Die Wiener sehen glücklich aus

Medien Unsere Kolumnistin flüchtet vor deutschen Social-Media-Debatten nach Österreich
Die Wiener sehen glücklich aus
Wer in Wien Rad fährt, scheint tatsächlich ein ganz eigentümliches Glück zu empfinden

Foto: Imago Images/Xinhua

Es ist schwer, der kapitalistischen Verdummung auszuweichen, aber bei der deutschen Verdummung geht das sehr wohl. Mit einer Osterreise nach Wien nämlich. Während wir deutschen Schafe uns weismachen lassen, dass eine Mobilitätswende nicht möglich sei und das Auto alternativlos, sieht Wien aus wie eine Stadt aus der Zukunft. Überall Leihfahrradstationen, auf großzügigen Wegen surren Elektroroller. Frei floatend können die „Scooter“ mit dem Smartphone ausgeliehen und nach Gebrauch wieder in der Stadt abgestellt werden. Die Rollenden sehen sehr glücklich aus. Das Glück breitet sich auf den Straßen Wiens aus und verursacht so eine harmonische Gesellschaft. Ganz von selbst.

Anders hingegen ist das mit dem Glück dort, wo es versprochen oder gar als Lebensziel ausgerufen wird. In der Verfassung der USA ist sogar ein Glücksversprechen niedergelegt. Auch die harmonische Gesellschaft Chinas enthält diese Tendenz. „Glück soll nur ein Nebeneffekt sein“, sagte der slowenische Philosoph Slavoj Žižek am Karfreitag beim Philosophenstreit mit der kanadischen Alt-Right-Ikone Jordan Peterson, Neurologieprofessor an der Universität Toronto. Ein vergnüglicher Streit, zu dem Peterson allerdings nicht viel mehr beitragen konnte als die Behauptung, der Kapitalismus habe die Armen reicher gemacht. So drehte er an seinem Ehering und stellte Fragen an Žižek. Der machte Witze und spulte das bereits in seinen Büchern niedergelegte Programm ab.

Mir kam das entgegen, da ich Žižeks Bücher aus Verärgerung – insbesondere Körperlose Organe hatte mich wütend gemacht – bei meinem Wegzug aus Berlin auf die Straße gelegt hatte. Seit dem Peterson–Žižek-Streit ist kein Halten mehr. Endlich kann der sexy Slawe aus Ljubljana Begeisterung in mir wecken. Sofort verwarf ich alle Unterstützung für den prostitutionsgeilen Feminismus. Ich verstand, dass der Linksliberalismus nur ein weiterer Faschismus im bunten Kleid ist. Und dass es oft besser ist, Witze zu machen und den anderen anzulachen, anstatt ihm die böse Botschaft direkt ins Gesicht zu sagen. Alter Psychiatertrick.

Wien und die agilen kleinen Roller auf großen Straßen im Sonnenschein machen glücklich. Feminismus macht offensichtlich eher nicht glücklich, zumindest der von heute, wenn man Slavoj Žižek glauben will. Die MeToo-Bewegung von 2019 ist liberal, also scheiße. Diese Aktivismus-Spinner waren überhaupt der Grund, warum sich Žižek und Peterson zu ihrem Streit über Glück im Kapitalismus und Glück im Marxismus trafen. Weil sie nämlich von beiden ablehnt werden, hatten manche gedacht, dass sich die beiden Denker auch sonst einig sein müssten.

Typisch für den aktivistischen Social-Media-Feminismus: die Aktivist_in, die eine Amazon-Wishlist im Profil hat und alle blockt, die ihr widersprechen. Wir sollten diese unangenehmen, ja ekelhaften Accountinhaberinnen als Märtyrerinnen des Kapitalismus sehen, Kundschafterinnen, die uns erzählen können, wie wenig das von linksliberal bis Alt-Right propagierte Wirtschaftssystem sein Glücksversprechen einlösen kann. Wenn es denen Freude macht, sich seelisch weiter kaputtzumachen, dann will ich da nichts mehr zu sagen.

Peterson sagt denen, sie sollen ihr Leben in Ordnung bringen. Sein Beispiel: ein unordentliches Haus, das aufgeräumt werden muss. So würde auch die Gesellschaft weiterkommen, mehr Talente und Ideen mobilisieren und damit letztlich die Großprobleme wie Hunger und Klimawandel lösen können. Auch hier weiß Žižek, dass es nicht so einfach ist: „Wenn das Haus in Nordkorea steht, würdest du das den Leuten dann auch sagen?“ Peterson lacht und stimmt zu.

06:00 28.04.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger

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