Sind die Grünen eine linke Partei?

Fragebogen Der neue Freitag feiert Jubiläum. Und mit ihm die Freitag Community, die nie um Meinungen verlegen war. Wir haben gefragt, Julius Wolf hat geantwortet
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Sind die Grünen eine linke Partei?

Halten Sie die Grünen für eine linke Partei?

Nein. Als Joschka Fischer 1999 auf dem Kosovo-Sonderparteitag mit dem Ausspruch „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus“ seine Partei für Krieg begeistern wollte, begrub er noch nicht das linke, in diesem Falle sozialrevolutionär-ökologische Potential der Partei, sondern offenbarte die Brüchigkeit des zuvor pazifistischen Profils. Die konsequente Abkehr jedoch von einem linken Profil erfolgte in den darauffolgenden Regierungsjahren. Es handelt sich heutzutage um eine neoliberale Partei, deren Kennzeichen die Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft und die Propagierung eines irgendwie grünen Kapitalismus sind. So finden die Konflikte zwischen einem Ökoglobalismus und einem Ökonationalismus statt. Es ist eine Partei, in der sich immer noch auch Linke organisieren, mehr nicht.

Kannten Sie den alten Freitag (vor 2009)?

Nein, meine umfangreichere Wahrnehmung politischer Berichterstattung setzte wohl zu spät an, um den alten Freitag mitbekommen zu haben.

Welchen finden Sie besser – den neuen oder den alten?

Da ich es nicht weiß, behaupte ich unfundiert: Neu ist immer besser.

Schaffen wir das?

Wenn wir wüssten, wer wir sind und was wir denn schaffen wollen oder sollen, wäre das zu beantworten. Der Mythos von Merkels Flüchtlingspolitik ist weiterhin in aller Munde, ohne zu begreifen, dass auch diese Kanzlerin stets für eine repressive Migrations- und Grenzpolitik im Zeichen der Marktlogik stand (Wohlstand innen, Verteidigung nach außen), die auch ihre restliche Politik bestimmte. Die Abschottung der Festung Europa geht unaufhörlich weiter, ohne in der breiten Masse als solche begriffen zu werden, gesellschaftliche Polarisierung schreitet voran, das Wir steht zwischen Seenotrettung oder Solidarity Cities und rechtsautoritärer Verhärtung. Wobei dieser Tage die größten Polarisierungspunkte Fahrverbote und Tempolimits sind. Schaffen wir es, die Klassengesellschaft zu überwinden? Nicht so leicht. Schaffen wir es, notleidende Menschen (auch wirtschaftliche Not ist Not) aufzunehmen? Nicht ohne einen gesellschaftlichen Konsens und politisch-institutionellen Willen.

Welche_n Blogger_in/Autor_in lesen Sie am liebsten?

Welche_n Blogger_in/Autor_in würden Sie auf freitag.de gerne (noch häufiger) lesen?

Wie sind Sie auf die Community aufmerksam geworden?

Durch das regelmäßige Lesen des Freitag (online) stößt man mit der Zeit auf die Community und wenn eigenes Schreib- und Mitteilungsbedürfnis besteht, führt das eine zum anderen.

Und wann haben Sie sich auf Freitag.de angemeldet?

Ohne nun extra nachzuschauen vermute ich, dass es Anfang/Mitte 2015 war.

Haben Sie davor schon geschrieben?

Geschrieben ja, jedoch nicht publiziert.

Augstein oder Blome?

Weder noch.

Wer ist Ihr Community-Blome – wer regt Sie am meisten auf?

Vermissen Sie die „Zwei aus der Poststelle“?

Wenn Jakob Augstein „Journalist und Gärtner“ ist, sind Sie …

Studierender in letzten Zügen und austauschbarer Lohnarbeiter.

Kommunitarismus oder Kosmopolitismus?

Schon eher Kommunitarismus, da hier sinnvolle Gemeinschaftsverständnisse zu finden sind und ein Begriff von Sozialverträglichkeit vorhanden ist. Der politische Mensch, der/die aktive Bürger*innen sollten im Zentrum politischen Denkens stehen, das den Anspruch erhebt, emanzipatorisch zu sein. Und anderes politisches Denken brauche ich nicht. Sicher gibt es nette Menschen, die sich als Weltbürger*innen verstehen, nur ist das eine Perspektive, die den meisten Menschen versperrt bleibt. Und das ist mit Kosmopolitismus nicht zu beheben. Am Ende kommen politisch-institutionelle Erscheinungen zum Vorschein, die reine Herrschaftsstabilisierung sind.

Worüber haben Sie sich beim Freitag am meisten geärgert?

Und worüber am meisten gefreut?

Sind Sie Abonnent_in? Oder waren es einmal?

Es gab nur einmal ein Probeabo.

Lesen Sie die „Zeit“?

Kommt vor.

Oder die taz?

Kommt vor.

Lieber auf Papier oder im Netz?

Ich bin ein halbwegs junger Mensch und habe mich ans Online lesen gewöhnt. Hin und wieder darf es mal eine gedruckte Zeitung sein, aber da ich lieber auf Masse setze – bei der Informations- und Meinungssichtung –, bevorzuge ich das Netz.

Was mögen Sie lieber, lange oder kurze Texte?

Lange Texte, bei denen ich nur die Überschriften lese. Nein. Komplexe Sachverhalte und Argumentationen lang, aber eigentlich lieber kurz und kompakt.

Wie lange müssen wir noch auf die Überwindung des Kapitalismus warten?

Timo Daum hat ein schlaues Buch über digitalen Kapitalismus geschrieben. Das Ende des Kapitalismus steht nicht bevor. Vielleicht braucht es die Überwindung des Menschen dafür … In jedem Fall braucht es die Überwindung von Staat und Nation. Es gilt immer noch, die Expropriateure zu expropriieren. Und in Schriften wie den „Umrissen der Weltcommune“ und den Schriften des Unsichtbaren Komitees werden schon teilweise sinnvolle Impulse gegeben.

Was ist ihr Lieblings-Totschlagargument?

Das ist Faschismus!

Und welche Gretchenfrage stellen Sie gerne?

Bernd oder Björn?

Wen würden Sie gerne mal trollen?

Jakob Augstein.

Was kann die Community besser als die Redaktion?

Mein peinlichster Mausrutscher war …

Wie sind Sie auf Ihren Nickname gekommen?

Mangelnde Kreativität.

Und was ist für Sie das vollkommene Glück?

Glück ist unerreichbar und somit kein wünschenswertes Ziel. Doch überall wird einem das Glück versprochen, so dass das Streben nie endet. Vielleicht hält das Streben nach Glück die Welt im Gleichgewicht. Und das ist schlecht. Das individuelle Streben nach Glück ist eine Massenware. Derzeit bedeutet Glück die Reproduktion bürgerlicher Ideal in Selbstdarstellungsexzessen, besonders bei Instagram (die perfekte Familie, die perfekte Karriere, der perfekte Körper, Reichtum, Glück als Ziel, definiert in Erfolgsnarrativen des Spätkapitalismus). Sinn politischer Theorie ist sicherlich die Suche nach dem lebenswerten, besseren Leben. Aber nicht die Suche nach Glück. Das Streben nach Glück als Sinnstiftung, wie es schon in der Antike vorkam, ist zu verwerfen. Glück steckt in Momenten. Die schönsten Momente des Glücks schenkt einem wohl die Liebe. Liebe schenkt einem Glück, aber auch sie macht nicht glücklich. Und das ist ok.

Wer sonst noch geantwortet hat?

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06:00 07.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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