Neue Zeiten auf der Baselworld?

Kinderrechte Auf der weltgrößten und wichtigsten Schmuck- und Uhrenmesse, der Basel-World, soll auch Kinderarbeit in der Goldproduktion eine Rolle spielen.
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Neue Zeiten auf der Baselworld?
Goldproduktion in der Elfenbeinküste
Foto: STR/AFP/Getty Images

Eine der weltgrößten und wichtigsten Schmuck- und Uhrenmessen findet zurzeit in Basel statt. Luxusmarken werden den Besuchern aus allen Weltregionen ihre neusten Angebote präsentieren. Ich höre schon fast die Champagner-Gläser klirren. Letztes Jahr besuchten 150.000 Menschen die Messe.

Baselworld ist weit entfernt von all den kleinen Minen in vielen Ländern, in denen weltweit schätzungsweise eine Millionen Kinder arbeiten - aber die Messe ist eng mit ihnen verbunden.

Beispiele dafür sind Golduhren und Schmuck. Mindestens 12 Prozent des weltweiten Angebots stammt aus kleinen Goldminen. Diese Minen werden mit wenig oder gar keinen Maschinen betrieben und sind abhängig von der Arbeitskraft ungelernter Erwachsener und Kinder. Einerseits stellt der Kleinbergbau eine wichtige Einkommensquellen für die ländliche Bevölkerungen dar. Andererseits arbeiten dort oft Kinder unter gefährlichen Bedingungen, und die Minen verursachen massive Umweltschäden.

Meine Kollegen und ich haben mit gerade einmal neunjährigen Kindern gesprochen, die in kleinen Goldminen in Mali, Ghana, Tansania und auf den Philippinen schuften. Diese Kinder spalten Steine, tragen extrem schwere Lasten und verarbeiten Gold mit Quecksilber - eine hochgiftige Substanz, die Gehirnschäden und andere Erkrankungen des Nervensystems verursacht und tödlich sein kann. Auch arbeiten heranwachsende Jungen in schlecht gesicherten Schächten. Viele werden bei Unfällen verletzt oder getötet.

In einem Dorf in Ghana traf ich einen klugen und lächelnden zwölfjährigen Jungen - nennen wir ihn einfach Samuel. Sein Job ist es, goldreiches Erz zu spalten, es auf ein Brett zu schaufeln und das Rohgold mit Quecksilber zu bearbeiten. Er wusste nichts von den Gesundheitsrisiken, die mit einer Quecksilbervergiftung einhergehen, und erklärte mir, wie er das flüssige Metall zuerst mit seinen bloßen Händen verteilt. Dann erhitzt er die Quecksilber-Gold-Mischung über einem Feuer - dabei entstehen giftige Dämpfe. „Ich werde davon sehr müde“, sagte er mir. „Manchmal kaufe ich mir Mittel gegen die Schmerzen in meinem Rücken und meiner Brust... Ich verkaufe das Gold an einen Einkäufer, in seinem Haus. Er fragt nicht nach meinem Alter. Von dem Händler bekomme ich auch das Quecksilber.“

Die Gold-Lieferkette beginnt bei den Minen und umfasst ortsansässige Händler, Exporteure und internationale Raffinerien. Schließlich wird das Gold zu den Uhren und dem Schmuck verarbeitet, die diese Woche in Basel ausgestellt werden. In Ghana haben wir dokumentiert, dass ortsansässige Händler Gold aus inoffiziellen Minen kaufen, in denen oft Kinder arbeiten, und nicht hinterfragen, unter welchen Bedingungen das Edelmetall abgebaut wird. Zum Beispiel lässt sich Metalor, eine internationale Raffinerie, von einem Unternehmen (der ghanaischen Regierung) beliefern, das einräumt, es „könne gar nicht wissen“, ob das Gold, dass es an Raffinerien verkauft, mit Kinderarbeit produziert wurde.

Und Ghana ist kein Einzelfall. Weltweit wird das meiste Gold aus kleinen Minen von ortsansässigen Händlern gekauft, durchläuft eine Reihe größerer Unternehmen und erreicht dann die weltweit führenden Goldraffinerie in der Schweiz, Dubai und andernorts. Die Raffinerien verkaufen das veredelte Gold schließlich an Banken, Schmuckhersteller und andere Händler.

Schmuck- und Uhrenmarken sind dafür verantwortlich, dass die wertvollen Metalle und Edelsteine, die sie verkaufen, nicht von Kindern abgebaut und verarbeitet werden und dass die Unternehmen auch nicht zu anderen Menschenrechtsverletzungen beitragen. Um ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht gerecht zu werden, müssen sie Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Einfach gesagt, sollen Unternehmen sicherstellen, dass sie über jegliche Menschenrechtsprobleme in ihrer Lieferkette informiert sind und wirksame Maßnahmen ergreifen, um ihnen zu begegnen.

Der erste Schritt dahin ist, die Quelle zu kennen. Käufer sollten in der Lage sein, den Weg von Edelmetallen und -steinen bis zu den Herkunftsminen zurückzuverfolgen. Schmuck- und Uhrenmarken sollen außerdem Menschenrechtsklauseln in die Verträge mit ihren Zulieferern aufnehmen. Insbesondere sollen sie gewährleisten, dass auf Menschenrechte und Kinderarbeit spezialisierte Prüfer die Bedingungen in kleinen Minen genau überwachen. Darüber hinaus sollten dritte, völlig unabhängige Instanzen Überprüfungen oder Inspektionen durchführen und deren Ergebnisse veröffentlichen.

Keine dieser Ideen ist weit hergeholt. Das Problem ist eher, dass viele Unternehmen bisher nicht dazu angehalten werden, sie umzusetzen. Tatsächlich sind die oben genannten Maßnahmen in internationalen Standards ausbuchstabiert, die sehr viele Unternehmen angenommen haben, insbesondere in den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und in den spezifischen Richtlinien für den Goldhandel der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Mit Sicherheit wollen die Besucher von Baselworld keine Kinderarbeit unterstützen. Damit dies aber nicht passiert, müssen sie nachfragen, ob die Schmuckhersteller Schutzmaßnahmen ergriffen haben. Wenn sie die wunderschönen Produkte bewundern, sollten sie die Aussteller fragen, wie sie denn wissen können, dass kein von Kindern abgebautes oder verarbeitetes Gold in ihre Lieferkette gerät. Die Hersteller sind dafür verantwortlich, woher das Gold stammt, das sie verarbeiten, und sie müssen verhindern, dass Kinder wie Samuel unter den furchtbaren Folgen des Goldabbaus leiden.

13:19 21.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juliane Kippenberg

Juliane Kippenberg ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Kinderrechte von Human Rights Watch
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