Der Rosmarin muss leider draußen bleiben

Kochen Das It-Kraut unseres Kolumnisten ist der Lorbeer
Der Rosmarin muss leider draußen bleiben
Sinnbild eines vorüber gegangenen Trends, der Fidget Spinner unter den Gewürzen: Rosmarin

Foto: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images

Vorige Woche habe ich den Rosmarin umgetopft. Die Pflanze ist sicher fünf Jahre alt und steht auf dem Balkon. „Pflanze“ ist der falsche Begriff. In der Zeit hat sich der Rosmarin ziemlich entwickelt. Ein daumendicker Stamm, der sich so stark zur Seite neigte, als hätte er die ganze Zeit gegen eine Nordseebrise gekämpft. In dem neuen Topf steht er nun aufrecht und reicht mir auf einmal ans Kinn. Und die Krone ist einen stolzen Meter breit. Es ist ein Baum.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Zweig abschnitt. Vielleicht neulich, als ich für ein Blumenkohl-Gericht Gremolata gemacht habe? Dafür röste ich Semmelbrösel mit Knoblauch, Rosmarin und Zitronenabrieb. Kann gut sein, dass ich den Rosmarin vergessen habe. Oder Lamm? Lamm mit Rosmarin ist doch eigentlich ein Klassiker. Nein, an Ostern zum Beispiel habe ich das Lammfleisch durch den Wolf gedreht, Kreuzkümmel, Koriander und Zimt daruntergemengt und kleine Hackbällchen geformt, die ich in Zwiebeln und Weißwein geschmort habe. Wieder kein Rosmarin.

Wie ich so vor dem Baum stehe und vor der weiten Krone, kommt mir ein Verdacht. Erleidet der Rosmarin gerade vielleicht ein Schicksal wie vor etwa 20 Jahren die krause Petersilie, nur schleichender? Meine Abneigung gegen die krause Petersilie wurzelt tief. Sie schmeckt nicht annähernd so aromatisch wie die glatte. Und die Blätter sind härter, egal wie fein man sie schneidet, irgendwas Widerständiges finde ich immer zwischen den Zähnen. Trotzdem: Bei meiner Oma wie überhaupt in der ganzen altbayrischen Küche, mit der ich aufgewachsen bin, kam nichts anderes in Frage. Die glatte war in ihrer Anschauung keine Petersilie. Leider. Bis heute reicht daher die Verwendung krauser Petersilie für mich als einziger Beweis, dass in der Gegend, aus der ich komme, besser gekocht werden könnte. Aber sicher auch in Hessen, Berlin, Niedersachsen und Thüringen, wo man das Zeug immer noch in Wassergläsern im Supermarkt findet.

Beim Rosmarin ist mein Interesse einfach nur eingeschlafen. Im Ofen gebacken und mit Rosmarin: Wochen-, ach, jahrelang war es mir die liebste Art, Kartoffeln zuzubereiten – in Wedges geschnitten, bevor die Halbmonde noch so hießen, mit Olivenöl und ganz viel Rosmarin vermischt. Dann 40 Minuten in den Ofen. Doch wie lang ist das her?

War das noch nach der Jahrtausendwende?

Die Mode ist über den Rosmarin hinweggegangen. Koriander ist seit einigen Jahren das It-Kraut schlechthin. Er macht alles irgendwie asiatisch. Basilikum natürlich, auch Minze oder Dill, ihr Einsatzbereich in meiner Küche ist gewaltig. Sie waren auch in den Lammbällchen. Aber Rosmarin? Heute eher Thymian oder Oregano. Zuletzt ist mir Rosmarin als Inhalt einer Handseife aufgefallen. Roch lecker.

Mein persönliches It-Kraut dagegen ist aktuell Lorbeer. Mir fallen gleich ein Dutzend Rezepte ein, da ist er so essenziell, ich würde die Pfanne in den Müll kippen, hätte ich den Lorbeer vergessen. Ja, ich meine die vertrockneten Blätter, von denen man nie wusste, warum sie unbedingt mit in die Rinderbrühe oder die Sauce bolognese sollten. Man weiß es, wenn man ein paar frische Blätter fein hackt und sie in die Hollandaise mengt. Noblesse pur.

Aber egal, wie warm der Winter wieder ist, jedes Mal geht mir der Lorbeer ein, draußen wegen der Kälte, drinnen wegen des Mehltaus. Jedes Frühjahr kaufe ich einen neuen, während der Rosmarin sich zäh behauptet.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 21.07.2019
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch
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