Gut gescheitelter Abnickverein

Nachwuchs Die Junge Union will die Ära Mißfelder hinter sich lassen. Das ist auch nötig

Paul Ziemiak schwitzt. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so nervös wie heute“, sagt der 29-jährige, als er sich am vergangenen Freitag um den Bundesvorsitz der Jungen Union (JU) bewirbt. Die folgende Rede zieht sich quälend lange 15 Minuten. Mehrfach verhaspelt sich Ziemiak, lässt Sätze im Nichts enden, setzt neu an. Ein mitreißender Redner ist er nicht, aber auf diesem Deutschlandtag legt ihm das kaum jemand als Schwäche aus. Nach zwölf Jahren geschliffener Reden des langjährigen Vorsitzenden Philipp Mißfelder sucht die Jugendorganisation der Unionsparteien nach einem Neuanfang. Ziemiak macht sich das zunutze: „Ich bewerbe mich als Bundesvorsitzender, nicht als Pressesprecher“, ruft er den Delegierten im bayrischen Inzell zu. Das wirkt. Bei der Wahl bekommt Ziemiak über 60 Prozent. Sein Gegenkandidat Benedict Pöttering hat keine Chance.

Das Wahlergebnis zeigt, wie groß das Bedürfnis nach einem Neuanfang in der größten politischen Jugendorganisation Europas ist. Sie hat beinahe 120.000 Mitglieder, mehr als doppelt so viele wie die Jusos, trotzdem ist ihr Einfluss überschaubar. Als etwa die Große Koalition die Rente mit 63 vorbereitete, maulte die Jugendorganisation zwar ein bisschen, wirklichen Widerstand leistete sie aber nicht. Auch die jungen Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU hoben zum allergrößten Teil brav die Hand, als das Gesetz schließlich im Parlament abgestimmt wurde. Einen wirklichen Erfolg konnte die JU auf Bundesebene auch schon lange nicht mehr vorweisen. Zwar freut man sich aus Gründen der Generationengerechtigkeit über den ausgeglichenen Haushalt, aber ein originäres Anliegen der eigenen Klientel hat der Nachwuchs auf Bundesebene schon lange nicht mehr durchgesetzt. Da sind andere Parteiorganisationen erfolgreicher, etwa die Frauen-Union, die so lange auf die Erhöhung der Mütterrente pochte, bis sie Gesetz wurde.

Das geht so manchem Jungunionisten ans Selbstbewusstsein. Der Nachwuchsverband sieht sich traditionell als Korrektiv zu den Mutterparteien. Doch anstatt den Kurs der Merkel-CDU in die politische Mitte kritisch zu begleiten, hat sich die JU zum gut gescheitelten Abnickverein entwickelt. Wen viele im Verband für diese Entwicklung verantwortlich machen, ist kein Geheimnis: den ewigen Vorsitzenden Philipp Mißfelder.

Im Stile Helmut Kohls

Zwölf Jahre saß er der JU vor – länger als jeder andere vor ihm. Mißfelder galt als kommender Mann in der Union, manche sahen in ihm gar den künftigen Kanzler. Mißfelder baute die Junge Union um, professionalisierte ihr Auftreten und das der Geschäftsstelle. Doch nach einigen Jahren an der Spitze nutzte er die Organisation immer stärker zur eigenen Profilierung. Die Interessen des Parteinachwuchses traten in den Hintergrund. Langjährige Weggefährten beschreiben Mißfelder als selbstbezogen, beratungsresistent und aufbrausend. Spätestens nach seinem Besuch auf Gerhard Schröders Geburtstagsfeier in St. Petersburg, auf der auch Putin zu Gast war, galt er in der Union als jemand, der seine politische Zukunft hinter sich hat.

Auch deshalb war in Inzell der Wunsch nach einem radikalen Schlussstrich so groß. Profitiert hat davon Ziemiak. Dessen Gegenkandidat Pöttering galt vielen Delegierten als Mißfelder-Klon. Inhaltlich gab es zwischen Ziemiak und Pöttering kaum Unterschiede, doch pflegten sie im Wahlkampf um das Spitzenamt einen sehr unterschiedlichen Stil. Während Pöttering durch die Medien zog, um sich bekannt zu machen, robbte sich Ziemiak direkt an die Delegierten heran – ganz im Stile Helmut Kohls, der noch aus dem Kanzleramt die für ihn wichtigen CDU-Kreisvorsitzenden abtelefonierte. Interviews gab Ziemiak dagegen kaum. Der breiteren Öffentlichkeit stellte er sich erst jetzt mit seiner Bewerbungsrede vor, in der er erwartbar auf „Sozialisten“, „grüne Ideologen“ und „Kommunisten“ schimpfte. Auch „Multikulti-Ideen“ erteilte der in Stettin geborene Sohn polnischer Aussiedler eine Absage. Neue Töne sind von der JU also nicht zu erwarten.

Mehr Einfluss auf den Kurs der Mutterpartei wird die JU durch seine Wahl jedoch nicht bekommen. Den traditionellen Sitz der JU im CDU-Parteipräsidium, den noch Mißfelder innehat, wird Ziemiak nicht übernehmen. Wahrscheinlich wird der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn den Posten übernehmen. Aber auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe gilt als Kandidat. Der war schließlich auch einst Vorsitzender der Jungen Union. Heute ist er 53.

06:00 08.10.2014
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