Merkel, linke Milieus und Qualitätspresse

Wolfgang Streeck Der ehemalige Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung polemisiert gegen Linke und Leitmedien, die den Herrschaftstechniken Merkels auf den Leim gingen
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Wer, wie ich,

sich als politisch heimatloser Sozialdemokrat und Angehöriger eines irgendwie linken Milieus versteht,

in Europa immer noch ein Friedensprojekt und ein Palliativ gegen einen deutschen Nationalismus sieht,

Merkels Flüchtlingspolitik bis zur Silvesternacht unterstützt hat und sich immer noch aktiv für Flüchtlinge und ihre Integration einsetzt,

mit seinem Abo eines leitmedialen Presseerzeugnisses doch einigermaßen zufrieden ist und

keine Scheu davor hat, einen Kritiker zu lesen, der das alles für Krokolores hält,

der sollte noch heute Abend, statt dem Sieg der Bayern über die Madrilenen zuzuschauen, den Aufsatz von Streeck (http://bit.ly/1UwkPRf) in der FAZ von heute lesen und in sich gehen.

Auch den anderen, die das alles schon wussten, schadet die Lektüre nicht. Zwei Auszüge als Appetizer:

Zu dem geradezu einheitsparteilichen Konformitätsdruck, der den deutschen Flüchtlingsdiskurs bis vor kurzem zusammenhielt, trug neben dem Regierungsapparat auch das sonst sich so kritisch gebende linke und linksliberale Milieu bei, das sich zur Aufrechterhaltung der nationalen Disziplin routinemäßig der Drohung bedient, Abweichler, die die neuen Kleider „der Kanzlerin“ partout nicht sehen konnten, in die rechte, bräunliche bis braune Ecke zu verweisen.

Auch große Teile der deutschen Qualitätspresse, von den öffentlich-rechtlichen Medien nicht zu reden, haben vergessen, dass es zu den Aufgaben politischer Kommentierung gehört, die von den politischen Maschinen produzierten „Narrative“ auf ihre Lokalisierung in den in ihnen unterliegenden Geflechten kollektiver und partikularer Interessen hin zu untersuchen, anstatt sich als Cheerleader einer karitativen Begeisterungswelle zu betätigen, von der jeder wissen konnte, dass sie nicht lange anhalten würde. Statt kritischer Analyse erleben wir allzu oft eine psychologisierende Hofberichterstattung, vor- und postmodern zugleich, über die Damaskus-Erlebnisse einer Parteiführerin, die zu solchen, anders als der zum Paulus gewordene Saulus, immer wieder von neuem, sobald es die Lage erfordert, fähig zu sein scheint, von Fukushima über Budapest bis Istanbul.

20:23 03.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
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