Geistig behindert nach Aktenlage

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Ihr Name ist Doris Kruse, sie lebt in Magdeburg, ist arbeitslos und zweifache Mutter. Das ARD-Magazin Monitor hat am Donnerstag ihre Geschichte erzählt: Eines Tages bekam sie ein Schreiben der Arbeitsagentur, in dem sie für "geistig behindert" erklärt wurde.

Das hatte der ärztliche Notdienst der Agentur festgestellt, per Aktenlage. Und auf dem Briefbogen prangte bei "[ ] voraussichtlich dauerhaft" auch noch ein Kreuzchen.

Monitor hat den Fall nachrecherchiert. Der Entscheidung der Arbeitsagentur war ein kleiner psychologischer Test vorrausgegangen, den Frau Kruse bereitwillig mitmachte. Sie wollte ja Arbeit finden.Was das bedeutete, wusste sie nicht.

Der Pressesprecher der Agentur hatte zum dem Fall nicht viel zu sagen, außer dass es sich hier um ein bundesweit einheitliches Formular handele, die Arbeitsagentur Magdeburg also in ihrer Menschenverachtung an oberste Gesetze gebunden sei. Nehme Frau Kruse eine Stelle in einer Behindertenwerkstätte an, falle sie aus der Arbeitslosenstatistik. Doris Kruse hält sich nicht für geistig behindert.

Eine Sprecherin der Landschaftspflege Rheinland-Pfalz, die geistig Behinderte beschäftigen, bestätigte, die Zuweisung von Arbeitskräften durch die Arbeitsagenturen sei in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Bei einem Besuch in einer Behindertenstätte versuchte die Leiterin Frau Kruse, die Angst vor der Stigmatisierung zu nehmen.

Leider hat Monitor weder SPD-Arbeitsminister Scholz noch den Chef der Arbeitsagentur Weise oder irgendeinen sozialpolitischen Sprecher zu der Sache vor die Kamera gezehrt, die offenbar kein Einzelfall ist.

Hier der Beitrag. Es ist himmelschreiend:

www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2009/0813/behindert.php5

12:04 15.08.2009
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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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