Die Menschen sind egoistisch und dumm!

Richtig oder falsch? Hinter dem Gerede steckt mehr als man denkt. Es verändert uns selbst, wenn wir an das Eine oder Andere glauben, und es hat weitreichende Konsequenzen für die Politik.

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Vor ein paar Tagen hörte ich erneut jemanden schwadronieren, der Mensch sei schlecht und die meisten Menschen seien egoistisch und dumm. Man hört solche Sprüche oft und wir messen ihnen keine Bedeutung bei. Das sollten wir aber. Denn es handelt sich im günstigsten Fall um eine oberflächliche Betrachtung der Realität. Hier soll es darum gehen, was diese Denkweise über den/die Sprecher*in selbst aussagt und was eine solche Grundhaltung bedeutet für politisches Handeln und für engagierte Leute, besonders wenn sie sich politisch links verorten.

Das Urteil, die Menschen seien schlecht, ist falsch

Eine grundsätzliche Feststellung sei allem Weiteren vorangestellt: Anthropologen und Verhaltensforscher beschreiben als spezifisches Merkmal der Gattung Mensch sein hoch entwickeltes, bewusstes Sozialverhalten, das über das anderer Lebewesen hinausgeht. Unsere Form von Zusammenhalt und Kooperation ist in uns angelegt und macht uns erst zu Menschen, und ohne diese Fähigkeit wären Entwicklung und Überleben des Menschen in den zurückliegenden 200.000 Jahren nicht denkbar gewesen. Wir können ohne enge soziale Bindungen nicht existieren, und sie setzen bestimmte individuelle Verhaltensweisen voraus. Die Frage stellt sich also, ob sich daran grundsätzlich etwas geändert hat.

Abgesehen vom Charakter des Menschen als sozialem Wesen gilt aber auch, dass in jedem/jeder Einzelnen von uns – wenn wir von neurologisch oder psycho-pathologisch Kranken absehen – auch die Möglichkeit zu eigennützigem und sozial schädlichen Verhalten steckt. Wir können fürsorglich und mitfühlend, solidarisch und hilfsbereit sein, ebenso wie egoistisch und aggressiv. Wir können im Sinne des Gemeinwohls handeln, egal ob es sich um die Familie handelt, die Nachbarschaft oder Gemeinde, um ein Land, das wir als Heimat empfinden, oder mit Blick auf die Welt - so wie wir gezielt eigensüchtig handeln können und dabei Gefühle und Interessen anderer ausblenden und verletzen. Wir können mit anderen teilen oder nehmen, was uns nicht zusteht. Niemand ist nur das eine oder das andere.

Dies genügt um festzustellen, dass die Behauptung, die Menschen oder die meisten Menschen seien schlecht und egoistisch, zunächst nichts weiter ist als ein Allgemeinplatz, der keinen Erkenntnisgewinn bringt, weil er mindestens die Hälfte der Wahrheit ausspart. Interessant ist vielmehr, ob und wann wir der einen oder der anderen Tendenz, dem Egoismus oder dem Altruismus folgen. Aber dazu später.

Woher leitet sich die vermeintliche Erkenntnis ab, die meisten Menschen seien schlecht? Gibt es dazu eine Statistik, die zumindest belegen könnte, dass sie heute besonders schlecht seien oder schlechter als früher? Anders gefragt, gibt es nicht ebenso viele Indizien dafür, dass die Menschen sich sozial verhalten und einander helfen? In der eigenen Umgebung findet jede/r reichlich Beispiele für das eine und das andere. Das gilt nicht nur im persönlichen Kontakt. Heute engagieren sich sicher mehr Menschen in zahllosen Bürgerinitiativen für Umwelt, Frieden, Demokratie oder lokale Belange als vor 50 Jahren. Viele Betroffene haben die große Hilfsbereitschaft erlebt während und nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfallen und Rheinland-Pfalz in diesem Jahr oder im Zusammenhang mit der sog. Flüchtlingskrise 2015, um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen.

Die Ansicht, die Menschen seien dumm und schlecht, muss andere Gründe haben.

Polizisten, die nicht gerufen werden, wenn es freundlich und hilfsbereit zugeht, sondern wenn Probleme, Konflikte, Verbrechen und Gewalt ihr Erscheinen erfordert, mögen im Laufe der Jahre einen einseitig verfremdeten Blick auf die Gesellschaft entwickeln. Alle Medienleute kennen den journalistischen Leitsatz: „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Wer mit Medien Geld verdienen will weiß, dass er die Aufmerksamkeit von Lesern und Zuschauern, den potentiellen Konsumenten von Werbung, am besten mit Sensationen erregt, mit Skandalisierung und Polarisierung. Und dazu taugen gute Nachrichten über ein friedliches, soziales Zusammenleben von Menschen nicht. Die Funktionsweise sozialer Medien nutzt dies für ihr Geschäft, das Hassbotschaften im Internet geradezu fördert. Zugleich war und ist es nicht die Mehrheit der Menschen, die hasst und gegen andere hetzt. Leute dieser Art gab es immer schon, aber früher konnten sie ihre Aggressivität nicht anonym im Internet verbreiten, sondern stänkerten über den Gartenzaun, in der Kneipe oder in der Familie. Das alles überzeugt mich nicht von der Meinung, die Menschen seien dumm und schlecht.

A propos dumm, was soll damit gemeint sein? Der Vorwurf der Dummheit wird in der Regel herabsetzend gebraucht und zielt nicht auf die simple Feststellung, dass wir nun mal mit unterschiedlichen geistigen Gaben gesegnet sind. Ich hatte in Kolumbien mit korrupten Politikern zu tun, die nur durch Stimmenkauf zu ihren Pöstchen kamen, und mit armen Kleinbauern, die ihre Stimmen für einen Sack Kartoffeln, ein Paar Kinderschuhe oder zehn Dollar verkauften – obwohl sie wussten, dass diese Lumpen an der Macht nichts Gutes für sie bedeuteten. Sind diese Kleinbauern dumm? So scheint es, oder? Und was ist mit Wählern der Unterschicht in reichen Ländern, die gar nicht mehr wählen gehen oder ihre Stimme einem dummschwätzenden Milliardär geben oder einer Partei, die wenig oder nichts für arme Leute tut? Es empfiehlt sich, zu verstehen bevor man urteilt, und ich habe den Verdacht, dass die, die die anderen für dumm halten, sich nicht genug Mühe gegeben haben, ihre Handlungen zu verstehen. Der kolumbianische Kleinbauer brauchte die Kartoffeln oder die zehn Dollar jetzt. Auf das, was irgendwann kommt, konnte er nicht warten. Im Übrigen wusste er aus Erfahrung, dass es völlig egal war wen er wählt, weil sich für seine Lage sowieso noch niemand interessiert hatte. Man könnte es auch so ausdrücken: Die Menschen im Allgemeinen sind nicht dumm. Sie kennen ihre Interessen sehr wohl und handeln danach, aber das können kurzfristige Interessen sein, weil sie eine Lösung jetzt brauchen, weil sie aus Erfahrung nicht viel Hoffnung setzen auf langfristige Lösungen oder Verbesserungen oder weil ihnen für das Abwägen langfristiger Interessen bestimmte Informationen fehlen. Oberflächlich betrachtet kann man dies oft als Egoismus interpretieren, was die Sache aber unzulässig vereinfacht.

Wer die meisten Menschen für schlecht und dumm hält, erzählt etwas über sich selbst

Ich denke, der Grund für die Ansicht, die meisten Menschen seien dumm und schlecht, ist nicht in beweisbaren Fakten zu suchen, sondern vor allem in der Person, die so denkt und spricht. Der oder die Sprecherin mag ein Zyniker oder eine bittere Menschenfeindin sein, jedenfalls hat seine/ihre Haltung eher mit der gewählten, recht einseitigen Art zu tun, durchs Leben zu gehen. Wenn er es noch nicht ist, wird ihn diese Haltung bitter und misstrauisch machen, und jede schlechte Erfahrung wird seine vorgefasste Meinung bestätigen. Eine solche Person bemerkt nicht, wie oft ihre eigene Haltung hervorruft, was sie für gegeben hält. Man provoziert entsprechende Reaktionen, wenn man auf Andere abweisend oder besserwisserisch zugeht, da man sowieso nichts Gutes erwartet.

Es gibt mancherlei Leute, die gedankenlos vor sich hin sagen, dass es doch zu viele Egoisten gebe oder die Leute zu sehr auf verdummende Medien hörten. Aber das muss nicht immer eine verfestigte Grundhaltung sein. Als eine solche passt sie jedoch perfekt ins Weltbild von manch gut situierten Akademiker*innen, von Leuten, die Sprechweise und Verhalten von Menschen anderer sozialer Schichten nicht als anders respektieren, sondern sie bewerten – und bewerten heißt hier abwerten nach der Messlatte der sozialen Schicht, der sie zugehören oder zugehören möchten. Diese Einstellung findet sich oft bei Menschen, die eine Sonderrolle für sich selbst und Führungspositionen geistiger oder gesellschaftlicher Art beanspruchen.

Ein Mensch, der die meisten anderen für schlecht, egoistisch und dumm hält, meint sich selbst natürlich grundsätzlich nicht! Er ist es, der definiert, was gut und schlecht, was klug und dumm ist. Ohne verstanden zu haben, warum Menschen auf eine bestimmte Weise handeln, erscheint ihm schlecht zu sein, was anders ist als er selbst, und dumm sind die, die nicht tun, was er tut. Er oder sie lebt mit dem wohlig-überlegenen Gefühl, dass Intelligenz nur von unten betrachtet wie Arroganz aussehe. Auch wenn sie es nicht zugeben würden, man bemerkt, dass solche Leute auf andere herabschauen, denn sie urteilen von der hohen Warte der Rechtschaffenen und Wissenden.

Diese Welt-Anschauung hat politische Konsequenzen

Eigentlich sollte es erstaunen, aber man sieht diese Art die Welt anzuschauen oft – meistens indirekt, manchmal auch offen – bei Leuten, die sich dem politisch linken Lager zurechnen und die kapitalistische Ordnung überwinden wollen. Die Enttäuschung darüber, warum sie kein Gehör finden, sich nicht durchsetzen können, warum ihre Anhängerschaft zu gering oder ihre Wählerschaft geschwunden ist, begründen viele Linke damit, dass die Menschen entweder egoistisch an den eigenen Vorteil dächten und/oder manipuliert seien durch Bild-Zeitung und die Medien im allgemeinen. Mit anderen Worten, zu viele Menschen seien eben einfach zu schlecht oder zu dumm. Tatsächlich aber suchen Menschen mangels Alternativen und überzeugender politischer Vorschläge dieser Linken anderenorts nach kurzfristigen Lösungen, und sie sind eben nicht so dumm, dass sie nicht wüssten wie abschreckend die politische Praxis linker Personen, Parteien oder Regime allzu oft ist. Die Menschen ziehen einfach Schlüsse aus Erfahrungen.

Anstatt vor allem zuzuhören, erwächst in der Konsequenz aus dieser Überzeugung von Linken – genau so wie bei den gesellschaftlichen Eliten - bei ihnen die Haltung, die dummen Menschen führen zu müssen, ihnen zu sagen, was richtig und falsch ist, wie sie zu sprechen haben und wo es lang gehen muss. Natürlich, wenn man die Besserwisser und Zyniker auf ihre Haltung anspricht, verweisen sie auf viele Beispiele egoistischen und dummen Verhaltens – aber ohne die Gründe zu verstehen. Zwar werden sie immer sagen: „Ja, ja, ich weiß, es sind nicht alle so.“ Aber ihre Grundhaltung, vor allem ihr Politikstil verrät sie. Der autoritäre Staatssozialismus wäre ohne die Einstellung, die meisten Leute seien leider egoistisch oder dumm, nicht denkbar gewesen. Die Führung durch die Avantgarde-Partei macht es dann legitim und „nötig“, freie Presse, freie Gewerkschaften und Bücher zu verbieten und den Kleidungs-, Kunst- und Musikgeschmack vorzuschreiben.

Wer meint, den sog. „kleinen Leuten“ sei nichts zuzutrauen, vergisst, dass die überaus rechtschaffenen und klugen Entscheider in Wirtschaft und Politik im Durchschnitt eben nicht klüger sind als jene. Hätten die „einfachen“ Leute zu entscheiden gehabt, hätte es wohl keine Kriege gegeben, keine Umweltzerstörung aus Profitinteresse, keine tiefe Kluft zwischen arm und reich, würde das Gesundheitswesen nicht privatisiert, Konzerne und Reiche würden ebenfalls faire Steuern zahlen müssen, alle Staaten, inklusive Deutschlands, würden wohl längst den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen unterschrieben haben und in Deutschland würden Arme nicht zehn Jahre früher sterben als Reiche. Aber die klugen und selbstlosen Staatslenker haben sie sicherheitshalber lieber nicht gefragt. Ich halte die Menschen nicht für zu egoistisch und für zu dumm, als dass man ihnen nicht mehr erlauben dürfte als alle paar Jahre ein Kreuz auf einem Stimmzettel zu machen. Gerade weil die Menschen nach ihren Interessen handeln – auch wenn es oft die kurzfristigen sind – brauchen wir Veto-Rechte von Bürgerräten und das Recht der Menschen, zumindest in den wichtigsten Existenzfragen, wie z. B. über Krieg und Frieden oder die Eckpfeiler sozialer Gerechtigkeit, selbst zu entscheiden.

Unsere wirtschaftliche und politische Ordnung fördert egoistisches Verhalten

Wenn nun aber der Zweck dieses Textes gewesen wäre zu behaupten, es sei alles in Ordnung unter uns Menschen, würde mir niemand glauben, denn so ist es ja nicht. Und natürlich gibt es Rücksichtslose, an die jeder guter Wille verschwendet ist und Kriminelle, die so gefährlich sind, dass selbst Sicherungsverwahrung zur notwendigen Maßnahme wird. Dennoch - wenn, wie ich eingangs schrieb, das charakteristische Merkmal des Menschen als Gattung in seinem ausgeprägten Sozialverhalten liegt, wird man sich allerdings fragen müssen, ob die Art wie wir produzieren, Güter und Wohlstand verteilen, Politik gestalten, mit einem Wort, wie unsere Gesellschaft organisiert ist, das menschliche Sozialverhalten insgesamt fördert oder beschädigt.

Ich bin immer noch der Überzeugung, dass die meisten Menschen weder dumm noch schlecht sind. Allerdings führen uns privilegierte Konzernlenker, Wohlhabende und Politiker durch alltäglich gewordene Selbstbedienung vor, dass der Gebrauch der Ellenbogen ein sehr erfolgreiches Fortbewegungsmittel ist. Wer aber über Durchschnittsbürger*innen den Daumen senkt, die gelegentlich gerne einen Hunderter zusätzlich machen durch Schwarzarbeit oder falsche Angaben beim Arbeitslosengeld oder der Steuererklärung, hat den Blick dafür verloren, dass die Gier der Entscheider in den Plüschetagen einen ganz anderen Schaden für die Gesellschaft anrichtet – sowohl systematisch wie in der Summe. Die Medien und wir sprechen nicht genug darüber, dass uns eine kleine Gruppe von Maßlosen und Mächtigen vormacht, wie man sich regelmäßig dutzende Milliarden in die Taschen steckt oder stecken lässt und die ganze Gesellschaft zum Futtertrog macht, aus dem man sich bedenkenlos bedient.

Im Wesen der sozialen Gattung Mensch liegt es nun mal auch, Beispielen zu folgen und eine Zigarettenkippe dorthin zu werfen, wo schon ein Haufen Müll liegt. Viele sagen sich: „Warum soll ich so blöd sein, wenn Andere es vormachen“ und man müsse schon selbst sehen, dass man nicht zu kurz kommt. Natürlich beeinflussen Rahmenbedingungen von Ausbeutung, Ellenbogengesellschaft und persönlichem Vorteil als höchstem Gut in einem gewissen Grade auch Verhaltensweisen von Menschen, die nicht zur Elite gehören. Zugleich aber zeugen alte Sprichwörter wie „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“ oder „Wer eine Treppe kehren will, muss oben anfangen“ nicht für die Dummheit, sondern für die Lebenserfahrung der sog. „kleinen Leute“.

Wir wollen also nicht so tun, als wüssten wir nicht, dass es soziale Konsequenzen haben muss, wenn Reiche reicher und Arme ärmer werden. Seit Jahrzehnten wird der Gesellschaft gepredigt, dass es leider unumgänglich sei, das jeder Bereich des menschlichen Lebens ökonomisiert werden muss, dass der einzig gültige Maßstab für politische Entscheidungen Kosten und Nutzen in Euro sei. Die öffentliche Daseinsvorsorge, das Gesundheitswesen, die Altersversorgung wurden und werden privatisiert, obwohl die Politiker aller Parteien, die an diesen Entscheidungen beteiligt sind, sehr genau wissen, dass nur die Reichen sich einen armen Staat leisten können. Wenn also private Konkurrenz, Privilegien und Gewinn das Bestimmende in einer Gesellschaft werden, sind wir in Gefahr, das zu beschädigen, was uns ausgemacht hat, seit es uns Menschen gibt, den sozialen Zusammenhalt, das Mitgefühl, die Solidarität und die Gleichheit aller Menschen. Stattdessen wird an unsere dunkle Seite appelliert, Konkurrenz und Egoismus unterstützt und gefördert.

Uns ist Angst als Warnung vor Gefahr in die Wiege der Evolution gelegt, und unsere Hormone sorgen dafür, dass wir spontan entscheiden, ob es besser ist zu fliehen oder anzugreifen. Was aber, wenn wir Angst haben und keine der beiden Optionen zur Wahl steht, wenn wir gefangen sind in einer Lage, in der sich keine Handlung anbietet, die uns Sicherheit verspricht?

Es ist spürbar, dass viele Menschen von einer diffusen Unsicherheit und Angst getrieben sind, verbunden mit einem Gefühl der Hilflosigkeit. Die Angst schwelt oft unterbewusst und in ihr sammeln sich Ursachen, deren Vielzahl in den letzten Jahren zugenommen hat: Covid-19 und die Furcht vor zukünftigen Pandemien, Klimakrise und Umweltzerstörung, Globalisierung und Digitalisierung, Migration und Fluchtbewegungen (die Vereinten Nationen schätzen, im nächsten Jahrzehnt könnten hunderte Millionen Menschen wegen Wasserknappheit und Dürren zur Flucht gezwungen sein), zunehmende Spannungen zwischen USA, Russland, China, Kündigung von Rüstungskontroll-Abkommen und große Militärmanöver, anhaltende Krise in der EU, Warnungen vor Verschuldung und Finanzkrise, Kontrolle unserer Daten durch Konzerne und Staaten, Gewalt durch Rechtsradikale und Islamisten, sozialer Abstieg aus der Mittelschicht, drohende Arbeitsplatzverluste in Schlüsselindustrien, zunehmende Konkurrenz um bezahlbare Wohnungen und schlecht bezahlte Arbeitsplätze, usw., usf. Man spürt, die Leute fühlen sich bedroht und hilflos zugleich, weil sie keine Kontrolle mehr zu haben meinen über zentrale Dinge, die ihr Leben und ihre Zukunft prägen.

Früher haben Leute z. B. SPD gewählt, weil sie meinten, diese würde etwas gegen den sozialen Abstieg tun und stünde für eine bessere, weil friedliche Außenpolitik. Nun haben aber – egal wen man gewählt hat – alle Parteien, die einen mehr, die anderen weniger, gemeinsam die Schere zwischen arm und reich immer weiter geöffnet, gemeinsam die Privatisierung öffentlicher Dienste durchgesetzt, Wohnungen im öffentlichen Besitz Privatkonzernen übereignet, und sie unterscheiden sich nicht groß in ihrer Konzeptlosigkeit angesichts von Globalisierung, Flüchtlingsbewegungen und internationalen Krisen – und auch nicht in ihren leeren Worthülsen („Heute ist ein guter Tag für Deutschland“). Jedenfalls hat sich, Wahlen hin oder her, in der Praxis für die Meisten nicht viel geändert, im Gegenteil, die Probleme auf allen Ebenen haben eher zugenommen. Immerhin, manche meinen, die Klimakrise würde hoffentlich von den Grünen aufgehalten und die Flüchtlinge von der AFD, am Gesamtbild einer diffusen Angst ändert das aber noch nichts. Wenn Wählen aber nicht hilft gegen Angst und Sorgen, weil es keine sichtbare Verbesserung bringt, geht man eben nicht mehr zum Wahllokal. Bei fast allen Wahlen der letzten Jahre bildeten die Nicht-Wähler mit 30% bis 50% mit Abstand die größte Partei. Das spricht nicht für die Dummheit der Menschen, sondern dafür, dass sie Konsequenzen ziehen aus realer Erfahrung.

Schluss

In diesen Sorgen und Ängsten, für die der vereinzelte Mensch keine Handlungsoption sieht, und einer Form von Wirtschaft und Politik, die den Zusammenhalt beschädigt, liegen die wesentlichen Ursachen für die Nervosität, die man im Land spürt – und für kurzsichtig egoistisches Verhalten mancher Leute. Wenn sich kein rechtes Ventil findet für das Abreagieren von inneren Spannungen, kommt es zu den beobachtbaren Aggressionen selbst bei kleineren Anlässen im Supermarkt oder auf der Autobahn, zu Beleidigungen und Angriffen auf Journalisten, Lokalpolitiker oder Feuerwehrleute, selbst zu Amokläufen wie dem des Rentners, der mit seinem Auto ins Rathaus rast, weil die Tankstelle, die günstig für ihn liegt, geschlossen werden soll. Wie sonst wollte man den offensichtlich angstgetriebenen Glauben an völlig absurde Verschwörungstheorien unter sog. „Querdenkern“ erklären oder die Suche nach esoterischem Heil, das mit Vernunft und Argument nicht viel zu tun hat.

Wer sich also wundert oder ärgert über das Verhalten mancher Mitmenschen, sollte ihr Verhalten verstehen anstatt sie ebenso kurzsichtig wie überheblich für bösartig, egoistisch und dumm zu halten. Auf dem Hintergrund unserer wirtschaftlichen und politischen Ordnung ist eine solche Sichtweise nicht nur oberflächlich. Sie lenkt ab von den Ursachen vielfältiger Krisen und verschiebt die Verantwortung für diese auf die, die unten ihnen leiden.

Besonders für linke Aktivisten, Gruppen und Parteien, die für sich in Anspruch nehmen, die Ursachen für die genannten Sorgen und Ängste an der Wurzel packen zu wollen, gilt, dass wichtiger als zu wissen, was die Mächtigen tun, vor allem zu verstehen ist, warum die 'Ohnmächtigen' dulden, mittun und Angeboten für kurzfristige Lösungen folgen. Es sollte selbstverständlich sein, ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe zuzuhören und sich selbst nicht über sie zu stellen. Die Leute haben ein sehr feines Gespür für Überheblichkeit und Besserwisserei. Dazu muss man die Menschen, vor allem den sog. „kleinen Mann“ und seine Frau schätzen, ihnen vertrauen, sie verstehen und nicht mehr sein wollen als ein Teil von ihnen. Und schließlich müssen Linke in der Lage sein, konkrete, praktikable, realistische, überzeugende Vorschläge zu machen und sich ihrer eigenen Schwächen und Irrtümer bewusst sein. Dass auch in linken Gruppen der Politikstil allzu oft dafür spricht, dass Wortführern und Aktivisten die Selbstbespiegelung, das eigene Ego wichtiger ist als ihre politische Verantwortung, ist nicht anders als unter den Eliten und den Entscheidern an der Macht. Diese allerdings können sich das leisten - Linke nicht.

Literaturtipp: Rutger Bregman beschäftigt sich in seinem Buch „Im Grunde Gut“ mit vielen anderen Aspekten der Frage, ob der Mensch gut oder schlecht sei. U. a. analysiert er sehr genau berühmt gewordene psychologische Tests, die beweisen sollen, dass wir im Grunde doch eher egoistisch seien. Sehr lesenswert!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jürgen Buxbaum

Jürgen Buxbaum ist Soziologe und hat in vielen Ländern für internationale Organisationen gearbeitet. Er schreibt auch auf Querzeit.org.
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