Überall Dada

Seit 100 Jahren Am 5. Februar 1916 wurde in der Spiegelgasse 1 in Zürich das Cabaret Voltaire eröffnet. Nebenan schrieb Lenin und auf den Schlachtfeldern Europas starben die Soldaten.
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Auf dem Weg zum Stammtisch der Gutmenschen auf dem Siggi traf ich in der Stadtbahn den Kollegen Dr. R., der mich daran erinnerte, dass heute vor 100 Jahren Dada in Zürich das Licht der Welt erblickt hatte. „Dada ist nicht tot“, stellte er zufrieden fest und las mir aus der Zeitung einen Satz aus der Rede des Vorsitzenden des Handelsverbands Ostwestfalen-Lippe vor, den dieser beim Neujahrsempfang seiner Organisation in Detmold mit Blick auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gesagt hatte: „Ist eine Kanzlerin politisch, rechtlich und moralisch legitimiert, so zu handeln – eine Gen-Änderung des Gemeinwesens zu verantworten?“ Wir kicherten amüsiert, Dr. R. strich seiner schokobraunen Enkelin über das krause Haar und äußerte, als sie an der Oetkerhalle die Stadtbahn verließen, die Hoffnung, dass das Erbe von Dada mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft krieche.

Auf dem Stammtisch lag schon die taz, die der Kollege N. mitgebracht hatte und die heute ganz dem Centennial dadas gewidmet ist. N. trug uns ein Gedicht von Hugo Ball vor, das dieser für den Abend am 5. Februar 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich geschrieben hatte:

Gadji beri bamba / glandridi laula lonni cadori / gadjama bim beri glassala / glandridi glassala tuffm i zimbrabim / blassa galassala tuffm i zimbrabim …

Die Verse provozierten unsere Lust an der Dechiffrierung von hermetischer Poesie: Wir versuchten Balls Verse nach den uns geläufigen Methoden zu analysieren, kamen aber nicht weit, weil textimmanente Ansätze versagten und uns viele zur Kontextualisierung notwendige Informationen fehlten. Einer wusste, dass der Autor mit Carl Schmitt befreundet war, dem späteren furchtbaren Juristen des Dritten Reiches; ein anderer meinte zu wissen, dass Lenin ein regelmäßiger Besuchers des Cabaret Voltaire gewesen sei. Wir gaben uns Mühe, konnten jedoch keinen stringenten Zusammenhang der Ballschen Verse mit „Der Führer schützt das Recht“ und Theorie oder Praxis des Bolschewismus erkennen.

Auch Nachfragen bei Passanten, die an der benachbarten Fischtheke anstanden, brachten uns nicht weiter, lösten bei ihnen jedoch amüsierte Assoziationen aus - eine junge Frau mit strengem Kurzhaarschnitt und Brille vermutete zum Beispiel, dass sie ähnliche Lautverbindungen bei ihrem Zweijährigen gehört habe, es in diesem Fall aber wohl eher darum gehe, die „Unsagbarkeit der Wirklichkeit“ vorzuführen.

Die Fischverkäuferin setzte unserem Bemühen um ein kollektives Textverstehen ein jähes Ende, indem sie ankündigte, dass Fish’n Chips bald alle seien: „Last order!“

Wir zogen uns an den Stammtisch zurück, leckten die Wunden, die das Leben uns Gutmenschen in der Woche geschlagen hatte, und zerstreuten uns, nachdem wir mit der taz festgestellt hatten, dass „die Methode Dada heute mehr denn je gebraucht“ werde.

Zuhause lag der Freitag im Postkasten. Der Kulturteil erinnert an Dada. Könnte ein guter Leseabend werden.

15:40 05.02.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
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