koslowski
19.05.2017 | 21:51 26

rätselhaft elitär unpolitisch

Moderne Lyrik ist ... Oder verstehen Sie dieses Gedicht?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied koslowski

(boot im dunkeln)

ich sitze in einem boot
und die dunkelheit ist das boot in dem ich sitze
Das boot ist ruhige bewegung Dunkel
und früh abends Das wasser ist schwarz
und das boot ist ruhige bewegung Dort drüben
sind das ufer und die häuser Ich höre die wellen
ans ufer schlagen
und ich denke dass die häuser weiß sind
ich sitze in einem boot
und es gibt keinen einzigen menschen
ich sitze in einem boot und ich bin
ein wasser ohne wellen
ich bin kein mensch
und es ist still
denn ich bin kein mensch mehr
ich bin stille in einem boot
ich bin dunkelheit in einem boot
und alles ist blau und es ist dunkel
so dunkel und nass

Ein Ich sitzt in einem Boot, das der ruhigen Strömung des Wassers folgt. Es ist früher Abend, aber schon dunkel. Das Ich stellt sich vor, am Ufer die Geräusche der Wellen und die Helligkeit der Häuser wahrzunehmen. Es bildet sich ein, Teil der menschenlosen Umgebung zu sein: Wasser, Stille, blaue Dunkelheit.

Der Autor verwendet zur Beschreibung der Situation und Gedanken des anonymen Sprechers eine einfache Sprache: Aussagesätze, Wiederholungen, einleuchtende Bilder, das Prinzip der Steigerung in der Schilderung seiner Transformation vom Subjekt zu einem Element der Natur. Es gibt einen Höhepunkt: die lapidare, paradoxe Feststellung: ich bin kein mensch. Außerdem: konsequente Kleinschreibung, kein Reim, kein Metrum.

Hat das Gedicht eine Botschaft? Vielleicht die lässige Imagination einer Situation, in der der Mensch zu Ruhe und Einkehr findet, indem er sich, seine Identität und die Eigenschaften seiner Gattung – verstehen, nach Sinn suchen, aktiv sein, verändern – für einen Moment vergisst. Vielleicht eine nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der eine Einheit von Mensch und Natur noch möglich war? Eine Mahnung vielleicht in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz? Also vielleicht doch nicht ganz unpolitisch. Obwohl: keine Anspielungen auf Krise der Demokratie, Krise der Linken, soziale Krise, Umweltkrise, Flüchtlingskrise und andere Krisen in der Welt. Also doch unpolitisch?

Ich weiß es nicht. Der Autor Jon Fosse und sein Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel erhalten übermorgen den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie.

Ich glaube, ich fahr mal hin.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (26)

w.endemann 20.05.2017 | 02:24

Eine gute Idee, ein semiabstraktes Gedicht hier einmal zur Diskussion zu stellen. Meine Vorkommentatoren drücken sich ja vor der Qualitätsfrage, ist das Kunst oder Quatsch, vielleicht zurecht. Ich finde es aber (auch wenn es so viel Wichtigeres gibt) spannender, dieses kleine Gedicht einmal ernst zu nehmen.

Zu Ihrer Interpretation. Im ersten Absatz beschreiben Sie die Realitätssplitter, die das Gedicht bemüht, denn auch über das Abwesende, das Nichts, muß man mit Worten reden. Im zweiten Absatz beschreiben Sie die Technik, mit der das ins Werk gesetzt wird.

Hat das Gedicht eine Botschaft? Sicher nicht im Sinne Susan Sontags (against interpretation). Aber es hat einen Inhalt, den es zu erfassen gilt. Hier habe ich ein paar kleinere Einwände. Ich sehe im Text keine Hinweise auf Intentionalität, keine lässige Imagination, weder Suchen noch Finden von Ruhe und Einkehr, auch kein Vergessen. Ergo auch keine nostalgische Erinnerung. Allenfalls taucht eine Erinnerung an den embryonalen oder besser fetalen Zustand auf. Insofern kann man tatsächlich von der Einheit von Mensch und Natur sprechen. Das Bild bildet sich unwillkürlich bzw stellt sich unwillkürlich ein, ich würde es als Entrückung bezeichnen.

Keinerlei Hinweise auf einen im engeren Sinn politischen Inhalt, keine Mahnung in Zeiten von Digitalisierung, keine Anspielung auf diverse Krisen in der Welt. Wenn das Gedicht politisch ist, dann auf die Weise, wie es die conditio humana indirekt anspricht.

Ein paar interpretatorische Ergänzungen. Leider kennen wir das Original nicht, wissen also nicht, ob die Übersetzung semantische Bezüge verschluckt oder hinzugefügt hat. Ich beziehe mich also nur auf die deutsche Textversion. Gegenüber Ihrer Interpretation fällt mir mehr die abstrakt-strukturale Komposition ins Auge. Da ist eine Innen-Außen-Differenz, und im Unterschied zur normalen Erfahrung als Individualstrukturen (Freudsche Ichs), die sich gegen eine chaotische Welt behaupten, sich in der Welt durch Strukturierung heimisch einrichten, ist hier das Äußere (geahnt) strukturiert (die weißen Häuser), das Innere entdifferenziert. Anfangs ist es die Nahumgebung, die dunkel, ruhige Bewegung, schwarz, Stille, das Blau des leeren besonnten Himmels und der dunklen Tiefen des Ozeans ist. Dann aber ist das Zentrum dieser näheren Umgebung noch konturloser, eigenschaftsloser, ich bin die Stille, die Dunkelheit, weniger noch: ich bin ein Wasser ohne Wellen, ich bin kein Mensch mehr (intrauterin?, ein Nichts).

Auch wenn man es sicher formal noch besser, sprachlich suggestiver machen könnte, mir gefällt dieser Ausflug in ein dekonstruiertes Inneres.

Michaela 20.05.2017 | 08:20

sorry, doch das ist hochpolitisch und ich finde mich darin.....

... der Autor allerdings hockt wirklich im Boot, seine Dunkelheit umfängt ihn, so sehr er auch mit Worten die menschliche Schwärze zu zeichnen vermag, seiner Eitelkeit vermag er sich nicht zu entzíehen, im Gegenteil sie zieht ihn in das Boot hinein, macht ihn zu einer Planke und das plätschern der Leichensuppe macht ihn, freudig hüpfend, auf jenen treibend.

Die "Lyrik" kommt sicher, so man seine Muttersprache norwegisch heisst. (Da muss ich passen.........)

Achtermann 20.05.2017 | 09:19

Koslowski schreibt: Außerdem: konsequente Kleinschreibung...

Wirklich? In den ersten Zeilen seh' ich Großschreibung.

Das boot ist ruhige bewegung Dunkel
und früh abends Das wasser ist schwarz
und das boot ist ruhige bewegung Dort drüben
sind das ufer und die häuser Ich höre die wellen...

Woran liegt's? Sind es Tippnachlässigkeiten? Oder ist in diesen Zeilen die konsequente Kleinschreibung ausgesetzt? Für die Interpretaion hat das schon eine Bedeutung. Ich müsste mich sonst fragen: Warum ausgerechnet diese Wörter mit großem Anfangsbuchstaben? Wollte der Autor damit den Satzbeginn optisch signalisieren? Warum, wenn dem so wäre, gerade im Anfangsteil? Weshalb verzichtet er im Anschluss auf die äußere Kennzeichnung und überlässt dem Rezipienten, Sinneinheiten zu finden?

koslowski 20.05.2017 | 13:30

@alle

Herzlichen Dank für eure Assoziationen, Beobachtungen und Vorschläge zum Verständnis. Sie sind unterhaltsam (Hape K. und Wilhem B.) und lehrreich (Entdifferenzierung der Innen- und strukturierte Außen-Welt sowie ihre Spiegelung in formaler Struktur und Sprache). Die FC als lyrisches Dechiffriersyndikat funktioniert.

Die Preisverleihung an Fosse und Schmidt-Henkel findet am Sonntagvormittag statt. Da habe ich leider anderes vor. Trotzdem machen wir uns jetzt auf den Weg nach Münster. Wir werden Relikte der Skulpturen 2007 in der Stadt aufsuchen und dabei auf den Aasee treffen, wo 1968 unsere Beziehung begann (auch in menschenleerer Nässe und Dunkelheit) und vor zehn Jahren die Affäre der schwarzen Trauerschwänin Petra mit einem weißen Riesen-Tretboot ohne Happy-End endete – übrigens auch ein Thema für moderne Poeten mit der Neigung zu lyrischen Reflektionen über Mensch, Natur, Identität und Grenzüberschreitung..

Adieu.

Magda 20.05.2017 | 19:44

Hier ist die norwegische Originalversion

(båt i mørker)

eg sit i ein båt
og mørkret er båten eg sit i
Båten er rolege røsrsler Mørkt
og tidleg på kvelden Sjøen er svart
og båten er rolege rørsler Der inne
er fjøra og husa Eg høyrer bølgjene
slå mot fjøra
og eg veit at husa er kvite
eg sit i ein båt
og ikkje eit menneske finst
eg sit i ein båt og eg er
ein sjø utan bølgjer
eg er ikkje menneske
og det er stilt
for eg er ikkje lenger menneske
eg er stille i ein båt
eg er mørker i ein båt
og alt er blått og det er mørkt
så mørkt og vått

Vielleicht ist die "Wortmusik" da anders, wenn man es im Original hört.

Krysztof Daletski 20.05.2017 | 21:08

Aber es gab ja mal den ZweiZeiler, an den mich das Gedicht gleich erinnert hat

Da führt Sie Ihre Erinnerung etwas in die Irre: das war kein "Zweizeiler", sondern die Todesfuge von Paul Celan, ein zugleich erschütterndes und sprachlich raffiniertes Gedicht über den Holocaust (weil Celan weniger als 70 Jahre tot ist, darf ich das Gedicht hier leider nicht wiedergeben, aber möglciherweise kennen es die meisten im distinguierten Zirkel der dFC).

Der Vergleich mit einem der berühmtesten deutschen Gedichte erscheint mir in Bezug auf dieses Gedicht aber doch etwas vermessen.

Krysztof Daletski 20.05.2017 | 21:15

Normalerweise schriebt man bei Gedichten Veranfänge groß. Vielleicht ist das eine Art Invertierung der sogenannten "Zeilensprünge", indem der neue Satz vorzeitig in der Mitte des Verses anfängt, statt in den nächsten Vers verschoben zu sien?

Oder die Großbuchstaben bedeuten etwas (war im Mittelalter bis Barock eine beliebte Technik). Dem von Magda geposteten Original entnehme ich: "BMSDE". Steht das für irgendwas? Na ja, ist vermutlich überinterpretiert...

Aussie42 20.05.2017 | 23:14

Nunja. Ich interpretiere nicht das Gedicht, sondern reagiere auf die "irritierende" Interpretation von @Michaela, die sich ein Hoyhnhnms als Profile-Bildchen ausgesucht hat. Darum der Anfang mit dem Pferd. Dass ich Celan zitiere ist mir durchaus bekannt. Ich erwaehne den, weil @Michaela mit dem Wort "Leichensuppe" genau das Zentrum des vorgestellten Gedichts getroffen hat. Dass es sich um das Zentrum handelt, wird deutlich wenn man den Briefwechsel von Celan und Bachmann darauf bezieht. Eine eine aehnlich Schwere wird vorgezeigt. Zufrieden? P.S. Dass die Todesfuge, das "beruehmteste deutsche Gedicht" sei, ist bekanntlich umstritten.

denkzone8 21.05.2017 | 04:37

angst

hat mich ergriffen:

offenbar mein un-vermögen,

lyrisches wasser zu queren,

ohne nass zu werden.

mein banausen-tum am pranger:

entsetzlicher gedanke.

- als klotz geziehen -

jenseits der kenner-schranke.

schon reicht das wasser bis zur wade,

un-gehalten sink ich,

nicht ein wort des verstehens

wird mir zum rettungs-ring,

die schwernis meines dummen seins:

un-leugbar.

preis-würdige gedichte:

machen mich zunichte....