Jörn Kabisch
15.08.2009 | 12:04 6

Geistig behindert nach Aktenlage

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jörn Kabisch

Ihr Name ist Doris Kruse, sie lebt in Magdeburg, ist arbeitslos und zweifache Mutter. Das ARD-Magazin Monitor hat am Donnerstag ihre Geschichte erzählt: Eines Tages bekam sie ein Schreiben der Arbeitsagentur, in dem sie für "geistig behindert" erklärt wurde.

Das hatte der ärztliche Notdienst der Agentur festgestellt, per Aktenlage. Und auf dem Briefbogen prangte bei "[ ] voraussichtlich dauerhaft" auch noch ein Kreuzchen.

Monitor hat den Fall nachrecherchiert. Der Entscheidung der Arbeitsagentur war ein kleiner psychologischer Test vorrausgegangen, den Frau Kruse bereitwillig mitmachte. Sie wollte ja Arbeit finden.Was das bedeutete, wusste sie nicht.

Der Pressesprecher der Agentur hatte zum dem Fall nicht viel zu sagen, außer dass es sich hier um ein bundesweit einheitliches Formular handele, die Arbeitsagentur Magdeburg also in ihrer Menschenverachtung an oberste Gesetze gebunden sei. Nehme Frau Kruse eine Stelle in einer Behindertenwerkstätte an, falle sie aus der Arbeitslosenstatistik. Doris Kruse hält sich nicht für geistig behindert.

Eine Sprecherin der Landschaftspflege Rheinland-Pfalz, die geistig Behinderte beschäftigen, bestätigte, die Zuweisung von Arbeitskräften durch die Arbeitsagenturen sei in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Bei einem Besuch in einer Behindertenstätte versuchte die Leiterin Frau Kruse, die Angst vor der Stigmatisierung zu nehmen.

Leider hat Monitor weder SPD-Arbeitsminister Scholz noch den Chef der Arbeitsagentur Weise oder irgendeinen sozialpolitischen Sprecher zu der Sache vor die Kamera gezehrt, die offenbar kein Einzelfall ist.

Hier der Beitrag. Es ist himmelschreiend:

www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2009/0813/behindert.php5

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (6)

Knüppel 15.08.2009 | 15:56

Lieber Jörn Kabisch,

ich bin kein Zyniker, trotzdem fällt es mir schwer mich nicht in dieser Weise zu äußern ("bewußte Stigmatisierung von hilflosen Opfern, um die Arbeitslosenstatistik zu schönen ..."); ich fürchte der "Fall" ist lediglich Ausdruck einer menschenverachtenden Grundeinstellung vieler.

Die versuchte (und teilweise bereits erfolgte) Umkrempelung unserer Republik durch neoliberale Interessengruppen (INSM, Bertelsmann-Stiftung etc.) geht eben auch nicht spurlos an Institutionen, wie der Agentur für Arbeit oder den ARGEN vorbei.

Ich sprach kürzlich in einem Kommentar ("Kassandra äh SexPower meint ...", hier in diesem Forum) davon, dass bewußt darauf hingearbeitet wird, die Begriffe "sozial" und "solidarisch" zu entwerten. Wie weit das bereits gelungen ist, zeigt Ihr Beispiel.

Beste Grüße
SexPower

Streifzug 15.08.2009 | 16:31

Ich kenne viele Behindertenwerkstätten. Arbeitsklima, Mitarbeiter, Vorgesetzte und Ausstattung sind im Vergleich zu den teilweise psychotischen Verhältnissen heutiger "normaler" Arbeitsplätze wesentlich besser.

Dass nun aber "Arbeitslose" von Amts wegen zu "Behinderten" per Fragebogen gemacht werden, lässt auf eine Einstellung schließen, die ich hier und jetzt nicht tiefgehender thematisieren will. Es läuft wohl auf ein deutlich sichtbares Erkennungszeichen für Arbeitslose raus. Allerdings würde ich dann den Betroffenen empfehlen: übernehmt die Initiative und bestimmt das Motiv selber. Mein Vorschlag:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fa/Anarchist_logo.svg/180px-Anarchist_logo.svg.png

Joachim Petrick 16.08.2009 | 03:25

Lieber Jörn Kabisch,
vielen Dank für deinen Blog Beitrag!
Dein Bericht über den Arbeitsagentur Magdeburg Fall nährt meinen Verdacht, dass Kommunen, Länder, Bund ihren internen Kampf um das Finanzregime der Bundesrepublik Deutschland mit außer Kontrolle geratenen Mitteln, ausgeweitet zum Finanzkrieg, gnadenlos auf dem Rücken der Arbeitslosen und Behinderten auszufechten beginnen.
Warum?,
Weil alle Beteiligten in Kommunen, Ländern, Bund, Arbeitagenturen, ARGES, Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Kirchen, Stiftungen, Wirtschaftsinstitute, Medien zu feige vor dem „Freund“ sind, ihre Karten offen auf den Tisch gelegt, neu zum Wohle der Bürger/innen in Arbeitslosigkeit und Behinderung zu verhandeln.

Gleichzeitig werden Leistungsansprüche (Forderungseigentum) von Amtswegen klammheimlich von den Arbeitsagenturen, ARGES kostenträchtig in Richtung Verarmung im Alter auf das Gesundheitswesen, die Kranken.- und Rentenkassen verschoben.
Ein Skandal der, insbesondere in Zeiten von Wahlen, kackfrech stinkend zum Himmel schreit.

Dieses Thema sollte die Freitags Community verstärkt beharrlich aufgreifen.

JP

Manuelito 19.08.2009 | 14:26

Gibt es jemand, der noch mehr dieser Fälle kennt? - Ich kenne eine intelligente junge Dame, derzeit in Berlin, die in München schon einmal gezeigt hat, daß sie durchaus fähig ist, sich eine eigenständige Existenz aufzubauen, die aber von einer Berliner Arbeitsagentur daran gehindert wird, das auch in Berlin zu tun und der derzeit droht, nach einem kurzen Psychotest als geistig behindert erklärt zu werden, damit man sie in eine behindertenwerkstätte abschieben kann. Für mich sind das nicht Einzelfälle, sondern das ist Methode. Ich habe der Dame geraten, einen Anwalt zu nehmen. Kontakt könnte ich bei Interesse vermitteln.

Redhat 29.01.2011 | 11:31

Die behördliche Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen hat in Deutschland unrühmliche Tradition.
Sollte ich jemals, entweder persönlich oder auch nur entfernten Bekanntenkreis von einem solchem Vorgehen betroffen sein oder erfahren, wird der betreffende Sachberarbeiter und Gutachter noch nicht mal mehr in einer Behindertenwerkstatt arbeiten können.