War Jerome David Salinger (1919- 2010) Holden Caulfield ?

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War Jerome David Salinger (1919- 2010) Holden Caulfield ?

Verkörperte J. D. Salinger mit dem 16-jährigen Holden Caulfield als literarischer Figur das Gefühl einer missbrauchten, wie verlorenen Jugend, im und nach dem Zweiten Weltkrieg?

Gab J. D. Salinger nicht nur mit seinem einzigen Roman "Fänger im Roggen" diesem Gefühl einer, seiner missbrauchten, verlorenen Generation ein Gesicht und eine eigene Sprache?

War diese verlorene Jugend des J. D. Salinger, wie die Heimkehr eines frühreifen wie postadoleszenten GIs aus dem Zweiten Weltkrieg, der seelisch mittenmang den Blöcken, Ost und West, in seinen jugendlich, kindlichen Wünschen, Träumen zerschellt, zermalmt, als "Der Fänger im Roggen" zwischen die Fronten des verlogenen Kalten Krieges geraten, der all seine Wut, seinen Hass, seine Aggression gegen sich und andere, wie die Wutspirale eines Amokläufers, in sich zusammen gestürzt erlebte?

Bei diesem Sturz nach innen, nach dem Krieg soll J. D. Salinger – wegen eines „front shock" – eine Zeitlang in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sein, ist J. D. Salinger als Person zu einem Solitär unter allen Diamanten seiner Zeit gepresst, der aus verdichtet innerem Dialog, in Selbstgesprächen, keine stillen noch stumm beredten Lügen mehr ertrug?

Hat sich J. D. Salinger irgendwann in dieser Zeit der tektonischen Verschiebungen vom Heissen zum Kalten Kriege für all seine Lebenszeit das Gelübde abgenommen, niemals Gedanken als Agenten von Lügen den Weg zu den öffentlichen Bühnen des Medien- , Kultur-, Literaturbetriebes, allgemein geschäftiger Verlogenheit, freizugeben?

Einer, der sich in Zeiten von Kommandogesellschaften, - wirtschaften, an den sichtbaren wie unsichtbaren Fronten des Kalten Krieges allen ausgestreckten Händen, herbeieilenden Befehlen der Gefolgschaft durch Flucht in die gedanklichen Weiten entzogen, seinen Inneren Seelenbetrieb, die Gezeiten , Ebben, Fluten unter größten Anstrengungen antriebsarm gehalten?

Warum?,

um den Kalten Krieg zu überwintern?

Andere nennen das Immigration in die Depression als Lebensgefühl, in dem selbst Glück, Liebe, Erfolg, Ruhm, Schönheit, Harmonie, Eintracht, Frieden, Überleben als Übriggebliebener den Fluch als ständig lauernden Begleiter hat?

Rühren von daher die Kult gewordenen, prägenden Wortschöpfungen, Wortverbindungen des J. D. Salinger, wie "gottverdammt" , wie "verflucht glücklich", ein Gedanke des Holden Caulfield über seine kleine Schwester Phoebe in seinem Roman "Der Fänger im Roggen", als diese immer im Kreise tanzend herumfuhr:

"Ich hätte beinah geheult, so verflucht glücklich war ich, falls das jemand interessiert".

Hat das Ende des Kalten Krieges mit dem Berliner Mauerfall am 09. November 1989 den Seelenbetrieb des J. D. Salinger nicht mehr erreicht?, oder ist gar der Kalte Krieg von den Rändern der einstigen Blöcke her nach innen in die Mitte des Lebens aller gerückt, noch lange nicht zuende?

Diese und andere Geheimnisse hat J. D. Salinger, geboren am 01. Januar 1919, bei seinem natürlichen Übertritt vom Leben zum Tode am 27. Januar 2010 beschwiegen achtsam wie unbeachtet mitgenommen.

JP

02:31 30.01.2010
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Geschrieben von

Joachim Petrick

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