Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit

Grundwertediskussion Liberale Politiker fordern mehr Freiheit, Sozialisten mehr Gleichheit und alle wollen Gerechtigkeit. Interessante Schlagworte - doch was könnte konkret gemeint sein?
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Über menschliche Grundwerte haben Philosophen und Schriftsteller in den vergangenen Jahrhunderten umfassende Überlegungen angestellt. Deren Werke füllen ganze Bibliotheken. Um politisches Handeln auf ein solides Fundament zu stellen, sollte aus meiner Sicht permanent eine Debatte über die konkrete Deutung und Definition absoluter Grundwerte erfolgen – vor dem Hintergrund der jeweiligen zeitgeschichtlichen Situation. Doch zurzeit führt die politische Klasse nach meinem Eindruck keine wirklich vertiefte Grundwertediskussion, sondern konzentriert sich eher auf Pragmatismus und Machttaktik. Insofern sehe ich Geisteswissenschaftler sowie die Bürgergesellschaft gefordert, sich über Werte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit vertiefte Gedanken zu machen. Und als Staatsbürger möchte ich die folgenden Ausführungen zur Diskussion stellen.

Individuelle Freiheit stellt für die meisten Menschen ein besonders hohes und schützenswertes Gut dar. Deshalb gilt eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zurecht als ideale Basis für jeden Rechtsstaat. In keiner anderen Staatsform haben die Menschen mehr Chancen auf persönliche Selbstverwirklichung. Um den Begriff der Freiheit zu präzisieren, halte ich allerdings eine Auffächerung in wirtschaftliche und kulturelle Freiheit für nötig.

Auf dem Gebiet der Ökonomie sehe ich angemessene Regulierungen als erforderlich an, welche die unternehmerische Freiheit begrenzen. Denn in einer Marktwirtschaft dominieren die Prinzipien des Wettbewerbs und der Konkurrenz. Allzu weitreichende Freiheiten in der Wirtschaft führen deshalb zum Recht des Stärkeren auf Kosten der Schwächeren. Insofern steht der Wunsch nach ökonomischer Freiheit dem Ziel nach Gleichheit der Menschen häufig entgegen. Dabei sollten Einkommen und Vermögen freilich nicht absolut gleich verteilt sein. Doch sollte die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu weit auseinandergehen. Eine Reduzierung auf Chancengleichheit wiederum erscheint mir als zu kurz gedacht. Auch schwächere Menschen mit weniger Durchsetzungskraft haben Anspruch auf ein Leben in Würde und das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb sollte eine ausgewogene Balance zwischen Gleichheit und Freiheit angestrebt werden.

Hinsichtlich der kulturellen Lebensgewohnheiten sollte jeder Mensch sein Privatleben - jenseits von Wirtschaft und Arbeit - möglichst frei gestalten können. Bei individuellen Sitten und Gebräuchen kann sich der Staat weitgehend zurückhalten. Nur wenn Rechte Dritter bedroht sind, soll der Staat intervenieren. Ein zu rigider Staat würde zu einer Beschneidung der kulturellen Freiheit und zu einer Gefahr für Bürger- und Menschenrechte werden.

Zum Begriff der Freiheit im Zusammenhang mit Gerechtigkeit hat der US-amerikanische Philosoph John Rawls (1921-2002) wichtige Denkanstöße geleistet. Im Jahr 1971 erschien sein Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“; im Jahr 2001 sein Buch „Gerechtigkeit als Fairneß“. In diesen Schriften fordert Rawls, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf gleiche Grundfreiheiten haben solle. Allerdings sieht Rawls dabei das Problem, dass diese Grundfreiheiten zu sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten führen können. Deshalb sollen folgende Prinzipien als Korrektiv Berücksichtigung finden:

  • Die Freiheitsrechte müssen den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen.

  • Ämter und Positionen müssen allen gem. fairer Chancengleichheit offenstehen.

Über 2.000 Jahre vor Rawls machte sich bereits ein Denker im antiken Athen umfassende Gedanken über den Begriff der Gerechtigkeit: Aristoteles (384-322 v.Chr.) formulierte in seiner Nikomachischen Ethik Grundprinzipien für eine gerechte Gesellschaft. Aus den Überlegungen von Aristoteles lassen sich meines Erachtens für das 21. Jh. folgende Grundprinzipien ableiten:

  • Jeder Mensch soll ein Einkommen entsprechend seiner Begabungen und Talente sowie seines Engagements in Wirtschaft und Gesellschaft erhalten (austeilende Gerechtigkeit).

  • Zufälligkeiten im Leben, Glücksfälle oder Schicksalsschläge sollen durch Umverteilungsmaßnahmen ausgeglichen werden. Hierzu dienen vor allem ein gerechtes Sozialsystem sowie ein Steuerrecht, das hohe Einkommen und Vermögen angemessen belastet (ausgleichende Gerechtigkeit).

Mit Aristoteles und Rawls bin ich von der Antike direkt in die nähere Gegenwart gesprungen. Zeitlich dazwischen liegen Humanismus und Aufklärungsphilosophie mit ebenfalls wichtigen Werken, um gesellschaftlichen und menschlichen Fortschritt zu erreichen.

21:31 09.01.2013
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