Freund, Ehemann, Vater – und Impfverweigerer

Impfpflicht Hin- und hergerissen zwischen Freundschaft und Pandemiemaßnahmen trifft sich unsere Autorin mit einem Freund, der sich nicht impfen lässt – der Versuch einer Annäherung
Fast alle Freizeitaktivitäten setzen inzwischen „2G" voraus. Der Impfverweigerer bleibt ausgeschlossen
Fast alle Freizeitaktivitäten setzen inzwischen „2G" voraus. Der Impfverweigerer bleibt ausgeschlossen

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Ich kenne ihn. Der Impfverweigerer ist ein entfernter Freund mit warm leuchtenden Augen, aber ich traue mich nicht, ihn zur Begrüßung zu umarmen. Er hat mir schon öfter aus der Patsche geholfen, aber jetzt schlägt er den Blick nieder. Früher vibrierte er vor Tatendrang, aber jetzt wirkt er matt.

Der Impfverweigerer versucht nicht, mich davon zu überzeugen, dass die Spritze Gift sei. Aber er möchte über unser Land sprechen: „Alle sind gleichgeschaltet. Man kann sich nicht mehr frei bewegen.“ Seine deutsche Heimat sei ihm fremd geworden. „Ich gehöre irgendwie nicht mehr dazu“, sagt er.

Ich habe ihn längere Zeit nicht gesehen, nun bin ich fast erstaunt, dass der Impfverweigerer kein Hakenkreuz-Tattoo am Arm hat, sondern nur das Friedenszeichen, das ich schon kenne, und ein kleines Coronabäuchlein. Meine selbstgebackenen Kekse schmecken ihm. Er war nie rechts, aber man liest ja jetzt viel. Ein „Sozialschädling“ sei der Impfverweigerer, und eben: „rechts“. Dass der Impfverweigerer sich als Elternvertreter und in der Gewerkschaft engagiert, dass er anständige Bücher liest und Triathlon-Teilnehmer war, dass er beim Einkaufen auf regionale Herkunft, faire Produktionsbedingungen und achtsame Tierhaltung achtet, dass er ein liebevoller Vater und zärtlicher Liebhaber ist, könnte man da leicht übersehen, beim Starren auf die Spritze.

Der Impfverweigerer sitzt aerosolgefährlich nah in meiner Küche und guckt traurig. Und ich habe ein ungutes Gefühl. Sein Nichtgeimpftsein schiebt sich zwischen uns.

Der Impfverweigerer erzählt, wie schlimm es einen gemeinsamen Bekannten erwischt hat. „Doppelt geimpft. Jetzt Intensivstation.“ Der Impfverweigerer ist kein Coronaleugner. Einige in seinem Bekanntenkreis sind erkrankt, zuletzt sein ungeimpfter jüngerer Sohn. „Der ist aber wieder fit.“

Eigentlich ist der Impfverweigerer ein ganz normaler Mann

Der Impfverweigerer berichtet von einem Kollegen: „Gürtelrose quer übers halbe Gesicht nach der Spritze!“ Andere hätten nach der Impfung wochenlang schwer krank im Bett gelegen. Ich sage, dass er natürlich solche Fälle besonders wahrnimmt, als Bestätigung. Er grinst und nickt. Er ist ja nicht blöd. Aber er wolle sich vom Staat nicht sagen lassen, was er mit seinem Körper zu tun hat. Er habe das Vertrauen nicht.

Eigentlich ist der Impfverweigerer ein ganz normaler Mann, aus einfachen Verhältnissen in Ostdeutschland, Lehre, weil er nicht studieren durfte. „Die Partei, die Partei hat immer recht“, zitiert er einstige Parolen. Er wusste schon damals, dass das nicht stimmt, alle wussten es, „aber alle haben so getan, als ob. Und jetzt soll ich plötzlich alles glauben? Oder wieder so tun, als ob?“ Wenn die allgemeine Impfpflicht kommt, will er auswandern. Nach Polen. Oder nach Russland. „Frei sein.“

Die Freiheit, die er meint, sei eine falsche, höre ich. Manche sprechen sogar von einem verkommenen Freiheitsbegriff. Die richtige Freiheit sei nicht individualistisch, sondern solidarisch. Moralisch und politisch korrekt sei nur die Freiheit, die mit den politisch verfügten Einschränkungen der Freiheit aus freien Stücken einverstanden ist. Besser hätte es Ulbricht nicht ausdrücken können: Freiheit als Unterordnung, als Einordnung ins Kollektiv, als Auslöschung individuellen Empfindens und Bedürfens. Nur kollektive Freiheit macht frei!

Das Praktische dabei ist die Illusion der Eindeutigkeit. Die lästige Ambivalenz, die einst die Debatte um Freiheit und Sicherheit begleitete, kann auf den Müllhaufen der Geschichte. Weg damit! Nach vorne denken! Fortschritt! Man darf nun aus Herzenslust militant intolerant sein und sich dabei nicht nur solidarisch, liberal und verantwortungsvoll vorkommen, sondern auch als Verfechter der einzig wahren, seligmachenden Freiheit. Dass da mancher „Umerziehung" wittert, ist beinahe nachvollziehbar.

Den Begriff der Freiheit zu instrumentalisieren, indem man ihn zum Werkzeug ihrer Einschränkung ideologisiert, war schon immer ein genialer Schachzug. Vielleicht ist der Impfverweigerer schlauer als so mancher Solidaritäts-Pathetiker, weil er so frei ist, bei so einer Freiheit nicht mitzumachen?

Er will nicht an allem schuld sein

Der Impfverweigerer hat Kinder, wie andere Menschen auch. Seine Frau geht nicht zur Wahl und tickt esoterisch. Impfungen lehnt sie ab. Er selbst ist damit weniger dogmatisch. Der Impfverweigerer hört viel Deutschlandfunk, allerdings ertrage er zurzeit keine öffentlich-rechtlichen Medien. Weil sie über ihn wie über ein schädliches Insekt sprächen. Oder bestenfalls wie über ein Kind, das man von der gesunden Suppe überzeugen muss. Aber meistens spricht man über den Impfverweigerer wie über einen Pandemiegeneralschuldigen, und das deutsche Volk erscheint als Gläubiger, der jetzt mit Hilfe der Medien und der Maßnahmen die Schulden eintreibt.

Der Impfverweigerer will nicht an allem schuld sein. Er will sich nur einfach nicht impfen lassen. Er hat Angst vor Langzeitwirkungen. Er hat Angst vor Gehirnwäsche. Und am meisten Angst hat er vor Karl Lauterbach. Denn der habe gelogen, mitten im Fernsehen, als es um ein Medikament mit tödlichen Folgen ging. „Das war vor Corona.“ Ich weiß nicht, worauf er sich bezieht, aber dass Politiker nicht immer die Wahrheit sagen, erscheint mir nicht ganz unwahrscheinlich.

„Die Impfungen sind ein Experiment an Milliarden Menschen“, sagt der Impfverweigerer. Ich rate ihm, so etwas besser nicht in der Öffentlichkeit zu sagen. „Merkst du was?“, fragt er mich. „Was denn?“ „Es ist wie in der DDR. Manche Sachen darf man nicht sagen.“ Ich verkneife mir zu sagen, dass er auch das lieber für sich behält.

Mir wäre lieber, er ließe sich impfen. Er ist Mitte fünfzig. Seine Eltern sind geimpft, sein älterer Sohn auch. Der Impfverweigerer toleriert das alles, er will niemanden von seiner Überzeugung überzeugen: „jeder wie er meint“.

Der Impfverweigerer ging immer gern ins Schwimmbad, mehrmals in der Woche. Jetzt nicht mehr, wegen 2G. Auch ins Kino darf er nicht, oder ins Fitnessstudio, ins Café, in den Klamottenladen, zum Friseur. Nicht mal ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt ist für ihn drin.

„Weißt du noch, wie in der ersten oder zweiten Welle die Friseure wieder aufmachten?“, fragt er mich. „Stimmt, wegen der Menschenwürde“ erinnere ich mich. „Da gab es noch keinen Impfstoff“, erklärt der Impfverweigerer. „Jetzt gilt Menschenwürde nur noch für Geimpfte.“

„Die Impfung ist weniger gefährlich als Covid“, versuche ich zu argumentieren. „Kann sein“, sagt er, „bei Ebola würde ich nicht lange überlegen. Aber es gab da Berichte, am Anfang der Pandemie. Die sind dann verschwunden. An eine Verschwörung glaube ich auch noch nicht, aber es kommt mir schon einiges merkwürdig vor. Außerdem lasse ich mich auch nicht gegen Grippe impfen.“

„Grippe ist nicht so schlimm wie Corona“, werfe ich ein.

„Sterben aber auch zig Tausende jedes Jahr dran“, sagt der Impfverweigerer.

„Jedenfalls will ich’s nicht kriegen“, sage ich. „Ich bin froh über meinen Booster-Termin.“

„Jaja, du bist Arzttochter, du gehst da naturwissenschaftlich dran“, sagt er. „Verstehe ich. Aber ich mag mich nicht gegen alles absichern. Ich lasse auch gern Türen unabgeschlossen. Ich finde, Risiken gehören zum Leben dazu. Das kannst du bescheuert finden, aber solange ich damit sonst keinem schade…“

„Naja, irgendwie schadet es schon“, wende ich ein, „weil sich die Pandemie in die Länge zieht, und weil mehr Leute sich anstecken.“

Der Impfverweigerer ist sich nicht sicher, ob das so stimmt, und ich bin es, ehrlich gesagt, auch nicht. Oder darf ich auch das nicht sagen, wie in der DDR?

„Vielleicht mutieren die Viren ja auch wie wild, weil man in eine Pandemie hinein impft“, sagt er, „sowas haben Wissenschaftler doch auch mal gesagt.“ Und vielleicht helfe die Impfung gar nicht so sehr, wie man glauben solle? Aber er sei froh, dass ich ihn nicht verurteile.

„Mensch, lass dich doch einfach impfen“, schlage ich vor, „dann können wir mal wieder ins Kino gehen und an etwas anderes denken. Oder in die Sauna.“

„Niemals!“, meint er. „Jetzt erst recht nicht. Da werde ich dann auch trotzig.“

Zum Abschied halte ich die Luft an, bevor ich ihn umarme und schäme mich. Weil der Impfverweigerer im Namen der einzig wahren kollektiven Freiheit als Asozialer stigmatisiert wird. Und ich schaue dabei zu – dabei ist er doch mein Freund! Der mir schon öfter aus der Patsche geholfen hat, ohne zu fragen, was für ihn dabei rausspringt. Ich schäme mich für ein Land, in dem Freiheit nur noch eingeschränkt denkbar ist als moralisch reine Zone, aus der Andersdenkende ausgesperrt werden. In so einem Land will ich eigentlich nicht leben.

Dann lüfte ich. Lange.

Katharina Körting ist freie Autorin. 2021 erschienen von ihr in Buchform u. a. die Essays Kontakttagebuch und Liquidierung der Vergangenheit.

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