Wirtschaftswissenschaft in der Kritik

Ökonomie Unrealistische mathematische Modelle diskreditieren die Wirtschaftswissenschaft. Eine Neuausrichtung der Volkswirtschaftslehre wäre erforderlich.
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Nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 hat der Ruf der Wirtschaftswissenschaften deutlich gelitten – auch in breiten Teilen der Bevölkerung. Denn nur wenige Ökonomen haben vor der sich anbahnenden Krise gewarnt.

Außerdem gilt die derzeit vorherrschende Wirtschaftswissenschaft als wenig sozial. Die Ursache dafür liegt aus meiner Sicht darin begründet, dass die Volkswirtschaftslehre Erkenntnisse der Sozialwissenschaften und der Moralphilosophie nicht ausreichend integriert. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass wirkmächtige Ökonomen wie der liberale Adam Smith (1723-1790) oder der sozialistische Karl Marx (1818-1883) Ökonomen und Philosophen zugleich waren.

Doch das größte Problem der Wirtschaftswissenschaft besteht meines Erachtens darin, mathematische Modelle zu verwenden, welche die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht ausreichend analysieren können. Dies gilt vor allem für die Theorien der Neoklassik, die zurzeit die dominierende volkswirtschaftliche Denkschule darstellt. Die neoklassischen Modelle mögen mit einiger logischer Eleganz daherkommen. Doch zur Erklärung der Realität sowie als Grundlage für politische Entscheidungen sind sie nicht geeignet. Denn Modelle müssen auf gewissen Grundannahmen aufbauen, welche die gesamte Komplexität menschlichen Verhaltens jedoch nicht erfassen können. Darüber hinaus sind die Prämissen der Neoklassik als ziemlich weltfremd zu bezeichnen.

Zum einen gehen neoklassische Ökonomen von einem sehr skurrilen Menschenbild aus: dem „Homo oeconomicus“. Bei dieser seltsamen Kreatur handelt es sich um ein rein rational handelndes Wesen, das kühl kalkulierend nur die Maximierung des eigenen Nutzens im Kopf hat. Emotionen sind dem „Homo oeconomicus“ fremd. Des Weiteren wird unterstellt, dass Produzenten und Konsumenten über vollständige Informationen über alle entscheidungsrelevanten Fakten verfügen, was freilich unmöglich ist. Und schließlich wird in den meisten Modellen ein vollkommener Markt mit vollständiger Konkurrenz unterstellt. Zusätzlich wird allerdings auch die Wirkung von Marktmacht - ausgeübt von Monopolen und Oligopolen – untersucht.

Zur Ehrenrettung der Wirtschaftswissenschaft als Ganzes möchte ich anmerken, dass die Neoklassik nur eine von vielen verschiedenen Denkrichtungen darstellt. Dies zeigt ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte. Bereits bei Platon (427-347 v. Chr.) findet man in dessen Werk „Der Staat“ ökonomische Überlegungen, wenn auch nur in rudimentärer Form. Die Gründung der modernen Wirtschaftswissenschaft wiederum fällt in das 18. Jh. und wird Francois Quesnay und Adam Smith zugeschrieben. Insgesamt kann man sagen, dass es seit Jahrhunderten ökonomische Denker gibt, die durchaus interessante Erkenntnisse hervorgebracht haben.

Was die Zukunft der Wirtschaftswissenschaft betrifft, so sollte sich diese Disziplin aus meiner Sicht von den mathematischen Modellen verabschieden und den Fokus auf drei Denkschulen legen: Umweltökonomie, Gemeinwohl-Ökonomie und Glücksforschung. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Umweltzerstörung sind wirtschaftliche und ökologische Fragen dringend miteinander zu verknüpfen. Die Gemeinwohl-Ökonomie wiederum richtet ihren Blick verstärkt auf ein solidarisches Miteinander in der Gesellschaft. Und die ökonomische Glücksforschung kann einen wichtigen Beitrag leisten, die Zufriedenheit und Lebensqualität der Menschen zu verbessern.

18:53 23.03.2014
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