Richard von Weizsäckers Tag der Befreiung

Nachruf Haben wir übersehen, dass Richard von Weizsäcker, aus seiner Rede am 8. Mai 1985 den Tag seiner persönlichen Befreiung aus dem Schatten seines Vaters machen wollte?
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Mein Dank gilt dem Nachruf Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäckers aus der Feder Friedrich Schorlemmers

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/weizsaecker-oder-der-weg-zur-einheit
FRIEDRICH SCHORLEMMER 09.02.2015 | 14:22 5
Weizsäcker oder der Weg zur Einheit

Für Friedrich Schorlemmers schier unverstellbar pastoral klaren Blick auf die Person Richard von Weizsäckers in seinem Nachruf bin ich zu meiner eigenen Überraschung zunächst einmal besonders empfänglich.

Dass ein Nachruf in diesem pastoralen Duktus möglich ist, scheint mir eine besondere Frucht des über vierzig Jahre geteilten Himmels ungeteilter Erinnerungen über Deutschland, über Europa zu sein, dem Friedrich Schorlemmer in seinen Worten über Richard von Weizsäcker, als einem Wert an sich, Geltung zu verschaffen weiss. Danke!

Richard von Weizsäcker vermochte in seinen Reden und Wirken gleichzeitig viele Menschen in derem ganz Perönlichem aufzusuchen, zu erreichen, ohne von seiner Hohen Warte, die er als sein "Elysium" zu pflegen verstand, selbst auch nur so etwas preiszugeben, wie die unverstellte Antwort auf die Frage

"Herr Kirchentagspräsident! Glauben Sie an Gott?"

Zu einer Antwort war Richard von Weizsäcker aus wohl sehr erlesenen Gründen, über die er schwieg, so wenig bereit, wie. trotz und wg. seiner Rede am 8. Mai 1945, endlich ganz aus dem dunklen Schatten, den braunen Nebeln seines Vaters Ernst von Weizsäcker, dem einstigen Staatsekretär im Auswärtigen Amt in "SS- Brigadeführer strammen Wichs" unter dem Außenminister und Sektbaron Joachim von Ribbentrop, als Zeitzeuge. als den er sich nach seiner Amtszeit als Bundespräsident vollmundig empfahl, beherzt heraus zu treten.

Ermutigung von Nachgeborenen der NS- Täterschaft, ja vor allem für mit sich um Klarheit ringenden NS- Tätern, ging von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ohne diesen für ihn selber so wichtigen Schritt, aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten, nicht wirklich aus.

Das erschüttert mich um so mehr mit Blick auf die Person des am 31. Januar 2015 mit 94 Jahren verstorbenen Richard von Weizsäcker.

Seiner Inneren Seelenbefindlichkeit und der seiner Familie mit vier, längst ausgewachsen, auf eigenen Beinen stehenden Kindern, vermochte Richard von Weizsäcker durch seine indifferente Haltung gegenüber seinem Vater letztendlich bis zum Lebensende nicht den Segen Inneren Friedens über Generationen zu spenden.

"Tatsächlich war Richard von Weizäcker ein Politiker und Präsident, von dem man zumindest begründet annehmen konnte, dass er auch eine völlig gegensätzliche Meinung aushielt und zuließ, sie nicht kategorisch abtat. Das schaffte Vertrauen.",

meint Christoph Leusch, alias Freitag Autor Columbus, in der Kommentarspalte zu Friedrich Schorlemmers Nachruf auf Richard von Weizsäcker

Ich frage mich, lag in diesem robusten

"Audit altera Pars"

nicht das ganze Geheimnis, warum Richard von Weizsäcker bis zuletzt durchhielt, seinen Vater im Für und Wider seiner im Nachkriegsdeutschland kaum versöhnlich vermittelbaren Position als SS- Brigadeführer, Staatsekretär im Auswärtigen Amt, NS- Täter, der angeblich Schlimmeres zu verhindern suchte

- die Archive sprechen eine andere, eine eindeutige Sprache. Übrigens bleiben die privaten Archive Ernst von Weizsäckers bis heute durch seine Nachlassverwalter verschlossen- ,

aber scheiterte, aus sich selber heraus, aus seiner Innerlichkeit in ein besonderes, in ein menschlich unanfechtbares Licht gehoben wissen wollte. als wäre die Aufarbeitung der NS- Verbrechen keine Sache irdischer Gerichte, sondern allein eine Sache mit dem persönlichen Gott, zu dem sich Richard von Weizsäcker nicht einmal öffentlich bekennen wollte, auch wenn er lange Jahre Evangelischer Kirchentagspräsident war?

"Für mich steht ja immer neben dem Präsidenten der Physiker-Bruder, als stille Ergänzung in der Erinnerung."

schreibt Columbus weiter.

War der Physiker-Bruder Carl Friedrich von Weizsäcker nicht der Lügenbaron, der es jahrzehntelang in himmlischen Worten, brillant philosophisierend, verstand, die Nachkriegsdeutschen und die Welt darüber zu täuschen, dass er mit acht Patenten auf eine Plutonium- Bombe ab dem Jahr 1938 (s. Archive in Moskau) allzu gerne dem Führer seine Atom- Bombe gebaut hätte, wenn der ihn nur riefe, bis er dies schlussendlich irgendwann um das Jahr 1979 reumütig einräumte, als er als SPD- Favorit für das Amt des Bundespräsidenten zur Wahl gegen Karl Carstens stand, um die Friedliche Nutzung der Kernergie umso mehr zu lobpreisen?, worin ihm wiederum sein jüngerer Bruder Richard von Weizsäcker nicht richtig folgen mochte?

Friedrich Schorlemmer schreibt in seinem Nachruf:

"„Waren Sie schon einmal in der DDR? Jeder, der sich hier bei uns öffentlich äußert, sollte stets darüber Rechenschaft ablegen, ob er mit dem, was er sagt, vor den Deutschen in der DDR bestehen kann… Man hört drüben sehr genau hin, was bei uns alles gesprochen wird, manchmal genauer als bei uns selbst… Die Menschen in der DDR sind nicht nur Bürger ihres Staates, sondern sie sind zugleich auch Deutsche, Deutsche wie wir.“


Das schreibt sich nach 30 Jahren, aus dem historisch deutsch- deutschen Kontext genommen, so leicht und wohlwollend dahin?

frage ich Friedrich Schorlemmer.

Welche Deutschen in der DDR mag Richard von Weizsäcker im allgemein westdeutschen Chor deutsch- deutscher "Beschwichtiger" gemeint haben?

Die Deutschen der DDR- Nomenklatur?, die priviligierten Reisekader im ZK der SED, im Politbüro, in der DDR- Volkskammer, des Schriftstellerverbandes, der DDR Europa- Liga Fussball Clubs, wie Dybnamo Dresden, des PEN- Clubs, in den Blockflötenparteien, Mitarbeiter christlicher Kirchen. samt deren Zeitungen, kirchennahen Organisationen, mit einem Valuta- DM Monatsgehalt/anno aus Bonn, gemäß Altverträgen der christlichen Kirchen von 1806/1919/1949 ?

Mir ist nicht bekannt, wie Friedrich Schorlemmern zwischenzeilig insuiert, dass Richard von Weizsäcker vor dem Fall der Berliner Mauer 1989 als Westberliner Regierender Bürgermeister oder später als Bundespräsident DDR- Dissidenten zu einem öffentlichen Meinungsaustausch ins Schloss Belleveu geladen hätte?

Friedrich Schorlemmer:

"Im „Forum für Aufklärung und Erneuerung“ war daraufhin versucht worden, parallel zu dem, was in Südafrika diskutiert wurde, auch in Deutschland zu verfahren. Das strafrechtlich Relevante sollte auch strafrechtlich verfolgt werden – also überall dort, wo individuell zurechenbare Schuld vorlag. Und ansonsten sollte es um eine politische Auseinandersetzung gehen – mit dem Ziel „Versöhnung in der Wahrheit“ zu erreichen.

"Keine "Schwamm-drüber-Strategie""

Meine Antwort:

Das verlangte nach Ermutigung zu Schuldbekenntnissen, Mut zu öffentlichen Reuebekenntnissen, wie in Südafrika durch die Wahrheitskommission.

Dass das Projekt einer "Wahrheitskommission" in Deutschland nicht einmal ansatzweise zustande kam, geschweige denn gelang, mag nicht zuletzt mit am damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gelegen haben, der zwar öffentlich bärenstark für solche Anregungen eintrat,

wie Sie, lieber Friedrich Schorlemmer hier beredt berichten,

aber hasenfüssig in Fragen seiner persönlichen Haltung zur Schuld seines Vaters Ernst von Weizsäcker in dunkler NS- Zeit kaum ein klarer Quelle der Ermutigung zu Bekenntnissen der Schuld, der Reue nicht wirklich zu sein vermochte, deren ansteckender Strahlkraft es über Jahre bedurft hätte.

Darin liegt n. m. E. gerade für Richard von Weizsäcker, seinem "Inneren Kind" eine persönliche Tragik, als sei er zumindest emotional von seinem Vater Ernst von Weizsäcker missbraucht worden, als der ihn in das Team seiner Verteidiger vor dem Internationalen Kriegsgerichtshof in Nürnberg ab 1946 im sogenannten Wilhelmstraßen Prozess als Assistent einbestellte, seinen Richard nötigte, für zwei Jahe sein gerade begonnenes Jura- Studium zu unterbrechen.

Bundespräsident Richard von Weizsäckers legendäre Rede vom 8. Mai 1985 zum Gedenken des vierzigsten Jahrestages des Ende des Zweiten Weltkrieges, die keinen redenschreiber Arbeit sei, wie Friedbert Pflüger sein damaliger persönlicher Referent zu berichten weiss, will mir in diesem Zusammenhang wie ein Tag der persönlichen Befreung vom dunklen Schatten seines 1957 verstorbenen Vaters erscheinen, der letztich dann doch scheitert.

Warum?, weil wir, weil die westdeutsche Öffentlichkeit voll des Lobes für die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker waren und sind, statt, wie wenigstens der Herausgeber DES SPIEGELs Rudolf Augstein in seinem Essay vom 06.10. 1986

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13519376.html
06.10.1986
SPIEGEL Essay
Die neue Auschwitz-Lüge
Von Augstein, Rudolf

voller Respekt vor dem Hohen Amt des Bundespräsidenten zaghaft eine kritische Anmerkungen zu wagen, um in seinem Essay 6 Monate später

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13522471.html
16.03.1987
Wenn Ribbentrop und Führer mich wollen...
Von Augstein, Rudolf

nachzulegen, ohne dabei den sehr verehrten Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wirklich bei seinen selbstentlarvenden Worten seiner Rede vom 8. Mai 1985 zu packen, wie dieser es öffentlich redlich vedient, womöglich aus innerer Erregung darauf angelegt hatte?

In der er das ganze Nebelschwadengespinst. mit dem er jahrzehntelang seinen Vater Ernst von Weizsäcker als unbelastet im Sinne der Anklage vor dem Nürnberger Kriegsgerichtshof. trotz Verurteilung zu sieben Jahren Haft, die Wahrheit verschleiernd, zu entlasten suchte, mit einem einzigen Passage seiner Rede zerstob:

- "Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mußten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Haß.

Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde?

Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.

Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewußt oder auch nur geahnt zu haben.

Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich"(.......)

"Für uns kommt es auf ein Mahnmal des Denkens und Fühlens in unserem eigenen Inneren an."-

Die westdeutsche Öffentlichkeit hat diese Diskrepanz im Leben des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nach seiner legendären Rede vom 8. Mai 1985 bis heute ignoriert, seinen Versuch, den 8. Mai 1985 als Tag seiner persönlichen Befreiung aus dem Schatten seines Vaters zu inszenieren, schlicht und ergreifend, achtlos übersehen, übersehen wollen?, wenn ja:

Warum?, weil dies denn doch zu anmaßend an diesem Tag, an diesem Hohen Ort, dem Deutschen Bundestag, in diesem Hohen Amt des Bundespräsidenten erschien, sein persönliches "Mütchen" gegenüber seinem verstorbenen Vater zu stillen, wie dies sein älterer Bruder Carl- Friedrich von Weizsäcker im Verhör durch den Chefankläger Robert M.W. Kempner während des sogenannten Wilhelmstraßen. Prozess in Nürnberg beiläufig auf vaterverheerende Weise 1949 längst getan hatte?

In Robert M.W. Kempners “Erinnerungen” aus dem Jahr 2010 ist über die Weizsäckers zu lesen :

“Die Verteidigung lud als Entlastungszeugen seinen Sohn Carl Friedrich, den Philosophen, und der erklärte im Kreuzverhör, sein Vater sei über die damaligen Geschehnisse furchtbar unglücklich gewesen. Wenn er abends nach Hause gekommen sei, habe er darüber mehrfach geklagt."

Ein eklatant krasser Gegensatz zu der Unwissens-Theorie in der Verteidigungstrategie des Vaters Ernst von Weizsäckers und seines jüngeren Sohnes Richard! Die Ladung dieses Entlastungszeugen war ein Desaster für die Vater und dessen Verteidigung.” Weizsäcker wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, die später auf fünf Jahre reduziert wurden.

Gleich wie, darin sehe ich eine Schuld unserer Justiz, der Parteien, Kirchen, Medien gegenüber der in bestimmten historischen Momenten, Zeitfenstern, Wahrheit, Klarheit suchenden Person Richard von Weizsäckers, um sodann wieder , zunächst unmerklich , wie der Briefverkehr zwischen Richard von Weizsäcker und Rudolf Augstein 1986/87 , (s. aktuelle SPIEGEL- Ausgabe 7-44-2015), offenbart, unangefochten in vorherige Diskrapanzen zurückzufallen, persönlich unkenntlich in Nebelfronten zu entschwinden.
JP

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/richard-von-weizsaecker-der-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung-a-1016084.html
Bundespräsident Richard von Weizsäckers Rede 1985 im Wortlaut:
"Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung"

http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/05/01/was_fuer_ein_durcheinander/
01.05.2010, 12:05 Uhr von Helmut Höge
Was für ein Durcheinander

03:05 10.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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