Die Aggressivität der Oberschicht

Land des Hasses ---
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Das Problem hat Tradition: komplexere Gedankengänge werden dem Leser nicht zugetraut. Aus "Kein Fußbreit den Faschisten" wird eine Entweder-Oder-Frage der Solidarisierung: ob man sich mit "den Flüchtlingen" / den Opfern der Leipziger Angreifer solidarisieren wolle, oder mit den Opfern der Kölner Angriffe.

Das beleidigt Flüchtlinge und Frauen gleichermaßen, denn die wenigsten Flüchtlinge sind Belästiger und Vergewaltiger, und viele von ihnen sind Frauen. So wie Jakob Augstein bläst man die Brandschatzer von Leipzig zu Kolossen auf: wenn diese Gesellschaft, mit allem, was sie an Zivilgesellschaft und rechtsstaatlichen Mitteln immerhin noch hat, es für angemessen hält, aus den Ereignissen der letzten Wochen eine "with-us-or-against-us"-Aufforderung zu formulieren, dann verliert sie ihre Maßstäbe, und wirft ihr Selbstbewusstsein auf den Müll.

Ich beantworte die Frage danach, welcher Entweder-oder-Gruppe meine Solidarität gehört, mit "beiden". Diese Entweder-oder-Gruppen werden in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren immer wieder erneut definfiert, und vielleicht auch anders als jetzt, aber immer mit der gleichen, destruktiven Wirkung.

Wer meint, er müsse eine in ihren Rechten verletzte Gruppe, den einen in seinen Rechten verletzten Menschen, gegen die anderen ausspielen, ist kein Freund von mir. Meine Gesellschaft ist das nicht. Meine Gesellschaft ist die, die nach besten Kräften Fairness und Gerechtigkeit übt, ohne Ansehen der Herkunft, ohne Ansehen des Geschlechts. Meine Gesellschaft ist die, die niemandem, der guten Willens ist, den Mund verbietet oder versucht, ihn propagandistisch zu überfahren.

Menschenrechte erlauben keine Quantifizierung. Natürlich ist es angebracht, zu deeskalieren, wo es möglich ist. Deeskalation aber war entweder nicht Jakob Augsteins Absicht, oder sie ist ihm gründlich entglitten. Es ist eine Sache zu sagen, die Kölner Ereignisse hätten die Aggressivität der deutschen Mittelschicht offengelegt. Es ist eine andere zu behaupten, nur darum gehe es jetzt noch.

Ich lebe in einer Welt, in der es diese Mittelschicht gibt. Ich weiß: wer den Mund hält, wenn die Ausfälligkeiten beginnen, gibt sein Recht zur eigenen Positionierung auf, und er vergisst seine Pflicht dazu. Aber ich weiß auch, dass ich mich dabei nur auf Menschen verlassen kann, die ich selber kenne, und die aus ungefähr dem gleichen Stall kommen wie ich.

Denn neben der Aggressivität der Mittelschicht kenne ich auch etwas anderes: die Aggression der Oberschicht gegen die Mittel- und gegen die Unterschicht.

Jakob Augstein hat ihr am vorigen Donnerstag Worte verliehen.

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Der Nebenwiderspruch lebt, D.v.W., 14.01.16

06:41 15.01.2016
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