6.9.1955, Pogrom gegen Griechen in Istanbul

"Bartholomäusnacht" Die Künstlerin Gülsün Karamustafa konfrontiert im Hamburger Bahnhof in Berlin das Publikum mit Bildern der Pogromnacht in Istanbul 1955 gegen griechische Bürger .
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Die Nacht des Dynamit, der Hämmer, Äxte, Säbel, Macheten, langen Messer auf dem historischen Istiklal- Boulevard in der Altstadt von Istanbul vom 5. auf den 6. September 1955

Im Jahr 2005 befasste sich zum ersten Mal eine Ausstellung in der Türkei mit dem Pogrom gegen die griechische Minderheit im Jahr 1955. Es scheint, als ob die Zivilgesellschaft der Türkei Mut gefaßt hat, sich dieser dunklen Seite ihrer Vergangenheit zu zu wenden.

Die Istiklal-Straße, heute eine beliebt mondäne Shopping-Meile in der Altstadt von Istanbul, war 1955 Schauplatz einer Art "türkischen Bartholomäusnacht" mit der Blaupause der "Bartholomäusnacht", auch Bluthochzeit von 1572 in Paris genannt, als der Regierende Monarch in Frankreich im Furor der Gegenreformation der Römisch- Katholischen Kirche alle Protestanten, unter dem Sammelbegriff Hugenotten, räuberisch brandschatzend, mordend, folternd aus Frankreich in alle Richtungen Europas protestantischen Norden und nach Nordamerika vertrieb

Der Istiklal-Boulevard ist Istanbuls Hauptmargistrale, eine Shopping-Meile als Mittelpunkt eines beliebten Schlender- und Gourmet- Bezirks, des Handels und Wandels. Ungezählte Bars und Restaurants haben sich hier im angrenzenden Gewirr von engen Gassen niedergelassen.

Ein überwiegend junges, vergnügungsaffines Publikum, das jeden Abend durch die Gegend und die Häuser wandelt, wurde 2005 unvermittelt durch eine Reihe von großformatigen Plakaten in der Mitte der Istiklal mit den Ereignissen der Pogromnacht 1955 konfrontiert. Die Plakate zeigen den Boulevard 1955 bis zur Unkenntlichkeit von Glasscherben bedeckt. Plakate und Bilder sind Teil einer Wander- Ausstellung, diie an die dunkelste Nacht auf dem Istiklal- Boulevard erinnert, und gegenwärtig im Hamburger Bahnhof in Berlin, künstlerisch aufbereitet, zu sehen ist,

Vor einundsechzig Jahren geschah es in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1955, da stürmen laut brüllend grölende Horden mit Äxten, Hämmern, Säbeln und Dynamit bewaffnet entlang des Istiklal- Boulevards.

Sie brandschatzten und plünderten Geschäfte und Unternehmen die zur lokal griechische Gemeinde gehörten. Der Mob griff hauptsächlich griechisch besiedelte Stadtteile in ganz Istanbul an, mehr als 4000 Geschäfte wurden zerstört, über 70 Kirchen und 30 Schulen zertrümmert. Priester wurden geschlagen, griechisch- orthodoxe Friedhöfe wurden geschändet.

Es war eine Nacht unsagbarer Schande für die Zivilgesellschaft in der Türkei. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, tauchen 2005 Bilder dieser Nacht auf, die bis dahin noch nie in Istanbul gesehen worden sind, werden auf dem Istiklal- Boulevard im Großformat gezeigt. Es gibt Fotos von Frauen, die in wogenden Kleider der 1950er Jahre in Panik auf der Flucht sind . Zerschlagene Schaufenster geben den Bick auf dunkle Innenräume dicht mit Fledermäusen besiedelt frei. Viele der Bilder wurden von der türkischen Geheimpolizei geschossen; andere wurden von ausländischen Reportern gemacht, an der türkischen Grenze beschlagnahmt.

Beweismittel 40 Jahre lang aufbewahrt

All diese Bilder wurden von einem Militärrichter gesammelt, der im Jahre 1956 bei seinem Versuch gescheitert ist. die Täter vor Gericht zu bringen. Sein Name Fahri Coker, der aufrechte Istanbuler Richter,

Von ihm angestrebte Ermittlungsverfahren wurden von der türkischen Justiz niedergeschlagen bzw. seine Anzeigen wurden gar nicht erst angenommen,

Fahri Coker bewahrte die 250 Fotos und zahlreiche Dokumente 40 Jahre lang bis 1995 privat auf. Er vermachte sie dann alle dem Istanbuler Privtahistoriker Tarih Vakfi mit der Maßgabe, dass erst nach seinem Tod Bilder veröffentlicht werden. Coker starb im Jahr 2001.

Dilek Güven, eine junge türkische Historikerin, stolperte über die praktisch vergessenen Bündel Papiere während ihres Studiums in Deutschland. Nach dem Abschluss ihres Studiums begriff sie erst das abgrundtiefe Ausmaß der Verschwiegenheit in ihrem Land über diese Pogromnacht 1955 in Instanbul und war zunächst darüber verwirrt wie sie die eigene Vergangenheit ihres Landes zumindest für sich als Historikerin einordnen könne. Als Folge entschied sie sich, die Ereignisse vom 6. September 1955 zu erforschen. Ohne die beharrliche Arbeit dieser insistierenden Doktorandin würde die Ausstellung wohl 2005 oder später nie stattgefunden haben.

"Arrest für die üblichen Verdächtigen"

War das Motto des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes, der 1955 sofort die Kommunisten für den Pogrom anlasslos unter Verdacht stellte. Nach einem Militärputsch im Jahr 1960 ward Menderes selbst vor Gericht gestellt. Um ihrem Militär- Regime die Fassade einer Demokratie vor der Weltöffentlichkeit zu verleihen beschlossen die Generäle die dunklen Ereignisse des Jahres 1955 erneut zu prüfen.

Geheime Verbündeten Ankaras Feinde?

Während des Prozesses wurde deutlich, dass die regierende Demokrat Parti, die DP, den Mob organisiert hatte, den sie mit Zügen und per Schiff nach istanbul gekarrt hatte. Die atmosphärische Vorbereitung vollzog sich über eine rassistische Propaganda-Kampagne, die die öffentliche Meinung vergiften sollte und verstärkt latenten Hass gegen Minderheiten schürte, angebliche Feindschaften untereinander begründeten,.

Dies geschah nicht das erste Mal, dass unbeteiligte Minderheiten Opfer von Machtkämpfen in der Türkei wurden,. Praktisch seit der Gründung der Republik durch Kemal Atatürk im Jahre 1923 gibt sich die Türkei von der Paranoia verfolgt, dass seine Minderheiten, in erster Linie Griechen und Armenier, als 5. Kolonne fremder Mächte geheime Verbündeten Ankaras Feinde sind. Diese Angst, die durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches zum "unterirdischen" Flächenschwelbrand wurde, hat sich immer wieder in der türkischen Politik für ganz unterschiedliche Ziele instrumentalisieren lassen.

Ankara inszeniert gegebenenfalls erst ein Ereignis, wenn das Muster dazu passt, bzw. das Muster bestätigt werden kann. Am Vorabend des 6. September gab es einen Angriff in Thessaloniki auf das Geburtsaus Kemal Atatürks. Damit war die Lunte an die Fackel lodernder Emotionen gelegt und in Brand gesetzt. Obwohl die Rädelsführer angeblich an den Mob keine Waffen verteilt hatten, endete die Pogromnacht mit über 30 Toten, Hunderten von Verletzten, und Dutzende von vergewaltigten Frauen und Männern.

"Vor ein paar Unruhen in Ankara würde uns gut tun!"

Menderes hatten den Mob aufgestachelt und angestiftet. Mit den Ausschreitungen erhoffte er sich, die Aufmerksamkeit weg von seiner gescheiterten liberalen Wirtschaftspolitik zu ziehen. Am 7. September 1955 erklärte er sogar den Ausnahmezustand. Aber nach der Darstellung des Autors und Zeugen Aziz Nesin, erweist sich dies an sich noch lange nicht als vollständige Erklärung für die türkische Nacht "St. Bartholomäus".

Heute im Jahr 2016 leben gerade einmal rund 2000 Griechen in Istanbul nachwievor am Bosporus

Bereits im September 1954 hatte ein britischer Diplomat auf Zypern sinngemäß zum Besten gegeben, dass "ein paar Unruhen durch Ankara, in Istanbul inszeniert, gut für die Interessen des britischen Empire in der Region sein würde!"

Zu der Zeit wurde die britische Kolonialmacht auf Zypern stark von der griechischen Widerstandsbewegung EOKA unter politischen Beschuss genommen. London hoffte, dass die Türkei auf Zypern den Interessen des britischen Empires Hilfe leisten könnte.. Ankaras Außenminister war zu der Zeit, Fuat Köprülü, er wollte mit diesem britischen Ansinnen nichts zu tun haben. Zypern ist kein türkisches Problem, sagte er zu recht.

Doch die versöhnlich gestimmte Köprülü, deren Vertreter gegen Menderes Studie während der Untersuchungen der Istanbuler Progromnacht selbst noch 1960anklagend ausgesagt hatte, wurde bereits Ende Juli 1955 von dem Agitator Fatin Rüstü Zorlu in der Regierung abgelöst. Er sicherte der nationalistischen Organisation Kibris Türk Cemiyeti (Zypern ist Türkisch) die Unterstützung zu, die den Kern des angreifenden Mob gebildet hatte.

Die Beziehungen bleiben apart

Im Jahr 1955 hat die griechische Minderheit, die ihre Wurzeln auf dem Bosporus zurück bis zu Zeiten des Oströmischen Reiches in Byzanz verfolgen konnte, wurde zum ersten Mal Geisel des bis heute ungelösten Zypern-Konflikts. Die Mehrheit der Istanbuler 100.000 Griechen waren schließlich gezwungen, die Stadt in der Zeit der nächsten Zypern-Krise im Jahr 1964, während die Olympischen Spiele in Tokio veranstaltet wurden, zu verlassen.

- 1962 hatten die USA als Ergebnis der Kuba- Krise zwar insgeheim, wie mit der UdSSR vereinbart, stillschweigend ihre gegen die UdSSR gerichteten Jupiter- Raketen aus der Türkei abgezogen, die Türkei aber, die seit 1952 mit Griechenland NATO- Verbündeter ist, wurde nun militärisch- strategisch ganz auf Linie der US- Interessen in der Region gebracht und auf Drängen der USA zum Beitritts- Kandidaten für die Europäische Wirtschafts- Gemeinschaft (EWG) erkoren, worauf Bundeskanzler Konrad Adenauer damals der Türkei bei Verhandlungen in Rom, kurz vor seinem eigenen Rücktritt vom Kanzlöeramt, den Kandidatenstatus vertraglich mit Brief und Siegel einräumte -

Heute weht die griechische Flagge vor einem hochherrschaftlich anmutenden Gebäude am Istiklal- Boulevard. Das Gebäude beherbergt das griechische Konsulat und seine Präsenz hier hat einen hohen symbolischen Wert. Griechisch-türkischen Beziehungen sind derzeit relativ entspannt, dennoch bleiben sie, nicht nur angesichts des EU- Türkei- Abkommens, eher wenig belastbar, apart zart besaitet.

Selbst in Griechenland, damals 1955 mit König Konstantin noch Königreich von britischen Gnaden, gibt es bis heute ein kaum noch nachvollziehbar bemerkenswert großes Beschweigen der Programnacht 1955 gegen die griechische Minderheit in Istanbul.

Athen strebte eine weitere griechische Präsenz in Istanbul an und sah sich deshalb wohl genötigt in einem stillen Einvernehmen mit Ankara das Verbrechen an Istanbuler Griechen 1955, die Vertreibung von 100 000 Griechen 1964, 2,5 % der damaligen Gesamtbevölkerung Griechenlands, solange notwendig, komplizenhaft mit den Briten und Türken zu beschweigen.

- Welche Wirkung diese Vertreibung von über 100 000 Griechen aus der Türkei von 1955 bis 1964 Vorraussetzungen für den Militärputsch in Athen 1967, der Abschaffung der Monarchie, der Ausrufung der Republik Griechenland geschaffen hat, ist n. m. E. bisher historisch unerforscht -

Dennoch gibt es bis heute nur rund 2000 Rum, wie die Istanbuler Griechen in der Türkei und Griechenland genannt werden, die nachwievor am Bosporus leben.

Bis zum Jahr 1955 sah das anders aus. Da gehörten rund 90 % der Unternehmen am Istiklal- Boulevard den Griechen, Armeniern oder Juden. Im verbrecherischen Furor der Pogromnacht wurden ihre Geschäfte von einem Mob, aufgewiegelt, angestachelt durch Nationalismus und Neid gegen die erfolgreichen Minderheiten, geplündert und gebrandschatzt, die Eigentümer beraubt, verfolgt, geschlagen, getreten, gefoltert, vertrieben und als Opfer und Zeugen der Verbrechen, bis heute ungesühnt, ermordet.

Die Ausstellung am Istiklal- Boulevard 2005 hat zu einer großen Resonanz in den türkischen Medien geführt. CNN Türk hat sogar einen radikal ehrlichen Film über diese Nacht der Schande produziert. Es sieht aus, als ob die Zivilgesellschaft der Türkei endlich sich selber mit ihrer Vergangenheit konfrontieren will.

Gegenwärtig konfrontiert die türkische Künstlerin Gülsün Karamustafa, Jahrgang 1946, mit ihrer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin das Hauptstadt Publikum mit vielem Unerwarteten aber vor allem mit dem Thema "Pogromnacht in Istanbul 1955 gegen die griechische Minderheit" .

JP

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/karamustafa-104.html
Privat ist politisch!
Das starke Statement der türkischen Künstlerin Gülsün Karamustafa

Sendung 5.6.2016
verfügbar bis 05.06.2021

http://www.woz.ch/-395e
Nr. 16/2013 vom 18.04.2013
DIE GRIECHINNEN VON ISTANBUL
«Bald gibt es uns nicht mehr»

http://www.tagesspiegel.de/politik/heikler-jahrestag-fuer-ankara/639796.html
07.09.2005 00:00 Uhr
Heikler Jahrestag für Ankara
Antigriechischer Pogrom wird neu aufgearbeitet THOMAS SEIBERT[ISTANBUL]

http://en.qantara.de/content/pogrom-against-the-greeks-in-istanbul-the-darkest-night-on-the-istiklal
The darkest Night on the Istiklal
Istiklal-Straße in Istanbul 2005
Christiane Schlötzer
Übersetzt aus dem Deutschen von John Bergeron

00:17 09.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick