 18:42

Wichtige und kluge Analyse der Lage in den genannten Ländern. Insofern stimme ich völlig zu.

In einem Aspekt allerdings habe ich als jemand, der lange auf dem Balkan gelebt und gearbeitet hat, eine andere Einschätzung: Der "Westen" hat, wie beschrieben, durch fundamentale Fehler viel beigetragen zur desaströsen Lage. Daraus aber umgekehrt zu schließen, dass "Das europäische Festland nur blinken [muss], dann kommen die Dampfer im südosteuropäischen Meer rasch wieder auf Kurs" ist m. E. falsch.

Nationalismus, Unfähigkeit, bzw. Unwille, sich in die Lage des jeweiligen Kontrahenten zu versetzen, eine hoch konfrontative Form sozialer Interaktion, die relativ niedrige Gewaltschwelle in Auseinandersetzungen, eine Form korrupten Verhaltens, die weit über Bereich politischer Macht hinaus geht, sind aus historisch-sozialen-kulturellen Gründen in weiten Teilen der Bevölkerungen der jeweiligen Länder (und ihrer politischen Klassen sowieso) tief verwurzelt. D. h. sie sind nicht einfach nur momentane Folge der Auflösung Ex-Jugoslawiens.

Tiefgreifende Änderungen in dieser Hinsicht sollen, können und werden nur von innen kommen, und die Chancen dafür stehen nach wie vor nicht gut. Noch fehlt m. E. die notwenige kritische Masse von Menschen, die bereit ist, ihren bisherigen Führern nicht mehr zu folgen und ihre Länder, ihre Zukunft auf einen grundlegend anderen Kurs zu bringen.

Mit anderen Worten: Mich interessiert weniger, was die jeweiligen Eliten und Führer tun, von ihnen erwarte ich nichts Besseres als das, was sie tun. Wichtiger ist viel mehr, warum so viele Menschen dulden und aktiv mitmachen. Was ist deren Interesse und unter welchen Umstände könnte sich dies wandeln?

Es ist nichts Falsches daran, von westlichen Politikern zu verlangen, sie müssten die lokalen Führer anders behandeln, andere Erwartungen an sie richten, sie (wie in Bosnien geschehen) notfalls austauschen. Natürlich muss der "Westen" mindestens aufhören, die vorhandene Situation schönzuschweigen, bzw. die Probleme sogar zu vertiefen. Aber zu glauben, auf diese Weise ließen sich die Dinge richten, die Dampfer kämen auf Kurs, wenn der europäische Leuchtturm blinke, greift zu kurz, viel zu kurz.

RE: 200 Worte über die SPD | 26.03.2015 | 17:40

Mein Vater war Facharbeiter und aktiver Sozialdemokrat und hat mir die Sache mit der SPD und CDU ähnlich erklärt (über die FDP gab es natürlich nichts zu erklären, außer: Hoffentlich verschwinden die bald). Mein Sympathien waren also klar.

Etwa in den Jahren 1968/69 begann ich dann, die Sache selbst zu bedenken. Anlass war, dass ich erfuhr, die SPD habe 1914- gegen alle früheren öffentlichen Versprechungen - im Reichstag den Kriegskrediten zugestimmt. Ich überlegte, ob das ein Ausrutscher war, d. h. wie sich die Partei seitdem verhalten hat, ob vielleicht Konstanten sichtbar waren, usw.

Meine Nachforschungen und Beobachtungen ließen nur den Schluss zu, dass 1914 kein Ausrutscher war, sondern ein sichtbarer Beginn: während der Weimarer Republik Bündnis mit den Freikorps und Kompromisse mit dem großen Kapital auf Kosten der Arbeiter, ein Grad von geistig-politischen Verfettung und Feigheit, der entschiedenen Widerstand gegen die 'Machtergreifung' der Nazis vermied, nach 1945 öffentlicher Friedensschluss mit dem Kapitalismus als System (sicher auch unter dem Druck des kalten Krieges und der scheinbar einzigen Alternative, dem Sowjet-Sozialismus), Durchsetzung gewerkschaftlicher Burgfriedenspolitik, Berufsverbote, distanziert-feindselige Haltung gegenüber Friedens-, Frauen- und Anti-Atom-Bewegung, Unterstützung der USA in Vietnam und sonstwo, Bundeswehreinsätze weltweit, die mit Friedenssicherung allzu oft nichts mehr zu tun haben, Agenda 2010, usw. usf.

Dann gab es natürlich zugleich auch sozialdemokratische Reformen innerhalb der bundesrepublikanischen Ordnung wie Reform des Betriebsverfassungsgesetzes, Mindestlohn und manches Andere - was ich durchaus nicht als wertlos verachte. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass die SPD allzu oft von Anderen zum Jagen getragen wurde und - was bedeutsamer ist - nur für Reformen stand, wenn diese auf keinen Fall etwas Grundsätzliches änderten. Oder anders gesagt: Diejenigen, die die ungerechte Weltwirtschaftsordnung im Kern verteidigen möchten, die die NATO für die auch gewaltsame Verteidigung westlicher Interessen erhalten wollen, die am Kasino-Finanzkapitalismus nicht rütteln wollen, die den weltweiten Klimaschutz nur dann befürworten, wenn es den Kapitalinteressen nicht zu sehr schadet, die die Freiheit der Geheimdienste über die der Bürger stellen - all diejenigen können sich im Zweifel auf die SPD fest verlassen. Jedenfalls auf diejenigen in der SPD, die trotz vieler wohlmeinender Mitglieder seit 100 Jahren den Kurs bestimmen.

Insofern wäre es geradezu eine Überraschung, wenn Gabriel gegen TTIP und TiSA wäre.

Mehr als die 25% Wählerzustimmung, um die die SPD bei Befragungen seit langem herumdümpelt, hat sie sicher nicht verdient. Was sie seit 100 Jahren über der Wasserlinie hält, ist sicher nicht zuletzt, dass hoffnungsbesetzte Alternativen sich über kurz oder lang als Enttäuschung oder Luftblasen entpuppten. Aber das ist ein anderes Thema ...