Eine halbe Stunde Frühling

Der Koch Gibt es eine neue Sehnsucht nach der Schlange? Hebt das Warten den Genuss? In jedem Fall die Vorfreude, findet unser Kolumnist
Jörn Kabisch | Ausgabe 19/2017 1
Eine halbe Stunde Frühling
Lange Schlangen sind auch immer Werbung für den eigenen Laden
Foto: imago/Schöning

Hinter mir stellt sich ein Typ so verdächtig halbrechts an. Das ist doch wieder typisch. Sicher versucht er gleich, einen Schritt vor mich zu machen, wenn sich die Schlange bewegt. Augenkontakt vermeidet er, die Basecap sitzt tief. Kein gutes Zeichen. Sich am hinteren Ende einer langen Reihe von Menschen ein, zwei Positionen nach vorne zu schieben – rettet das solchen Menschen manchmal den Tag? Oder ist es für sie einfach unerträglich, in der Schlange der oder die Letzte zu sein? Weil man sich so als das Letzte fühlt? Egal. Ich will jetzt in Ruhe Schlange stehen. Ich spreche ihn an: „Was ist hier die beste Sorte?“ – „Zitrone“, sagt er überrascht, und sein Körper zieht sich ein paar Millimeter zurück. Alles klar. Die Ordnung ist hergestellt.

Vor uns stehen fast zwanzig Leute an der Eisdiele, vor ein paar Minuten ist die Sonne durch den kalten Mai-Himmel gebrochen, für eine halbe Stunde ist Frühling, also Eiszeit, diese Saison ist für alle Gelato-Verkäufer die beste. Ich kann kaum die Sorten an der Tafel erkennen. Als wir Kinder waren, gab es deutlich weniger Auswahl. Wir diskutierten beim Anstehen immer, was die beste Kombination war. Es gab die Schoko-Banane-Fraktion und die Zitrone-Erdbeer-Partei. Ich kämpfte provokativ für Schoko-Zitrone. Nur Pistazie zu mögen, war wie Linkshänder zu sein oder evangelisch, oder beides – eine zu vernachlässigende Eigenart einer Minderheit. Wir wuchsen in Oberbayern auf. Als Stracciatella aufkam, brach unser Koordinatensystem auseinander.

Die Schlange hat sich fünf Meter nach vorne bewegt. Der Typ unter der Basecap steht jetzt genau hinter mir, und ich höre es an den Tastentönen, er scrollt und tippt auf seinem Smartphone. Was für ein Anachronismus, heutzutage noch irgendwo gemeinsam zu warten. Eigentlich räumt die Appisierung des Lebens doch genau damit auf. Das Bürgeramt verteilt Termine auf Monate im Voraus, Museen verbinden Tickets mit Zeitfenstern, am Straßenrand winkt niemand mehr nach Taxis, und wenn Amazon bald das ganze Land mit Lebensmitteln beliefert, werden vielleicht auch Schlangen an Supermarktkassen zur fernen Erinnerung.

Und trotzdem stellen sich Leute an. Nicht nur beim Eis. In Berlin ist die Schlange an Mustafa’s Gemüsedönerstand schon legendär. Bis zu drei Stunden Wartezeit. Auch in Wien, so höre ich, wird die Kunst des kollektiven Wartens neuerdings gepflegt. Auslöser war ein Stand mit Pastrami-Sandwiches. Schon seltsam, wenn man für Dinge sein Leben verlangsamt, die eigentlich mal unter „Fast Food“ liefen. Gibt es etwa eine neue Sehnsucht nach der Schlange? Hebt das Warten den Genuss? Ist nicht das Geld, sondern die Zeit, die wir für etwas ausgeben müssen, die neue Währung?

Warten hebt jedenfalls die Vorfreude. Die Menschen vor mir unterhalten sich, vielleicht mit Eis-Geschichten. (Der Junge liebt es, dass seine Mutter vor mir so immobil ist. „Mama, ich geh zum Spielplatz.“ – „Nein, Paul, wir warten.“ – „Dann schau ich vor. Vielleicht nehm ich doch kein Erdbeer.“ Schon ist er weg.) Ich kann nun die Tafel lesen. Schoko-Zitrone, die alte Kombi, wäre möglich. Oder doch was mit Pistazie? Mango war voriges Jahr auch nicht schlecht. Tomate-Basilikum (vegan) nehm ich keinesfalls, vielleicht Pflaume-Joghurt? In der Waffel oder im Becher? Am besten ist es, sich erst zu entscheiden, wenn man dran ist. Wenn die Verkäuferin etwas warten muss: Das ist der Sahne-Tupfen auf meinen zwei Kugeln. Und ich höre den Typen hinter mir sagen: „Einmal Zitrone, bitte!“

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 24.05.2017
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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