Aus der Haft entlassen, aber nicht frei

Saudi-Arabien Die Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul wurde für ihr Engagement in dem regressiven Staat mit dem Václav-Havel-Menschenrechtspreis ausgezeichnet
Frauen dürfen in Saudi-Arabien mittlerweile allein Auto fahren. Von einer echten Gleichberechtigung ist das Land aber nach wie vor meilenweit entfernt
Frauen dürfen in Saudi-Arabien mittlerweile allein Auto fahren. Von einer echten Gleichberechtigung ist das Land aber nach wie vor meilenweit entfernt

Foto: Rania Sanjar/AFP/Getty Images

Saudi-Arabien war das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht selbst Auto fahren durften. Seit 1990 gab es deshalb immer wieder Proteste. Aktivistinnen wehrten sich dagegen, dass sie nur mit einem männlichen Verwandten oder einem Chauffeur unterwegs sein konnten. Ende Juni 2018 kam dann endlich der Umbruch: Nach Jahrzehnten ist es saudi-arabischen Frauen wieder möglich, selbst hinter dem Steuer zu sitzen.

Eine von denen, die sich dafür eingesetzt haben und die Konsequenzen zu spüren bekamen, ist die Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul. Für ihr Engagement wurde sie jetzt mit dem Václav-Havel-Menschenrechtspreis des Europarates ausgezeichnet und als eine der „Führerinnen der feministischen Bewegung“ in Saudi-Arabien gewürdigt. Der mit 60.000 Euro dotierte Preis wurde nicht ihr selbst, sondern ihrer Schwester Lina al-Hathloul übergeben.

Die heute 31-jährige Loujain al-Hathloul wurde 2018 noch vor dem Ende des Fahrverbots inhaftiert und verbrachte 1.001 Tage im Gefängnis. Im Dezember 2020 wurde sie zu fünf Jahren und acht Monaten verurteilt, wegen Verschwörung gegen das Königreich und Spionage im Namen „ausländischer Parteien“. Am 10. Februar wurde sie frühzeitig aus der Haft entlassen, aber unter strengen Bedingungen, die ein Reiseverbot sowie ein Verbot, mit den Medien zu sprechen, beinhalten. „Loujain ist zu Hause, aber sie ist nicht frei,“ sagte ihre Schwester Lina damals. Andere Aktivistinnen sitzen weiterhin im Gefängnis. Bis heute brauchen saudi-arabische Frauen die Zustimmung eines männlichen Vormunds, um in bestimmten Jobs zu arbeiten, zu studieren, zu heiraten oder sich ärztlich versorgen zu lassen. Es gibt eine strikte Trennung der Geschlechter, die von einer Religionspolizei überwacht wird. Für Loujain al-Hathlouls Entlassung aus dem Gefängnis könnte die Amtseinführung der neuen US-Regierung eine Rolle gespielt haben. Präsident Joe Biden fährt einen härteren Kurs gegen Saudi-Arabien als sein Vorgänger.

Der Václav-Havel-Preis wird seit 2013 verliehen. Sein Namenspatron war oppositioneller Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist, später Präsident der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik. Von ihm stammt der Satz: „Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Politik ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen.“ Loujain al-Hathloul hat laut ihrer Familie und Amnesty International vor, trotz ihrer eingeschränkten Möglichkeiten weiterzukämpfen – zumindest dafür, vor Gericht nachzuweisen, dass sie mit Elektroschocks und Schlägen gefoltert worden ist. Die Regierung in Riad bestreitet die Vorwürfe.

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