«Kolonialismus in neuem Gewand»?

TV-Tipp Arte 20.15 Uhr Heute Abend läuft auf dem Arte-TV-Kanal die Dokumentation "Konzerne als Retter?" von Valentin Thurn, Caroline Nokel unter der Überchrift "Tiefkühlpizza für Nairobi"
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«Das ist nichts anderes als Kolonialismus», sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger 2015 Angus Deaton

Wirtschaftsnobelpreisträger 2015 Angus Deaton gehört zu den scharfsinnigen Kritikern gegenwärtiger Entwicklungshilfe. In einem Interview mit Thomas Fuster. Peter A. Fischer in der NZZ 16.6.2016, begründet er, warum Hilfe oft mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Professor Angus Deaton hat im Verlauf seiner verschiedenen Tätigkeiten, Aufgaben über viele Jahre zunehmend eine kritische Haltung zur Art gegenwärtiger Entwicklungshilfe eingenommen.

Im Interview erklärt Deaton dazu 2016:

"Ich arbeitete während der Reagan-Ära kurzzeitig für die Weltbank. Die US-Regierung machte damals der Weltbank das Leben schwer und wollte von ihr wissen, was sie Gutes für die Welt tue. Also kamen alle Ökonomen der Organisation zusammen und verfassten eine gemeinsame Studie. Der Erfolgsausweis war schrecklich! Danach setzte ich mich vertieft mit dem Thema auseinander."

NZZ:
Wieso ist es denn so schwierig, ein Land von aussen zu entwickeln?

Deaton:
Es ist nicht schwierig, es ist unmöglich. Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten. Regierungen müssen zum Beispiel ein gutes Gesundheits- und Bildungsangebot zur Verfügung stellen. Das Problem mit der Entwicklungshilfe zeigt sich vor allem dort, wo externe Gelder einen sehr grossen Teil der Staatsausgaben ausmachen, wie in vielen Staaten Afrikas. In diesen Fällen unterminiert Entwicklungshilfe systematisch den sozialen Kontrakt zwischen Regierung und Bevölkerung.

NZZ:
Warum unterhöhlt Hilfe den Kontrakt?

Deaton:
"Weil es keine Verantwortlichkeit gibt oder die Verantwortlichkeit in die falsche Richtung läuft. Regierungen müssen gegenüber ihrer Bevölkerung in der Verantwortung stehen, nicht gegenüber der Weltbank, dem Währungsfonds oder anderen externen Organisationen. Wenn Schwedens Entwicklungshilfe in einem Land fehlschlägt, gibt es kein Feedback zwischen diesem Fehlschlag und Schwedens Bevölkerung. Wenn jedoch jemand in den USA einen Damm baut, der bricht, und Menschen überflutet werden, hat der Schuldige dafür einen demokratischen Preis zu zahlen."

Damit sind wir beim Grund, warum ich auf dieses Interview im Jahre 2016 zurückkomme. Denn heute Abend läuft auf dem Arte-TV-Kanal die Dokumentation "Konzerne als Retter?" der Filmemacher*nnen Valentin Thurn und Caroline Nokel unter der Überchrift

"Tiefkühlpizza für Nairobi"

die diese Fragestellung zum Thema hat und erweitert, wie Entwicklungshilfe in ihr Gegenteil verkehrt wird

Da gibt es z. B. denm namentlich erwähnt, deutschen Unternehmer Stephan Belzer, der in seiner Lagerhalle in Nairobi steht und unternehmensstolz auf seine neuen Kühlanlagen verweist. Es sei wichtig, erklärt er, dass die Kühlkette niemals unterbrochen wird per Transport auf dem Flugweg von Europa über Mombasa nach Nairobi, sonst tauge das Produkt nicht einmal mehr für den Kompost-

- Angesichts der Ziele der Pariser Klimakonferenz 2015 heller Wahn im grauenhaft silberglänzend subvebntionierten Blaumann Anzug -

Belzer leitet European Foods Africa, eine Firma, die tiefgekühlte Lebensmittel – Pizza, Beeren, Torten – aus Europa in Kenia vermaktet und für ein Vielfaches des Preises in Deutschland an Touristic Hotelketten aus Europa, den USA, Japan, China verkauft, Dafür greift ihm der deutsche Steuerstaat mit zwei Millionen € aus einem Fonds für Entwicklungshilfe unter die Arme.

Big-Money, das vor allem europäischen Firmen zugutekommt?

Kein Einzelfall, wie die Filmemacher Valentin Thurn und Caroline Nokel in ihrer Dokumentation "Konzerne als Retter?" aufdecken.

Sogenannte "Public Private Partnerschips" (PPPs), in denen staatliche Entwicklungshelfer mit privaten Firmen zunehmend Kooperationen unter Wundermittel Zusagen der Ertragsgarantie eingehen.

Konzerne, so lautet die Hochglanz-Argumentation, hätten unternehmerisches Know-how, von dem die Menschen vor Ort profitierten, brächten Mittel für Investitionen mit, die der öffentlichen Hand angeblich fehlten, und erschlössen sich neue Märkte. Sie in die Entwicklungszusammenarbeit einzubinden, sei eine Situation, bei der alle gewännen.

Dass dabei sowohl die Mikro- Wirtschaft vor Ort als auch die Innovationsfähigkeit beteiligter Unternehmen hierzulande, am Tropf staatlicher Subvenbtionen hängend, Schaden nimmt, die ohnehin seit Einführung der Agenda 2010/Hartz IV Gesetze 2003, entgegen Maastricht Kriterien 1992, zur Benchmarke "selbstverständlich" leistungsloser Lohnsubvention (1.7 Millionen Aufstocker) für Arbeitgeber wurde, gerät bei diesr Art deutscher Entwickklungs- , Wirtschafts- , Sicherheits- , Außenpolitik aus einem Guß schnell ins Vergessen

Kleinbauern in Afrika werden abhängige Kunde der Konzerne

Thurn und Nokel bebildern und kommentieren in ihrer fundiert recherchierten Dokumentation die Realität. 25 Drehtage nahmen sie die 90-minütigen Film in Afrika in Anspruch. Dabei haben sie Projekte in Kenia, Sambia und Tansania besucht, wie es im Vorspann bei Arte heißt.

Die Bilanz ist niederschmettern: In fast allen Projekten, die die Filmemacher in Augenschein nahmen, profitieren vor allem die Konzerne. So zum Bespiel bei der Potato Initiative Africa (PIA), die Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) 2014 startete, in Kooperation unter anderem mit dem Globalplayer Bayer-Konzern, der gerade dabei ist. den Schrecken aller Kleinbauern in der Welt, den US- Saatgut- und Biotech- Konzern Monsanto zu übernehmen.

Die Kartoffelinitiative geht so: Kenianische Kleinbauern werden genötigt, nicht heimische sondern neue europäische Kartoffelsorten anzubauen, die sich angeblich besonders gut für die Weiterverarbeitung zu Chips und Pommes eignen.

Der Pferdefuss dabei: Das Saatgut für die neuen Sorten liegt nicht zur freien Verfügung in der Lanchaft herum, wie das heimische, sondern ist nur teuer zu erwerben und mit Nutzungsrechten des Bayer-Konzerns auf Patente amtlich verbrieft. Die Bauern sind vergattert, das Saatgut jedes Jahr neu zu erwerben. selbst wenn es in der Furche auf ihrem eigenen Acker liegt,. Da die fremden Sorten im heimischen Boden überhaupt wachsen und gedeihen, müssen sie mit Dünger und Pestiziden in Toto jede Saison neu behandelt werden

Dünger, Pestizide kaufen die Bauern dann bei den an der Kooperation beteiligten Firmen. Vor allem Kleinbauern am Rande des Existenzminimums müssen sich dafür häufig durch Aufnahme von überteuerten Mikrokrediten bei Dependancen von Globalplayer Banken wie Citi-Group, UBS, J, P. Morgan, Goldman Sachs, Banc of America, Commerzbank, Deutsche Bank u. a. hochverzinslich verschulden.

"Entwicklungshilfe ist zu Wirtschaftsförderung verkommen", sagt Valentin Thurn, Autor des Films. Wenn Kleinbauern für Projekte im Namen der Entwicklungshilfe von ihrem Land vertrieben würden, dann würden die Ziele der Entwicklungshilfe, nämlich die Beseitigung von Hunger und extremer Armut, in ihr Gegenteil verkehrt.

Dabei wäre eigentlich schon jetzt genug für alle da, erklärt Regisseurin Caroline Nokel: "Es werden genug Nahrungsmittel produziert. Was wir haben, ist ein Verteilungsproblem." Ob sich das mit Tiefkühlpizza lösen lässt, ist fraglich.

- Hinzu kommt die Gefahr, dass bei dieser Melange aus privaten Unternehmen staatlicher Entwicklungspolitik Bundesregierungen sich zunehmend bei palamentarischen Anfragen der Opposition, wie im aktuell beim Bundesverfassungsgericht verhandelten Fall amtlicher Geheimhaltung staatlicher Rettungsmaßnahmen von Banken, Versicherungen im Verlauf der Weltfinanzkrise 2008, mit Verweis auf den Bestands- und Datenschutz von Unternhmen aufs Beschweigen zurückziehen. -
JP

"Konzerne als Retter? Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe", Di., 20.15 Uhr, Arte

http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Verbraucher/Tiefkuehl-Pizza-als-Hungerhilfe_article1494067224.html
06.05.2017 | 12:40
Weltfischbrötchentag an der Küste
Tiefkühl-Pizza als Hungerhilfe?

http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/angus-deaton-im-interview-das-ist-nichts-anderes-als-kolonialismus-ld.89298?reduced=true
Angus Deaton
«Das ist nichts anderes als Kolonialismus»
Interviewvon Thomas Fuster und Peter A. Fischer 16.6.2016, 07:00 Uhr

http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungszusammenarbeit
Entwicklungszusammenarbeit

18:07 09.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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